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Tödlicher Hass auf Tauben

Eine sterbende Taube am Gendarmenmarkt in Berlin.
Eine sterbende Taube am Gendarmenmarkt in Berlin. – Foto: privat

Bis zu 300 tote Tauben sowie eine unbekannte Anzahl verendeter Wildvögel und Säugetiere. Das ist die Bilanz eines oder mehrerer Taubenhasser, die in Berlin Mitte seit dem vergangenen Jahr ihr Unwesen treiben.

Ein Bericht von Ursula Bauer, aktion tier Geschäftsstelle Berlin, März 2020

Fragt man Menschen nach ihrer Meinung zu Tauben, erhält man meistens nur ein ”gut“ oder ”schlecht“ als Antwort – nichts dazwischen, auch kein ”egal“. Kaum ein anderes Tier polarisiert derart stark. Außer vielleicht Ratten. Tauben sind entweder süß und sympathisch oder eklig und zum Fürchten. Im extremsten Fall wecken die unschuldigen Vögel regelrechten Hass und Mordlust. Zum Beispiel am Hausvogteiplatz in Berlin und am nahegelegenen Gendarmenmarkt, wo mehrere hundert Stadttauben leben, die seit vielen Jahren von einer Gruppe Frauen, darunter Frau K., gefüttert werden. Taubenfreunde werden, ähnlich wie Straßenkatzen-Fütterer, häufig beleidigt und manchmal auch bedroht. Besonders tat sich dabei seit Mai letzten Jahres ein etwa 50jähriger, schlanker Mann mit Brille und Stirnglatze hervor, der öfter zum „Stänkern“ vorbeikam.

Es folgten schreckliche Taten

Als sich die Frauen nicht einschüchtern und vom Füttern abhalten ließen, folgte Stufe zwei des Anti-Tauben-Terrors in Form einer bratfertigen Zuchttaube, die in einer von den Tierfreunden aufgestellten Wassertränken lag. Deutlicher konnte die Warnung nicht sein, die dann schnell Realität wurde. Nur einige Tage später war das Wasser in den Näpfen giftgrün. Die Frauen schütteten es weg und ahnten noch nicht, dass hier systematisch Tauben vergiftet werden sollten. Bis sie kurz darauf halbaufgelöste Pads mit blauer Paste in den Wasserschalen vorfanden. Die Aufschrift „Rodentizid“ schaffte Klarheit: Es handelte sich um Gift, das zur Bekämpfung von Ratten und Mäusen gedacht ist (lesen Sie mehr zu diesem Giftstoff im Folgebericht auf den Seiten 3642). Coumatetralyl, der Wirkstoff in der Paste, gehört zu den sogenannten Antikoagulantien. Diese vermindern die Blutgerinnung, so dass Nager 5-10 Tage nach der Aufnahme qualvoll an inneren Blutungen sterben. Tauben auch, denn das Gift wirkt bei allen Tieren und auch bei Menschen. Das verseuchte Wasser stellte also eine Gefahr für alle Wild- und Haustiere dar, die an den Schalen ihren Durst stillen. Gemäß Herstellerempfehlung soll das blaue Nagergift nicht umsonst nur in abschließbaren Köderboxen ausgelegt werden.

Nach etwa 14 Tagen wurden die ersten toten Tauben am Hausvogteiplatz und auf dem Gendarmenmarkt gefunden. Nicht nur die Fütterer waren geschockt. Auch Passanten riefen bei der Polizei an und meldeten die unheimlichen Funde. Diese waren jedoch nur die Spitze des Eisbergs. Es ist davon auszugehen, dass weitere Tiere wie Wildvögel, Mäuse, Ratten und vielleicht sogar Eichhörnchen und Waschbären sterben mussten und entweder nicht gefunden wurden oder deren Kadaver schnell von Füchsen oder Krähen gefressen worden waren.

