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Stadttaube in Not

von: Diplom Biologin Ursula Bauer

Vergangenen Freitag erhielten wir den dringenden Hilferuf einer betagten Dame aus Berlin Lichtenberg. Da sie immer ein wenig Futter auf ihrem Balkon im 10ten Stock eines Hochhauses ausstreut, war mal wieder ein kleiner Schwarm Stadttauben gelandet. Später flogen alle wieder weg. Bis auf ein offenbar krankes Täubchen, das zitternd in einer Ecke sitzen geblieben war.

Beim Näherkommen konnte die 85jährige Mieterin zwar keine äußeren Verletzungen feststellen aber der Vogel zeigte unter Stress ein seltsames Verhalten. Er drehte sich schnell im Kreis und überstreckt den Kopf extrem weit nach hinten. Flugversuche scheiterten aufgrund starker Koordinationsprobleme. Statt vorwärtszukommen, schien die Taube sich eher rückwärtszubewegen.

Da die alte Dame gehbehindert und nicht in der Lage war, einen Tierarzt aufzusuchen, holten wir die Taube ab. Schon beim Beschreiben der Symptome war uns ein schlimmer Verdacht gekommen. Leidet der Vogel vielleicht an Paramyxovirose (kurz PMV)? Diese Krankheit wird von einem Virus verursacht, der speziell Vögel befällt. Aufgrund einer Mutation hat sich eine Virusvariante entwickelt, die als sogenannter „Taubentyp“ vorrangig Tauben infiziert (aviäre Paramyxovirus-1 oder kurz aPMV-1). Die Tauben- PMV tritt weltweit auf.

Es werden ganz unterschiedliche Krankheitsverläufe beschrieben und betroffene Tiere können sogar völlig gesund erscheinen. Häufiger ist jedoch, dass das Virus sämtliche Organe angreift und durch den Befall von Gehirn und Nerven zu starken Koordinations- und Bewegungsstörungen führt. In der Folge können die Tauben kaum noch Nahrung und Wasser aufnehmen. Es kommt außerdem durch vermehrte Urinausscheidung zur Ausschwemmung von Mineralien und einer fortschreitenden Austrocknung. Alle Faktoren zusammen führen früher oder später zum Tod. Während die Halter von Brief- und Rassetauben ihre Tiere durch kostengünstige Impfungen schützen können, sind die herrenlosen Stadttauben dem Virus hilflos ausgeliefert. Befallene Tauben scheiden das Virus über den Kot aus, wodurch die Krankheit rasend schnell verbreitet wird.

Wir haben unsere Stadttaube sofort in eine vogelkundige Tierarztpraxis gebracht. Eine erste Untersuchung brachte noch keine Klarheit. Die Tierärztin konnte sich neben der Paramyxovirose zum Beispiel auch eine Schädigung des Gehirns durch einen Scheibenanflug oder Bakterien wie Salmonellen vorstellen. Da es derzeit noch keine Medikamente gegen die Tauben- PMV gibt, wurden unserem Sorgenkind rein vorsorglich Vitamine verabreicht. Vor allem Vitamin B stimuliert das Immunsystem und es besteht auch bei der angeblich unheilbaren PMV immer die Hoffnung auf Selbstheilung. Vor allem, wenn die Tiere gut gepäppelt werden. Doch selbst die genesenen Tauben können meist nicht mehr in die Freiheit entlassen werden, da unter bestimmten Voraussetzungen erneut zum Beispiel krampfartige Anfälle auftreten können. Dann bleibt nur ein endgültiger Platz in einer Pflegestelle. Wir ließen unsere Stadttaube in der liebevollen Obhut der Praxis, wo alle Voraussetzungen gegeben sind.

Übrigens: Wie alle Taubenkrankheiten ist auch das Paramyxovirus für Menschen ungefährlich. Auch die Mitarbeiter in der Tierarztpraxis haben unseren Pechvogel ohne Handschuhe angefasst. Wer helfen möchte, kann also gerne eine kranke Stadttaube in einen kleinen Karton oder Stoffbeutel packen und in eine fachkundige Tierarztpraxis bringen.

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Diplom Biologin Ursula Bauer

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