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Animal Hoarding Fall Vitzeroda

Ursula Bauer mit Kasernenhunden.
Ursula Bauer von aktion tier e.V. mit einigen Kasernenhunden. Foto: aktion tier e.V.
Mitarbeiter von aktion tier Meissen und aktion tier Berlin vor dem Kasernengelände in Vitzeroda. Foto: aktion tier e.V.
Abtransport der Kasernenhunde 2010. Foto: © aktion tier e.V.
Verladung der beschlagnahmten Hunde. Foto: aktion tier e.V.
Insgesamt 72 Hunde werden im Januar 2010 von Frau P. abgegeben, so dass sie gemäß der Aussagen des Veterinäramtes schließlich „nur“ noch etwa 60 Hunde besitzt. Foto: aktion tier e.V.
Der Amtstierarzt verspricht, von nun an regelmäßig zu kontrollieren; dass die Tiere aufgrund teilweise massiver Angst- und Verhaltensstörungen auch nach Diät und körperlicher Genesung nur sehr schwer vermittelbar sind, ist dem Amt bekannt. Foto: aktion tier e.V.
Jenny wurde befreit. Foto: © aktion tier e.V.
Die Untersuchung der 16 von uns übernommenen Vitzeroda-Hunde im Tierheim Meißen bringt die Folgen der Haltung an den Tag. Hündin 'Jenny' war wohl der Prügelknabe... Foto: aktion tier e.V.
Hündin Jenny war schwer verletzt. Foto: © aktion tier e.V.
Jennys Hinterleib war schwer verletzt. Foto: aktion tier e.V.
 
 

Von Ursula Bauer, März 2012. Endlich ist es vorbei. Am 10. November 2011 beschlagnahmen die Behörden über 100 Hunde in einer alten Kaserne bei Vitzeroda. Die Tiere lebten dort ohne Tageslicht zusammengepfercht, mit verwesenden Schlachtabfälle gefüttert, krank und traumatisiert. aktion tier und sein Projektpartner Tierheim Meißen-Winkwitz waren mit dabei und haben 63 Hunde übernommen.

Es ist eine lange und leider nur allzu typische Animal-Hoarding-Geschichte über das Versagen einer selbsternannten Tierschützerin und die Passivität der Behörden, die nun hoffentlich für immer ihr Ende gefunden hat. Hauptfigur des Dramas ist Marietta P., eine erwerbslose ältere Frau. Schon seit Mitte der 90er Jahre ist sie den Behörden als Animal Hoarderin bekannt. Zuerst betreibt sie ein „SOS-Hundeheim“ in Frankfurt am Main. Etwa 1994 zieht Frau P. in das hessische Herbstein, wo ihre Tierhaltung dann völlig aus dem Ruder läuft und mehrfach den Behörden angezeigt wird. Als die Luft dünn wird, flüchtet sie mit über 30 Hunden, 20 Ziegen und anderen Tieren im Jahr 1997 nach Hirschfeld in Thüringen, wo sie ein kleines Gehöft in der Ortsmitte bezieht. Auch hier ist die Versorgung und Pflege der vielen Tiere mehr als mangelhaft, das Gelände vermüllt zusehends, die Gebäude verfallen, es gibt weder Strom noch Wasser. Schließlich lässt der Bürgermeister ABM-Kräfte das Gras an den Wegrändern mähen, damit die hungernden Ziegen etwas zu fressen bekommen. Als die Behörden schließlich eingreifen wollen, ist Marietta P. über Nacht verschwunden – nach Vitzeroda in Thüringen, wo sie am Rande des kleinen Dorfes eine ehemalige Kaserne mit großem Gelände gepachtet hat.

