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Über eine Schlange im Auto, Affen in Not und eine Sensation im Artenschutz

Erste Untersuchung des Autos.
Erste Untersuchung des Autos. Foto: © aktion tier Wildtierstation Sachsenhagen
Mühsam wird die Schlange eingefangen.
Mühsam wird die Schlange eingefangen. Foto: © aktion tier Wildtierstation Sachsenhagen
Die Schlange wurde gesund geborgen
Die Schlange wurde gesund geborgen. Foto: © aktion tier Wildtierstation Sachsenhagen
Die Boa in der Quarantäne.
Die Boa in der Quarantäne. Foto: © aktion tier Wildtierstation Sachsenhagen
Unzumutbaren Haltungsbedingungen
Der private Halter der Affen hat trotz wiederholter Aufforderung durch den zuständigen Landkreis keine Verbesserung an den unzumutbaren Haltungsbedingungen der Affen vorgenommen. Foto: © Stichting AAP
In den Käfigen der Affen herrschten ekelerregende Zustände
In den Käfigen der Affen herrschten ekelerregende Zustände. Kot und vergammeltes Futter bedecken den Boden. Foto: © Stichting AAP
Erste Untersuchungen und Quarantänemaßnahmen
Erste Untersuchungen und Quarantänemaßnahmen werden direkt vor Ort durchgeführt. Foto: © Stichting AAP
Japanmakak
Von der Narkose erwacht, wartet ein Japanmakak auf seine Fahrt in eine bessere Zukunft. Foto: © Stichting AAP
Europäischer Nerz
Bernhard Volmer: Der Europäische Nerz ist gut an seiner weißen Färbung rund um Nase und Maul zu erkennen. Vor rund 90 Jahren starb die Tierart in Deutschland aus. Foto: © B. Volmer
Europäischer Nerz
Die Nerzfähe läuft durch die Fotofalle. Erkennbar ist, dass sie ein Jungtier im Maul transportiert. Foto: © ÖSSM Archiv
 
 

Von Florian Brandes, September 2015. 

Die Autoschlange – Einsatz auf der Autobahn

Und los geht’s. Mit Blaulicht und Martinshorn ohne Rücksicht auf rote Ampeln von der Wildtierstation bis zur Autobahnauffahrt Rehren. Umsteigen in einen anderen Einsatzwagen der Feuerwehr und durch eine Gasse im Stau auf der A 2 bis zu einem Mietwagen, dessen Fahrer vor weniger als einer halben Stunde den Notruf gewählt hatte. Keine alltägliche Situation.

Was war passiert? Während er im Stau stand, bemerkte der Fahrer des Mietwagens plötzlich den Kopf einer Schlange zwischen seinen Füßen. Geschockt verließ er sofort das Fahrzeug und rief die Polizei. Die Rettungsleitstelle wiederum bat die Wildtier- und Artenschutzstation um Hilfe bei dieser ungewöhnlichen Situation. Schließlich sind Polizeibeamte und Feuerwehrkräfte nicht für den Umgang mit solchen, möglicherweise gefährlichen Exoten, ausgebildet. Vor Ort untersuchte ich das Fahrzeug, schnell stellte sich jedoch heraus, dass die Schlange sich unter die Verkleidung im Innenraum zurückgezogen haben muss. Da ich anhand eines Handyfotos des Fahrers die Schlange recht sicher als ungiftig bestimmen konnte, erklärte ich mich bereit, den Wagen zur nächsten Werkstatt zu fahren. Dort wurde mit Hilfe eines Mechanikers die Innenverkleidung der Mittelkonsole abgenommen, und die Schlange konnte gesund geborgen werden. Es handelte sich um eine Boa constrictor oder Abgottschlange. Diese in Süd- und Mittelamerika beheimatete Art wird häufig in Privathand gehalten. Während die Polizei versuchte, den Besitzer zu ermitteln, konnte die Schlange sich in der Quarantäne der Wildtier- und Artenschutzstation erholen.

