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Projekt Kitty und das Paderborner Modell

Susan Smith
Susan Smith engagiert sich seit über 10 Jahren im Straßenkatzenhilfsprojekt "Kitty". Foto: © aktion tier e.V.

Ein Bericht von Susan Smith. aktion tier ist seit Jahrzehnten als verlässlicher Partner der Tierschutzvereine deutschlandweit bekannt. In dieser Funktion wurden wir immer wieder um Hilfe bei Kastrationsmaßnahmen von Katzen in ganz Deutschland gebeten. Uns wurden zwei Dinge immer bewusster: Zum einen, dass das Katzenproblem in ganz Deutschland existiert, und zwar zeigt es sich immer wieder in überbelegten Tierheimen und auf der Straße in ausufernden Populationen von frei lebenden Katzen, die ihr Leben ohne regelmäßiges Futter, Kastration und tierärztliche Versorgung fristen. Zum anderen: Wir werden dieses Problem nicht alleine lösen können, sondern brauchen dafür offizielle Unterstützung.

Diese Beobachtungen führten dazu, dass im Jahr 2003 das Projekt Kitty von uns ins Leben gerufen wurde. Hier sollte erstmalig nicht an den Symptomen, sondern an der Ursache des Katzenproblems deutschlandweit, fundiert und organisiert, gearbeitet werden. Unsere erste Maßnahme war die Einführung von Kitty Foren. Die Idee hierzu war einfach: Es sollten sich mehrere Tierschutzvereine einer Region zusammenschließen und dadurch Synergie-Effekte genutzt werden. Bei großen Aktionen sollte – wenn möglich – zusammen gearbeitet werden in der Form, dass Material (Fallen, Körbe, Autos) gemeinsam genutzt sowie Futter in großen Mengen und dadurch für alle günstiger geordert werden. Bei jedem dieser Zusammenschlüsse wurde ein Verein bestimmt, der die Leitung, Futterverteilung und Koordination übernehmen sollte. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten kristallisierten sich gute Strukturen heraus, die zu einer tatsächlichen Optimierung der Arbeit vor Ort führten. Leider mussten wir uns im Rahmen dieser Entwicklung auch von einigen Vereinen trennen, die eine Zusammenarbeit rigoros ablehnten oder boykottierten. Heute, 13 Jahre später, haben wir eine gute Struktur und wirklich kompetente Ansprechpartner in fast allen Teilen Deutschlands. Auf diese Entwicklung sind wir sehr stolz und jedes Jahr aufs Neue von der hohen Anzahl der im Rahmen des Projekt Kitty kastrierten Katzen beeindruckt. Neben der Errichtung der einzelnen Foren liegt ein Hauptaugenmerk der Arbeit im Projekt Kitty in der Dokumentation. In einem „normalen“ Tierschutzverein trifft man üblicherweise auf total engagierte Menschen, die sich rund um die Uhr und auf Kosten ihres Privatlebens dem Tierschutz widmen. Leider hat das zur Folge, dass bei all der direkten Arbeit am Tier – im Katzenbereich ist es das Einfangen, zum Tierarzt bringen, kastrieren lassen, wieder aussetzen, regelmäßig füttern, versorgen, Jungtiere päppeln, Tiere vermitteln, etc. – die Dokumentation meist voll auf der Strecke bleibt. Das führt dann dazu, dass man zwar sehr vielen Tieren hilft, aber nie konkret sagen kann wie viele es waren und woher sie kamen. Dieser Sachverhalt führt vor allen Dingen im Kontakt mit Behörden dazu, dass Tierschützer nicht wirklich ernst genommen werden und man bei den meisten Ordnungsämtern in Deutschland die gleiche Ansage in Bezug auf frei lebende Katzen bekommt: „So ein Problem gibt es bei uns nicht“!

So führten wir die Dokumentation für jede im Rahmen des Projekt Kitty durchgeführte Kastration ein. Auf dieser Meldung werden der Einfangort, der Name des Menschen, der die Katze gemeldet hat, die Farbe der Katze, das Geschlecht, weitere Besonderheiten und die von uns durchgeführte Kennzeichnung mittels Mikrochip und ggf. Tätowierung vermerkt. Im Projekt Kitty Paderborn sammelten wir diese Meldungen und leiteten sie dann an das jeweilige Ordnungsamt mit der Bitte um Ablage weiter. Der jeweilige Ordnungsamt Mitarbeiter konnte so genau sehen, in welchen Stadtteilen vermehrt Katzen gefangen wurden und konnte bei Fragen auch denjenigen kontaktieren, der die Tiere gemeldet hatte.

Diese Vorgehensweise führte dazu, dass wir lückenlos nachweisen konnten, wie viele Tiere im Rahmen des Projekts kastriert wurden und wie groß das eigentliche Problem auf den Straßen Paderborns war. Nach einiger Zeit wurde auf Initiative unseres Ordnungsamtsleiters Udo Olschewski und des für den Kreis Paderborn zuständigen Amtsveterinärs Dr. Ralf Lang die Idee der Kastrations- und Kennzeichnungspflicht für alle Freigänger-Katzen, die älter als fünf Monate sind, entwickelt.

Die drei Säulen des Projekts Kitty sind die Kastration, die regelmäßige Versorgung der Straßen-Katzen mit Futter und die Dokumentation unserer Arbeit.

Paderborn war 2008 die erste Stadt in Deutschland, die eine Kastrations- und Kennzeichnungspflicht für Freigänger Katzen einführte.