Im Dezember 2009 erreichen aktion tier zahlreiche Mails über die Zustände auf dem sogenannten „Gnadenhof“. Über 100 Hunde sowie einige Pferde, Ziegen, Ponys und Katzen sollen unzureichend ernährt, katastrophal untergebracht und nicht angemessen tierärztlich betreut sein. Die den Mails beigefügten Fotos zeigen provisorische Bretterverschläge, Schlachtabfälle, Knochen, Müll und Gerümpel. Dazwischen verdreckte, ängstliche Hunde, die knietief im Matsch stehen. Wir bieten dem zuständigen Veterinäramt des Wartburgkreises an, sofort 16 Hunde zu übernehmen. Voraussetzung für unsere Hilfe ist allerdings, dass seitens der Behörden konsequent Auflagen zur Bestandsreduzierung und zur Verbesserung der Haltungsbedingungen des verbleibenden Tierbestands erteilt werden. Es zeigt sich, dass Marietta P. keine §11-Genehmigung für ihren tierheimähnlichen „Gnadenhof“ besitzt, obwohl sie Tiere aufnimmt und abgibt. Die Tierhaltung wird als reine Privathaltung eingestuft. Außerdem wurde der Animal Hoarderin bereits Mitte 2007 ein Aufnahmestopp für Tiere auferlegt und eine Bestandregulierung durch Kastration der vorhandenen Tiere angeordnet. Frau P. hätte angeblich immer Hunde abgeben wollen, jedoch keine Abnehmer gefunden.

Wir übernehmen 16 Hunde

Wir verabreden, am 26.01.2010 die 16 Hunde abzuholen und im Tierheim unseres Projektpartners in Meißen unter zu bringen. Der damals zuständige Amtstierarzt ist mit vor Ort, betritt das Gelände jedoch nicht. Auch wir dürfen nicht hinein, Frau P. und ein Helfer bringen nacheinander ausgewählte Hunde nach draußen. Schon bei diesem ersten Besuch sind wir von den allein von außen erkennbaren Zuständen schockiert. Über dem Gelände liegt ein strenger Geruch nach Tierfäkalien und verwesenden Schlachtabfälle. Das große Kasernengebäude ist marode, die Fenster teilweise abgedunkelt. Diverse Schrottautos und alte Bauwagen stehen herum, überall liegen Berge von Müll und Gerümpel. Strom und Wasser gibt es schon seit dem Einzug der Tiersammlerin nicht, da sie die Rechnungen nicht bezahlt hat. Marietta P. ist für unsere Hilfsaktion dankbar und gelobt Besserung. Sie will fortan keine Hunde mehr aufnehmen und weitere Tiere abgeben. Insgesamt 72 Hunde werden im Januar 2010 von Frau P. abgegeben, so dass sie gemäß der Aussagen des Veterinäramtes schließlich „nur“ noch etwa 60 Hunde besitzt. Der Amtstierarzt verspricht, von nun an regelmäßig zu kontrollieren.

Die Untersuchung der 16 Vitzeroda-Hunde im Tierheim Meißen bringt die Folgen der Haltung an den Tag. Durch die fast ausschließliche Fütterung vor allem mit fetten Schweineabfällen sind alle Hunde verfettet (Adipositas). Gleichzeitig fehlen den derart mangelernährten und im Dunkeln ohne Bewegung gehaltenen Tieren wichtige Nährstoffe. Vor allem das in Fleisch und Innereien kaum vorhandene Kalzium lässt auf Dauer die Knochen weich und verformbar werden. Daher weist ein Großteil der Hunde Hängerücken und meist stark verformten Vorderbeinen (O-Beine) auf. Außerdem stellen wir bei den weder geimpften noch kastrierten Tieren Flöhe, Ohrmilben, Ekzeme und Bissverletzungen fest. Die ängstliche Jagdhündin Jenny ist besonders schlimm dran. Anscheinend war sie im Rudel das schwächste Glied – der Prügelknabe. Jenny ist am Hinterleib und im Schwanzbereich mit Bisswunden übersät. Die Wunden wurden nicht behandelt und haben sich daher stark entzündet. Wäre Jenny nicht zu uns gekommen, wäre sie mit ziemlicher Sicherheit bald an einer Blutvergiftung gestorben. Wir informieren das Veterinäramt über die haltungsbedingten Krankheitsbefunde der Hunde. Dass die Tiere aufgrund teilweise massiver Angst- und Verhaltensstörungen auch nach Diät und körperlicher Genesung nur sehr schwer vermittelbar sind, ist dem Amt bekannt. Entsprechende Konsequenzen werden dort jedoch nicht gezogen. Man versucht, uns damit zu beruhigen, dass angeblich regelmäßig kontrolliert würde.