Giftweizen verursacht Massensterben

Indessen blieb/en der oder die Taubenhasser nicht untätig, sondern streute ab September in regelmäßigen Abständen große Mengen von dunkelrot gefärbtem Weizen und später ein graues, linsenförmiges Substrat zuerst auf dem Hausvogteiplatz und dann auch auf dem Gendarmenmarkt aus. Giftweizen, und darum handelt es sich wahrscheinlich, enthält üblicherweise den Wirkstoff Zinkphosphid und wird normalerweise als Pflanzenschutzmittel zur Bekämpfung von Nagern im Agrarbereich eingesetzt. Wird der vergiftete Weizen gefressen, reagiert das Zinkphosphid sofort mit der Magensäure und setzt das extrem giftige Gas Phosphorwasserstoff frei. Das ist ein Nervengift, welches das betroffene Tier schnell durch Lähmung der Atemwege tötet. Pflanzenschutzmittel mit Zinkphosphid sollen nur in den Boden eingebracht oder in Köderboxen verwendet werden.

Manchmal wird Ködergetreide auch mit dem Wirkstoff Bromadiolon versetzt. Das ist ein Blutgerinnungs-Hemmer (Antikoagulanz) wie das Coumatetralyl in der blauen Paste. Giftweizen wird oft verbotenerweise gegen Tauben verwendet, da er leicht zu beschaffen ist, großflächig ausgebracht werden kann und von den hungrigen Vögeln gierig aufgepickt wird.

In der Folgezeit starben bis Weihnachten 200 bis 300 Tiere.

Die von Frau K. und ihren Mitstreitern benötigten Futtermengen verringerten sich wöchentlich. Die toten oder sterbenden Vögel lagen am Hausvogteiplatz und auf dem Gendarmenmarkt. Einige Tiere wurden noch zum Tierarzt gebracht, aber es gab keine Rettung. Das scheint dem Taubenhasser jedoch noch immer nicht zu genügen. Denn nach wie vor wird fast täglich am frühen Morgen Giftweizen auf beide Plätze gestreut und später dann, so gut es geht, von den Frauen wieder zusammengefegt. Wie groß muss die Wut sein, dass jemand diese hochgefährlichen Substanzen im öffentlichen Raum auslegt und damit Menschen, Tiere und die Umwelt in Gefahr bringt?

Nicht Füttern bringt gar nichts

Der Vergifter gehört offensichtlich zu der großen Gruppe von Menschen, die glauben, dass sich die Tauben durch regelmäßiges Futter stärker vermehren. Daher hassen sie auch die Menschen, die sich der armen Vögel annehmen. Dabei ist diese Annahme falsch. Bei Wildtieren gibt es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen großem Nahrungsangebot (= hohe Vermehrungsrate) und Nahrungsknappheit (= reduzierte Vermehrungsrate). Stadttauben sind jedoch verwilderte Haustiere, bei denen diese Rechnung, wissenschaftlich belegt, nicht aufgeht. Sie können, unabhängig vom Nahrungsangebot, ihr angezüchtetes Brutverhalten (bis zu 7 x pro Jahr) nicht ändern. Daher ist auch das in vielen Städten verhängt Fütterungsverbot wenig sinnvoll.

In Berlin ist das Füttern von Tauben übrigens nicht verboten. Allerdings müssen Fütterer darauf achten, nur so viele Körner auszustreuen, wie von den Tieren gefressen werden können. Bleibt Futter liegen, ist das eine Verunreinigung öffentlichen Straßenlandes. Und das wiederum ist eine Ordnungswidrigkeit, die mit einem Bußgeld belegt werden kann.

Die Kluft zwischen Erwartung und Wirklichkeit

Seit Mai wurde bei jedem Gift-Fund Anzeige bei der Polizei erstattet, und im August erfolgte eine Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft. Es gab Zeugen, die den mutmaßlichen Täter gesehen und fotografiert haben, es gab viele tote Tiere und noch mehr Gift. Alle Beteiligten hatten die Hoffnung, dass die Hüter des Gesetzes nun aktiv werden, Personen überwachen, die Plätze observieren, vielleicht Überwachungskameras aufstellen und regelmäßig Streife fahren. Aber so läuft das nicht. Die Beamten haben vielfältige Aufgaben, sind ständig unterbelegt und überlastet und schließlich keine Detektive. Und dann sind da noch die Vorschriften, die eingehalten werden müssen.

