Versuchstier 2010
Armes Schwein
Nach § 1 Tierschutzgesetz hat der Mensch eine Verantwortung für das Tier als ein Mitgeschöpf dahingehend, sein Leben und sein Wohlbefinden zu schützen. Einem Tier darf niemand ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen. Was ist das – ein „vernünftiger Grund“, der den Menschen dazu berechtigen soll, dem Mitgeschöpf Tier Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen zu dürfen? Es gibt keine Legaldefinition des Begriffs „vernünftiger Grund“. Hier handelt es sich um einen sogenannten unbestimmten Rechtsbegriff. Der Mensch ist seiner Verantwortung für das Tier, wie dies § 1 des Tierschutzgesetzes festlegt, nicht gerecht geworden. Dabei sollte Tierschutz nicht aus der bloßen Befolgung eines Gesetzes gelebt werden. Tierschutz ist schlicht ein Gebot der Natur. Aber es ist bekannt, dass sich der Mensch von diesen Geboten der Natur längst verabschiedet hat.
Ein Bericht von Judith Brettmeister, aktion tier-Geschäftsstelle München
Nach § 1 Tierschutzgesetz hat der Mensch eine Verantwortung für das Tier als ein Mitgeschöpf dahingehend, sein Leben und sein Wohlbefinden zu schützen. Einem Tier darf niemand ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen. Was ist das – ein „vernünftiger Grund“, der den Menschen dazu berechtigen soll, dem Mitgeschöpf Tier Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen zu dürfen? Es gibt keine Legaldefinition des Begriffs „vernünftiger Grund“. Hier handelt es sich um einen sogenannten unbestimmten Rechtsbegriff. Der Mensch ist seiner Verantwortung für das Tier, wie dies § 1 des Tierschutzgesetzes festlegt, nicht gerecht geworden. Dabei sollte Tierschutz nicht aus der bloßen Befolgung eines Gesetzes gelebt werden. Tierschutz ist schlicht ein Gebot der Natur. Aber es ist bekannt, dass sich der Mensch von diesen Geboten der Natur längst verabschiedet hat.
Ein Bericht von Judith Brettmeister, aktion tier-Geschäftsstelle München
Wir essen unsere Tiere und dies bedeutet für viele Tiere Grausamkeit: unzumutbare Massentierhaltung, quälende Tiertransporte. Diese Mittel werden in Kauf genommen allein für den Zweck, Unmengen der Ware Fleisch oder Wurst zu produzieren zu möglichst billigen Preisen. Wir nehmen in Kauf, dass ein Hähnchen in der Mast wenig mehr als vier Wochen leben darf, dass ein Kalb bis zur Verwertung nur drei Monate lebt und ein Schwein allenfalls ein halbes Jahr. Mit den Möglichkeiten der Zucht verunstalten wir Hunde, bis sie unseren „Schönheitsidealen“ entsprechen. Wir beteiligen uns an der fast hysterischen Begeisterung für ewig in Gefangenschaft bleibende Eisbären und nennen sie „Knut“, „Flocke“ oder „Wilbär“. Wir beklatschen die Verrenkungen der Wildtiere, die diese im Zirkus vorführen müssen, und sehen nicht mehr, dass Nilpferde, Elefanten, Giraffen, Tiger, Löwen etc. nichts, aber schon gar nichts im Manegenrund und den Gitterkäfigen der Schausteller verloren haben. Wir bestaunen Delfine in viel zu kleinen Bassins und haben vergessen, wie sehr wir dabei diesen Tieren Leid zufügen, die den Lebensraum Meer in seiner Größe zum Leben brauchen. Wir fiebern gemeinsam mit der deutschen Springreiterequipe, wenn bei internationalen Wettbewerben die schweren Tiere mitsamt ihren Reitern über meterhohe Hindernisse springen müssen und sehen nicht mehr, unter welchen Schmerzen diese Tiere zu diesen Höchstleistungen gebracht werden. All das, und noch vieles andere mehr, geschieht, und zwar nicht geheim oder versteckt, nein, direkt vor unseren Augen und wir lassen es zu. Vor acht Jahren wurde der Tierschutz als Staatsziel ins Grundgesetz geschrieben – die Situation der Tiere ist damit aber nicht wesentlich besser geworden. Das Schwein – Versuchstier des Jahres 2010