Affen in Not – acht Makaken aus tierquälerischer Haltung befreit

In einer groß angelegten Aktion hat die Wildtierstation bei der Einziehung von zwei Japan-Makaken, drei Rhesusaffen und drei Berberaffen geholfen. Der private Halter der Affen hat trotz wiederholter Aufforderung durch den zuständigen Landkreis keine Verbesserung an den unzumutbaren Haltungsbedingungen der Affen vorgenommen. Daraufhin veranlasste der Landkreis die Einziehung der Tiere. Da es in Deutschland keine Auffangstationen gibt, die eine solche Anzahl an Affen alleine unterbringen kann, geschah dies unter Mitwirkung mehrerer Organisationen. Die Bergung der Tiere wurde durch den Einsatz eines Blasrohrs mit Narkotika eingeleitet. Noch vor Ort wurden die Tiere untersucht und erste Quarantänemaßnahmen eingeleitet. Anschließend wurden vier Affen in die niederländische Auffangstation für Affen Stichting AAP transportiert. Zwei Berberaffen wurden durch Mitarbeiter von aktion tier in das Tierheim Berlin gefahren und zwei Japanmakaken in der aktion tier-Wildtier- und Artenschutzstation Sachsenhagen untergebracht.

Sensationeller Erfolg im Wiederansiedlungsprojekt

Eine der seltensten Tierarten in Europa lebt am niedersächsischen Steinhuder Meer und – so viel ist seit einigen Tagen sicher – pflanzt sich dort auch erfolgreich fort: der Europäische Nerz. Die Sensation im Artenschutz ist damit perfekt. Im Jahr 2010 startete ein lange vorbereitetes Wiederansiedlungsprojekt, um den Europäischen Nerz am Steinhuder Meer wieder heimisch zu machen. Die kleine Marderart starb etwa 1925 in Deutschland aus, Gründe dafür waren vor allem die Vernichtung der Lebensräume der an Sumpf- und Gewässerbiotope angepassten Art und die direkte Verfolgung als Pelztier. Mit finanzieller Unterstützung des Landesumweltministeriums beauftragte die Region Hannover als Projektträger die Ökologische Schutzstation Steinhuder Meer (ÖSSM e. V.) mit der Wiederansiedlung der lange verschwundenen Art an Niedersachsens größten See, denn hier entstanden nach Aufgabe der Nutzung in seeufernahen Flächen und durch zahlreiche Naturschutzmaßnahmen wieder ideale Lebensbedingungen für den Sumpfbewohner. Neben dem Verein EuroNerz ist auch die Wildtierund Artenschutzstation von Anfang an als Projektpartner beteiligt. Die Wildtierstation hat die tiermedizinische Betreuung des Projektes übernommen, und es werden Nerze für die Wiederansiedlung gezüchtet. Außerdem können Besucher in einem Schaugehege Nerze beobachten, was in der freien Wildbahn nur äußerst selten gelingt.

Dass die ausgewilderten Nerze sich im Projektgebiet wohl fühlen, belegen zahlreiche Beobachtungen, die vor allem mit Hilfe kleiner Sender gelangen, mit denen ein Teil der Nerze markiert ist. „Aber das i-Tüpfelchen fehlte noch“, so Projektkoordinatorin Eva Lüers und meint damit ein Foto, dass eine Reproduktion der in freier Wildbahn schwer zu beobachtende Nerze belegt. Dieses Foto gelang nun, genauer gesagt, es gelangen gleich mehrere. Die Bilder zeigen eine Nerzfähe, die nach und nach mindestens drei noch unselbstständige Jungtiere im Maul zu einem neuen Versteck transportiert. „Die Wurfhöhle kannten wir schon, mieden das Gebiet jedoch großräumig, um das Nerzweibchen nicht zu stören“, so die Landschaftsökologin, „aber wir konnten davon ausgehen, dass die Jungtiere kurz über lang in ein anderes Versteck umgebettet werden, wie es für Nerze typisch ist“. Die Chance nutzte die Wissenschaftlerin und stellte an verschiedenen Stellen Fotofallen auf – mit dem genannten Erfolg. Bei den Fotos handelt es sich um die ersten aus Deutschland überhaupt, die in Freiland gezeugte und geborene Nerze zeigen.

Der Europäische Nerz steht weltweit kurz vor dem Aussterben. Von dem einst riesigen Verbreitungsgebiet zwischen Ural und Pyrenäen sind nur noch Bruchstücke übrig geblieben. Und auch hier sind die Tiere gefährdet. Die Weltnaturschutzorganisation IUCN stuft die Tierart deswegen als „weltweit vom Aussterben bedroht“ ein. Deswegen ist es von größter Bedeutung, die Tierart in ihren heutigen Lebensräumen zu erhalten und ihnen durch Wiederansiedlungen dort eine Chance zu geben, wo Lebensräume wieder entstanden sind. Ob das Projekt am Steinhuder Meer ein Erfolg wird, ist derzeit noch nicht absehbar, der nun gelungene Reproduktionsnachweis zeigt aber, dass die Chancen gut stehen.