Der Hai - Ein Jäger wird zum Gejagten

Bedrohter Lebensraum

Er ist ein Jäger, ein eleganter und hoch spezialisierter, von dem eine besondere Faszination ausgeht. Fast 500 Arten soll es davon geben, manche davon sind 14 Meter lang und zwölf Tonnen schwer, andere sind nur 15 cm lang. Sie erreichen bei der Jagd eine Geschwindigkeit bis zu 90 km/h. Einige Arten tauchen 300 Meter tief, bestimmte Spezies erreichen fast 1.300 Meter Tiefe. Dabei können sie blitzschnell viele Tiefenmeter überwinden.
Ein Bericht von Judith Brettmeister, aktion tier-Geschäftsstelle München

Die Rede ist vom Hai. Nur von wenigen Haiarten wissen wir wirklich etwas. Über viele wissen wir so gut wie gar nichts, vor allem was das Verhalten dieser Tiere, deren Sinnesleistungen oder Nahrungsverhalten betrifft. Haie leben dabei nicht nur in den großen Weltmeeren, vielmehr leben einige Arten auch direkt vor unserer Haustür, also in der Nord- und Ostsee. Insgesamt 18 verschiedene Haiarten sollen allein in der Ostsee beheimatet sein und zwar vor allem der Blauhai, der Dornhai und der Heringshai.

Da die Arten der Haie so unterschiedlich sind, weicht auch das jeweilige Alter, welches sie erreichen können, erheblich ab. Manche werden nur etwa acht Jahre alt, andere bis zu 70 Jahre. Bei einigen Arten dauert eine Schwangerschaft bis zu zwei Jahren. Während die meisten ihre Jungen lebend gebären, legen mehrere Arten befruchtete Eier ab. Viele Haiarten sind heutzutage in ihrem Bestand bedroht. Elf Arten (darunter der Weiße Hai, der Heringshai, der Walhai) stehen auf der Roten Liste der IUCN als vom Aussterben bedroht und 70 weitere Arten sind gefährdet. Fast die Hälfte der in der Ostsee lebenden Hai-Arten gehört zu den vom Aussterben bedrohten Arten, d. h., sie stehen kurz vor dem Aus. Die Ursache dafür liegt, wie immer in der Natur, beim Menschen und seinem Verhalten. Zum einen kann davon ausgegangen werden, dass sich die Ostsee als immer stärker belasteter Lebensraum für Haie ist. Ursachen hierfür sind Überdüngung, viele Algen und Sauerstoffmangel. Der Hauptgrund für das Sterben so vieler Haie ist aber die Überfischung und zwar nicht nur in der Ostsee.

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Bild: ©Alexander Enders/pixelio

So sind auch die dreieinhalb Meter langen und 200 kg schweren Heringshaie, die Vettern des großen Weißen, die im Atlantik, im Mittelmeer in der Nord- und im westlichen Teil der Ostsee vorkommen, nicht nur stark gefährdet, sondern kritisch bedroht. Er ist ein wahrer Kannibale unter den Haien. Seine Nahrung sind Schwarmfische, wie z. B. die Heringe. Aber dieser große Jäger ist längst selbst zum Gejagten geworden. Da das Fleisch des Heringshaies sehr wertvoll ist, wird er weltweit gefangen. Produkte aus dieser Haiart kommen bei uns vor allem als „Schillerlocken“ und „Seeaal“ auf den heimischen Tisch. Als Spezialität wird aber auch vermehrt Haifleisch in Form von Steaks angeboten. Haifleisch taucht in Restaurants, Imbissstuben oder Supermärkten unter den Namen Seestör, Karbonadenfisch, Speckfisch, Königsaal und Steinlachs auf. Haifleisch verbirgt sich auch in Englands „Fish and Chips“. Selbst in Hundefutter tauchen zum Teil Haiprodukte auf. Aus Hai-Haut (Boroso- Leder) werden Lederprodukte wie Geldbeutel, Schuhe, Gürtel, Ledermappen oder Uhrenarmbänder produziert. Pulver und Pillen werden aus Haiknorpeln hergestellt und sollen der Steigerung der sexuellen Leistungsfähigkeit, als Asthmamittel oder als Anti-Krebsmedikament dienen. Wissenschaftlich nachgewiesen ist keine der mit dem Verkauf solcher Produkte prophezeiten Wunderwirkungen. Nachgewiesen ist allein, dass damit, vor allem im asiatischen Bereich, viel Geld verdient werden kann.