Etwas geheimer bzw. versteckter finden die Tierversuche statt. Die Zahl der Tieropfer, die jährlich in der Bundesrepublik auf mehrere Millionen geschätzt wird, nimmt kaum ab. Diese Laboratorien sind Stätten der Manipulationen, Entnahmen und Verabreichungen, Zwangsmaßnahmen, Ruhigstellungen, Narkosen und operativen Eingriffen. Tiertod für den hundertsten Deo-Duft und das tausendste Wäsche- Weiß, für die Weiterentwicklung der Waffentechnik und den ins Sinnlose steigenden Medikamentenverbrauch? Immerhin dürfen ab 2013 auf dem europäischen Markt nur noch Kosmetikprodukte angeboten werden, für die keine Tierexperimente durchgeführt wurden. Noch 2002 fanden in Großbritannien Versuche statt, bei denen Schweine in die Luft gesprengt wurden, um zu testen, wie Anschläge auf Menschen wirken. Schweine waren bei fast allen Nukleartests der Amerikaner zu Versuchszwecken beteiligt und sind heute noch bei allen Militärforschungen, die sich mit Bomben und Schusswaffen beschäftigen, im Einsatz. Im Januar dieses Jahres sollten Schweine in Österreich im Schnee eingegraben werden, um Aufschlüsse über die Zustände von Lawinenopfern zu erlangen. Weltweiter Protest verhinderte diesen Versuch in letzter Sekunde. Für neun Schweine kam dieser Versuchsabbruch aber zu spät. Dass in beiden Fällen die Tiere vorher narkotisiert wurden, ändert nichts an der ethischen Unvertretbarkeit dieser Versuche und an der wissenschaftlichen Fragwürdigkeit. Es war dieser Versuch in Österreich, der den Bundesverband Menschen für Tierrechte veranlasste, für das Jahr 2010 das Schwein zum Versuchstier des Jahres zu ernennen. Damit soll das erlebte Leid der Tiere in vielen privat und öffentlich geführten Labors, in das Bewusstsein der Öffentlichkeit getragen werden.Schon seit der Antike gilt das Schwein als Modell. Es ist näher am Menschen als alle anderen Standard- Versuchstiere. Die meisten Schweineorgane gleichen in Form, Größe und Funktion denen des Menschen. Sie leben in Gruppen (Rotten) zusammen und verständigen sich mit Quiek- und Grunzlauten. Wenn sich Schweine im Schlamm suhlen, dann dient dies allein der Körperpflege, da Schweine allen Vorurteilen zum Trotz sehr reinliche Tiere sind. Der „angesuhlte“ Schlamm dient zur Kühlung der Haut und wird an Bäumen und Büschen wieder abgerubbelt. Sie halten auch ihren Stall sauber, da sie Schlaf-, Fress- und Kotbereich sauber voneinander trennen – wenn man dem Schwein bei der Tierhaltung nur Platz dazu lässt. Häufig liegen sie eng zusammen und praktizieren soziale Körperpflege. Mit Lippen und Zähnen reinigen sie sich gegenseitig ihre Borsten und mit ihrer Rüsselscheibe massieren sie sich dann auch noch.
Es wird angenommen, dass Schweine ähnliche kognitive Fähigkeiten aufweisen wie Primaten und über ein Ichbewusstsein verfügen. Schweine wissen auch ganz genau, welche Pflanzen sie als Heilkräuter bei auftretenden Krankheiten fressen müssen. Die Industrie verwendet gerne Schweine statt Hunde bei Medikamentenversuchen, da die Erfahrung gemacht wurde, dass dies nicht so viel Protest in der Öffentlichkeit hervorruft. Zwischenzeitlich ist man vor allem in der Industrieforschung dazu übergegangen, Schweine für Versuche heranzuzüchten, sogenannte „Minipigs“. Hier handelt es sich um genetisch standardisierte Tiere, die weitaus kleiner sind (40 bis 50 Zentimeter hoch), weniger wiegen (etwa 35 bis 70 Kilogramm) und deshalb bei den Versuchen leichter „handelbar“ sind. Die Forscher sind nach wie vor davon überzeugt, dass für die Entwicklung neuer Therapien klinische Studien an Tieren durchgeführt werden müssen. Auch hofft man in der Forschung auf den Fortschritt innerhalb der Übertragung von Gewebe und Organen von Schweinen auf Menschen. Damit will die Medizin dem herrschenden Organmangel in der Transplantationsmedizin begegnen. Das Problem der Abstoßung von Organen bei einer Transplantation ist bei Organen von Tieren noch deutlich stärker. Dem versucht man zu begegnen, indem man Schweine gentechnisch so verändert, dass ihre Organe „menschenverträglicher“ werden. Bis man so weit ist, werden noch viele Schweine den oftmals leidvollen Weg als Versuchstiere beschreiten müssen.
Ein Ende der Tierversuche ist nicht absehbar
Da es dem Menschen zur Befriedigung seiner Bedürfnisse, seiner Vorlieben und zur Erreichung des von ihm vorgegebenen Zwecks nahezu jedes Mittel, das sich gegen Tiere richtet, recht zu sein scheint, wird es Tierversuche noch lange geben. Die Entwicklung und die Verwendung von bereits existierenden tierversuchsfreien Verfahren sind häufig teurer. Wir sind weit davon entfernt, unserer Verantwortung für das Tier als Mitgeschöpf gerecht zu werden. Dabei zeigte uns der Arzt und Theologe Albert Schweitzer, schon den richtigen Weg, in dem er sagte: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will“.
Bild1: ©Stephanie Hofschlaeger/Pixelio
Bild2: ©Seedo/Pixelio
mensch & tier 2/2010