Wir arbeiteten eng mit dem Ordnungsamt und dem Veterinäramt zusammen, um unsere gemeinsame zukünftige Arbeitsweise in Bezug auf diese Pflicht zu koordinieren. Somit wurde die Stadt Paderborn im Jahr 2008 die erste Stadt in Deutschland, die die Kastrations- und Kennzeichnungspflicht für Freigänger-Katzen in ihre ordnungsbehördliche Verordnung zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung im Gebiet der Stadt Paderborn aufnahm. Seitdem hat sich hierfür der Name „Paderborner Modell“ etabliert, und mittlerweile sind schon hunderte Städte diesem Beispiel gefolgt.

Es gibt immer noch viele Kritiker des „Paderborner Modells“. Wir sehen es aber als eine wunderbare Erfolgsgeschichte an, die nicht zuletzt auf die kontinuierliche Arbeit des Projekt Kitty zurückzuführen ist. Wir wissen, dass die Kastrationspflicht für Katzen der einzige Weg ist, das Katzenelend langfristig zu verringern und setzen uns in vielen Städten Deutschlands dafür ein. Wenn Sie Fragen zu der Einführung und Umsetzung der Kastrationspflicht haben, helfen wir Ihnen gerne. Melden Sie sich einfach bei uns!

Der Katzenjammer in Neuss geht weiter

Im März 2016 informierten wir Sie über einen Tierschutzfall in Neuss, der uns noch immer beschäftigt. Eine Wohnungsbaugesellschaft ließ trotz eisiger Temperaturen die einzigen Schutzhäuser von sieben teilweise sehr alten Straßen-katzen entfernen. Leider hat sich in den vergangenen Monaten die Situation vor Ort nicht verbessert. Wir versuchten weiterhin mit der Wohnbaugesellschaft (WSG) in Düsseldorf Kontakt aufzunehmen – ohne Erfolg! Dort ist und war man auf keiner Ebene zu einem Gespräch mit uns bereit. Die einzige Aussage war: „Die Katzen dürfen weiter gefüttert werden, mehr nicht“. Das Füttern der Tiere steht für uns jedoch außer Frage, da es sich um eine betreute Katzengruppe handelt, die laut Tierschutzgesetz unter Bestandsschutz steht. Somit ist die WSG gesetzlich dazu verpflichtet, die weitere Fütterung der Tiere zu dulden. Die Situation verschärfte sich weiter als eines Abends die Tierbetreuerin vor Ort aufgeregt bei uns anrief und schilderte, dass Mitarbeiter der Hausverwaltung ein weitläufiges Rohrsystem unter dem Haus mit Steinen fest verschlossen hätten. Dieses Rohrsystem ist von außen nicht einsehbar und wurde von den Katzen – nachdem die Schutzhäuser nicht mehr zur Verfügung standen – als Unterschlupf genutzt. Nun befürchteten die tierlieben Anwohner, dass sich noch Katzen in den verschlossenen Rohren befinden. Nach dem beherzten Eingreifen von Tierfreunden aus dem Haus und mit der Hilfe der gerufenen Feuerwehr, konnten tatsächlich vier Katzen befreit werden. Diese Tiere wären ohne das Öffnen der Rohre jämmerlich dort verendet. Aufgrund dieses skandalösen Verhaltens der WSG, das von uns nur als weitere Maßnahme zur Vertreibung der Katzen gewertet wurde, erstatteten wir bei dem zuständigen Veterinäramt Anzeige wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz.

Die Amtsveterinärin machte sich kurzfristig auf den Weg, um die Lage vor Ort beurteilen zu können. Sie stellte fest, dass die Rohre nicht einsehbar sind und weit unter den Gebäudekomplex reichen, so dass immer die Gefahr besteht, ein Tier dort einzuschließen. Daraufhin untersagte sie der WSG den erneuten Verschluss der Rohre. Dies ist für uns zumindest ein kleiner Erfolg in dieser mittlerweile endlos scheinenden Geschichte. Nichtsdestotrotz sind wir immer noch fassungslos über das Verhalten der WSG und vor allen Dingen über die mangelnde Gesprächsbereitschaft. Auseinandersetzungen dieser Art gehören für uns zum Tagesgeschäft und sind meist mit einem konstruktiven Gespräch, in dem die Möglichkeiten ausgelotet werden, aus der Welt geschafft. Hier ist das leider nicht so, und anstatt mit uns das Gespräch aufzunehmen, greift man zu Maßnahmen (wie den oben genannten), um die Tiere vom Grundstück zu vertreiben.

Wir sehen in diesem Fall mal wieder überdeutlich wie sehr wir im Tierschutz auf die Empathie für unsere Mitgeschöpfe und die moralischen Werte von Menschen in Entscheidungspositionen angewiesen sind. Bei den Mitarbeitern der WSG scheint keine dieser beiden Eigenschaften vorhanden zu sein. Für die Katzen in Neuss bedeutet dieses Verhalten weitere Entbehrungen in ihrem ohnehin schon so beschwerlichen Leben. Wir befürchten, dass wir auch für den nächsten Winter keine zufriedenstellende Lösung für die Tiere finden und suchen nun nach anderen Ansätzen.

Die Zusammenarbeit mit den Behörden funktioniert in Paderborn problemlos. Sobald uns ein Fall seitens des Ordnungsamts gemeldet wird, überprüfen wir vor Ort die Situation und helfen bei der Kastration der Tiere. Sollte sich jemand quer stellen, schalten wir wieder das Ordnungsamt ein, dass dann eine Anhörung durchführt. Im Rahmen dieser Anhörung konnte bisher jeder von der Notwendigkeit einer Kastration überzeugt werden.

Lokalzeit aus Dortmund - Susan Smith, aktion tier e.V.