Bis zu drei Millionen Hammerhaie werden pro Jahr getötet

8_2623_hhai.jpgAls besonders gefährdet gilt der Große Hammerhai. Die meisten Arten der Hammerhaie haben diese hammerförmige Schnauze, welche ein hochempfindliches Sinnesorgan darstellt, mit dem sie elektrische Impulse registrieren können. Ganz futuristisch erscheint das Aussehen dieser Art durch die am jeweiligen Ende der Schnauze angebrachten Augen. Wurde diese Haiart früher beim Thun- und Schwertfischfang eher ungewollt gefangen, ist er seit einiger Zeit Ziel einer besonders grausamen Fangmethode, des sogenannten Finning, geworden. Aufgrund der großen Nachfrage in Asien nach Haifischflossen werden Hammerhaie gezielt gefangen, deren Flossen abgeschnitten und anschließend so verstümmelt wieder ins Meer geworfen. Dort gehen sie elendig zugrunde, da die meisten einen qualvollen Erstickungstod erleiden, da Haie schwimmen müssen, um Atmen zu können. Andere werden so verstümmelt zu leichter Beute von Artgenossen. Pro Kilogramm der Haifischflossen werden auf den asiatischen Märkten Preise bis zu 250 Euro erzielt. Jeder, der sich eine Haifischflossensuppe bestellt, sollte sich die äußerst brutale Fangmethode und den grausamen Tod dieser Tiere vor Augen halten.

Insgesamt sollen es jährlich etwa 70 bis 100 Millionen Haie sein, die den Fischern ins Netz oder in die Haken der Langleinen gehen. 2,5 Millionen Haie davon gehen dabei allein in den USA auf das Konto von Sportfischern. Für viele Sportfischer gibt es nichts Schöneres, als sich in einem Erinnerungsfoto zusammen mit einem erlegten Hai ablichten zu lassen. Da der so Erfolgreiche in der Regel aber letztlich nichts mit dem erlegten Tier anfangen kann, wird der Hai tot wieder ins Meer geworfen. Sollte es sich aber bei dem getöteten Tier um einen Weißen Hai handeln, dann erhält man bis zu 50 000 Doller für ein vollständiges Kieferskelett. Mit ein Grund dafür, dass heute weltweit zwanzig Mal so viele dieser Tiere getötet werden wie noch Anfang der 90er Jahre.

Dabei sind die Haie für das Ökosystem Meer von unschätzbarem Wert. Haie übernehmen zusammen mit einigen Walarten eine wichtige Rolle zur Beibehaltung des ökologischen Gleichgewichts. Gibt es keine Haie mehr, steigt die Zahl anderer Fische. Diese fressen wiederum vermehrt Fische, die sich allein von Algen ernähren. Mit Abnahme der Bestände dieser Fische nimmt das Algenwachstum überhand und erdrückt die Korallen. Ein Ökosystem bricht zusammen. Haie jagen daneben vor allem kranke und schwache Tiere und übernehmen so eine gesundheitspolizeiliche Aufgabe. So führte z. B. das nahezu völlig Verschwinden des Hammerhais vor den Küsten Floridas dazu, dass sich der Stachelrochen ungehindert vermehren konnte und dieser zwischenzeitlich sogar teilweise eine Plage darstellt.

Nur damit es auch noch erwähnt wird: Haie jagen keine Menschen. Wenn es zu Hai-Angriffen auf Menschen kommt, so rührt dies entweder daher, dass diese von den Menschen nachhaltig belästigt wurden oder dass der Hai den Menschen mit einem üblichen Beutetier verwechselt. In einem Jahr registriert man weltweit etwa 100 Hai-Attacken auf Menschen, wobei in etwa fünf bis zehn Fällen ein solcher Angriff auch tödlich endet. Deshalb kann mit Fug und Recht behauptet werden, nicht der Hai bedroht den Menschen, richtig ist vielmehr, dass wir, die Menschen, die Haie bedrohen. Wie bei vielen anderen Gelegenheiten auch hätten es die Verbraucher in der Hand, wirksam etwas für den Schutz der Haie zu tun. Konsumenten sollten keine aus gefährdeten Tierarten hergestellten Produkte mehr kaufen. Solange eine Nachfrage an solchen Produkten besteht, werden die Fischer einen hohen wirtschaftlichen Anreiz haben, weiter extensive Jagd auf Haie zu machen. Sinkt die Nachfrage, sinkt der Preis der Produkte und der wirtschaftliche Anreiz zur Jagd nimmt ab. So einfach die Kausalkette zum Schutz der Haie auch erscheinen mag, es wird noch lange dauern, bis die Selbstverantwortung der Kunden so weit entwickelt sein wird. Es ist nur zu hoffen, dass es dann nicht zu spät ist – vieles spricht jedoch leider dafür.

2009 verabschiedeten die zuständigen Minister aus 27 EU-Mitgliedsstaaten in Luxemburg einstimmig einen Aktionsplan zum Schutz von Haien. Es ist ein „Aktionsplan“ und keine verbindliche Regelung. Es gilt abzuwarten, was die einzelnen Mitgliedsländer hiervon umzusetzen bereit sind und in verbindliche Regeln gießen, vor allem was die Fangquoten für einzelne Arten betrifft.



 
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