Archiv 2008 :: Skandal

Rettungsaktion in Riesa

aktion tier und das Tierheim Meißen Winkwitz e.V. retten Mensch und Tiere

7_37_messi.jpg Berlin, Meißen 30.10.2008. Als Mario Assmann, der Chef unseres Koope-rationspartners Tierheim Meissen-Winkwitz e.V. Anfang Oktober 2008 vom zuständigen Veterinäramt gebeten wird, etwa 30 Katzen aus einer völlig verwahrlosten Wohnung zu holen, ahnt er, was auf ihn zukommt und bittet aktion tier um Mithilfe.
Ein Bericht von Ursula Bauer, aktion tier-Geschäftsstelle Berlin


Einige Tage später treffen wir uns mit Spiegel TV und dem örtlichen MDR im Tierheim Meissen zur Lagebesprechung. Da wir auf das Schlimmste gefasst sind, liegen Schutzanzüge, Atemmasken, Kescher, Handschuhe und 40 Transportbehälter bereit. Mario Assmann gibt seinen vier Mitarbeiterinnen Anweisungen, die wahrscheinlich scheuen Katzen schnell und konsequent zu greifen. Wir fahren zum Einsatzort, einem mehrstöckige, heruntergekommenen Haus in der Haltenstrasse in Riesa. Es ist das letzte in einer Reihe gepflegter Mehrfamilienhäuser am Rande eines weitläufigen Industriegebiets. Mit den teilweise kaputten Fenstern, dem abbröckelnden Fassadenputz und den zahlreichen fehlenden Dachschindeln wirkt es unbewohnt. Hier soll also Gisela W. mit ihren vielen Katzen leben.

Frau K., die rechtliche Betreuerin der Katzenhalterin, empfängt uns. Sie will sich um ihre Klientin kümmern, während wir die Tiere einfangen. Schon im Hausflur schlägt uns ein unangenehmer Geruch nach Moder, verschimmeltem Abfall und Katzen-Urin entgegen. Neben der Haustür stapeln sich Müllbeutel mit leeren Katzenfutterdosen. Die 73-jährige Rentnerin W. ist neben einem älteren Mann mit augenscheinlichen Alkoholproblemen die einzige Bewohnerin des großen Hauses. Wir steigen im dunklen Treppenhaus in den dritten Stock, wo uns die kleine, weißhaarige Frau W. an der Wohnungstür empfängt. In ihrer schmuddeligen, abgetragenen Kleidung wirkt sie wesentlich älter. Ihre Augen sind auffällig rot entzündet, der Mund ist zahnlos. Nach einigem Zureden lässt sie uns in die Wohnung, setzt sich auf einen klapprigen Stuhl am Eingang und harrt der Dinge, die da kommen.

Ich bedaure sofort, dass ich noch keine Schutzkleidung trage und meine Atemmaske unten im Auto liegt. Der Boden der Drei-Zimmer-Wohnung ist mit Katzenkot bedeckt, das Mobiliar fast vollständig zerstört, überall stapeln sich Müll und Abfall. Der abgestandene Katzen-Urin hat sich infolge bakterieller Umwandlungsprozesse in stechendes Ammoniakgas umgewandelt, welches mir den Atem nimmt und Tränen in die Augen treibt. Jetzt erklären sich auch die entzündeten Augen von Frau W., die seit vielen Jahren permanent in diesem giftigen Dunst lebt. Die Rentnerin leidet ganz offensichtlich am sogenannten Messie-Syndrom. Von dieser psychischen Störung betroffene Menschen sammeln Dinge, können in der Regel ihre Wohnung nicht ordentlich halten und haben zunehmend Probleme mit der Organisation selbst einfacher Alltagsaufgaben.

Um Fassung ringend arbeiten wir uns durch das Chaos und entdecken schnell die ersten Katzen, die sofort die Flucht ergreifen. Nach mehrstündiger Knochenarbeit haben wir 16 erwachsene Tiere und zwei Katzenbabys eingefangen. Die Katzen sind stark abgemagert und augenscheinlich krank. Insgesamt drei Kadaver in unterschiedlichen Verwesungsstadien liegen hinter umgestürzten Schränken. Frau W. weiß nicht, wie viele Tiere in ihrer Wohnung leben, kann uns keine Namen nennen. Hier ist ein alter Mensch in völlige Resignation versunken – zu viele Katzen, soziale Isolation, zu große Probleme, keine Kraft für eigene Lösungen, keine Hilfe von außen. Frau W. ist ihr ganzes Leben über den Kopf gewachsen. Vor allem die unkontrollierte Vermehrung ihrer drei Katzen, mit denen das ganze Drama vor einigen Jahren begann. Uns wird schnell klar, dass es hier nicht nur um die Tiere geht. Wir sind Zeugen einer menschlichen Tragödie, bei der wir nicht wegsehen dürfen.

Behutsame Nachfragen ergeben, dass der Strom schon seit Jahren abgeschaltet ist und Gisela W. von 230 Euro Rente im Monat lebt. Seit Anfang 2006 steht die Rentnerin unter rechtlicher Betreuung, ein Pflegedienst bringt ihr seit geraumer Zeit täglich Medikamente. Auch Essen bekommt sie jeden Tag. Allerdings weigern sich die Lieferanten, die kontaminierte Wohnung zu betreten und stellen die Aluminiumschalen im Hausflur ab. Wir sind über diese Informationen schockiert.

Da wissen mehrere offizielle Stellen seit Jahren um das menschliche und tierische Elend in der Haltenstrasse und niemand hilft? Es wäre die Aufgabe der rechtlichen Betreuerin gewesen zumindest dafür zu sorgen, dass Frau W. ergänzende Sozialhilfe und die entsprechende psychologische Hilfe erhält, die bei einem derart ausgeprägten Messie-Syndrom erforderlich ist.

Mario Assmann klemmt sich ans Telefon. Ordnungsamt, Gesundheitsamt, Polizei – niemand fühlt sich zuständig. Schließlich bitten wir den Johanniter Hilfsdienst, einen Krankenwagen zu schicken. Die freundlichen Helfer bringen Gisela W. bereitwillig in ein Krankenhaus. Die alte Frau spricht immer wieder von Selbstmord. Noch am Abend werden die eingefangenen Katzen im Tierheim Meissen kastriert und tierärztlich versorgt. Alle Tiere sind bis auf die Knochen abgemagert und mit Flöhen übersät. Aufgrund des starken Ohrmilbenbefalls hatten sie sich die Ohren bereits blutig gekratzt. Unsere Rettung kam gerade noch rechtzeitig, bevor weitere Tiere elendig verhungert wären. Jetzt können sich die Miezen in Ruhe erholen.

Frau W. soll einige Tage später aus dem Krankenhaus entlassen und zurück in ihre Wohnung gebracht werden. Durch intensive Pressearbeit und hartnäckige Bitten beim Landrat des Landkreises können wir schließlich durchsetzen, dass die Rentnerin dauerhaft in einem Pflegeheim untergebracht wird, so dass sowohl Frau W. als auch ihre Katzen in Zukunft ein menschen- und tierwürdiges Leben führen können.



 

erstellt am: 30.10.2008
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