Ende September teilte die Staatsanwaltschaft den Fütterern dann erwartungsgemäß mit, dass kein Täter ermittelt werden konnte. Die Polizei weigerte sich phasenweise, weitere Anzeigen aufzunehmen. Man würde erst wieder tätig werden, wenn tote Tiere in unmittelbarer Nähe des Giftweizens liegen. Dabei ist allgemein bekannt, dass sich sterbende Tiere verstecken. Sie verenden auch nicht unmittelbar nach der Giftaufnahme und fallen tot um, sondern ringen oft viele Tage mit dem Tod.

Nachdem die Taubenfütterer selbst recherchiert haben und den Arbeitsplatz des mutmaßlichen Giftlegers in Erfahrung bringen konnten, hoffen jetzt alle, dass die Polizei seine Identität herausfinden und ihn zumindest vernehmen kann. Gibt es Beweise wie etwa Zeugen, die den Mann beim Giftauslegen ertappt haben, müsste er sich wegen diverser Rechtsverstöße verantworten: zum Beispiel gegen das Berliner Straßengesetz (Verunreinigung öffentlichen Straßenlandes), gegen das Chemikaliengesetz und die Gefahrstoffverordnung (Missachtung der Anwendungsbestimmungen von Gift) sowie gegen das Tierschutzgesetz. Dort steht im § 17, dass derjenige mit einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe von bis zu 25.000 Euro bestraft wird, der ein Wirbeltier ohne vernünftigen Grund tötet oder diesem länger anhaltende oder sich wiederholende erhebliche Schmerzen oder Leiden zufügt. Wenn also nachweislich ein Hund, eine Katze oder ein anderes Tier durch das Gift gestorben ist, kann es eine saftige Strafe hageln. Stadttauben werden teilweise zu den Schädlingen gerechnet und ihre Vernichtung behördlich angeordnet. Aber auch in diesem Fall wäre es strafbar, eigenmächtig eine Vergiftung der Vögel mit Rodentiziden vorzunehmen.

Dieser Fall beunruhigt

Nicht nur der vielen toten Tiere wegen, sondern auch angesichts der Tatsache, dass ein Mensch (oder eine Gruppe) über viele Monate hinweg kontinuierlich und in großen Mengen Gift in der Öffentlichkeit auslegen kann. Unter den Augen der für Gefahrenabwehr zuständigen aber scheinbar machtlosen Behörden. Deren recht sorglos erscheinender Umgang mit dem Fall ist im Grunde ein Skandal. Wenn Öl aus einem verunfallten Auto austritt, ist sofort die Feuerwehr da, um es aufzufangen. Den Giftweizen, die Giftlinsen und die blaue Giftpaste müssen die Fütterer jedoch selbst und unter Gefährdung ihrer persönlichen Gesundheit aufsammeln. Da dies nicht professionell zu bewerkstelligen ist, kann nicht verhindert werden, dass ein Teil der Substanzen zurückbleiben und weiter Schaden anrichten.

Die Taubenfreunde waren es auch, die Proben des Weizens und der blauen Paste sowie tote Tauben zur Untersuchung ins Landeslabor gebracht haben. Selbst wenn verständlich ist, dass man handfeste Beweise für die Schuld des Taubenhassers braucht, um rechtliche Schritte einzuleiten, so ist es trotzdem nicht nachvollziehbar, warum zum Schutze der Allgemeinheit nicht alle Giftauslegestellen jedes Mal sorgfältig und fachmännisch gereinigt und das Gift entsprechend sicher entsorgt wird.

Da hilft nur: „Augen auf“, wenn Sie in der Stadt unterwegs sind. Und achten Sie bitte auch auf Ihre Kinder und Hunde!