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Die Domestizierung des Hundes

Von Judtih Brettmeister. Wie so oft sind sich Wissenschaftler nicht ganz einig in der Bewertung der Geschichte. Fest steht eines, und damit will ich beginnen, dass der Hund tatsächlich vom Wolf und zwar vom Grauwolf (Canis lupus lupus) abstammt. Amerikanische und schwedische Evolutionsbiologen sind aufgrund der von ihnen vorgenommenen Erbgutanalysen zu diesem Ergebnis gekommen und widerlegen somit auch die Ansicht von Konrad Lorenz, dem großen Verhaltensforscher, der noch glaubte, den Schakal als Vorfahren des Hundes ausmachen zu können. Aber bei dem hier abzuhandelnden Thema der Domestikation, ist die Frage viel interessanter, wie es zu der Nähe zwischen Mensch und diesem Ur- Hund gekommen ist.

Man muss sich dies wohl so vorstellen: Jäger streiften vor Tausenden von Jahren durch die Gegend und versuchten für sich und ihre Sippe Wild zu erlegen. Das war nicht nur aufgrund der Ausstattung der Jäger und der Unwirtlichkeit der Gegend ein mühevolles, sondern immer auch ein extrem gefährliches Unterfangen. Auf die gleiche Beute hatten es aber auch die umherstreifenden Wölfe abgesehen. Immer dann, wenn die Möglichkeit es zuließ, haben sich die Wölfe gerne über die Reste der Nahrung, die die Menschen zurückließen, her gemacht, da diese ein leicht zu erreichendes Futter darstellte. Irgendwann ergab sich dann aus dem Nebeneinander ein Miteinander. Das kam nicht schlagartig, sondern dies entwickelte sich und brauchte wohl sehr viel Zeit. Trotzdem die Frage: Wann trat so etwas wie eine Domestikation, also eine Umwandlung von wild lebenden Tieren in Haustiere ein?

Bislang glaubte man, durch Grabungsfunde untermauert, dass dies etwa vor 15 000 Jahren, also in der späten Eiszeit, geschah. 1914 fanden Archäologen Skelette von Cro-Magnon-Menschen (Cro-Magnon ist eine Höhle im Vézèretal im Dép. Dordogne) und unmittelbar daneben auch den Unterkiefer eines Hundes. Dieser, einem kleinen Schäferhund ähnliche Hund, zeigte nach Ansicht der Wissenschaftler deutliche Domestikationserscheinungen auf. Man machte das an der Größe des aufgefundenen Schädelteils fest und der erkennbaren Zahnstellung. Domestikation geht immer einher mit einer Verkleinerung des Schädels und einer besonderen Unordnung der Zahnreihen. Aufgrund des Fundes ging man davon aus, dass der späteiszeitliche Mensch den Hund bereits so nah an sich band, dass er ihn zur Jagd oder zum Aufspüren von Wild eingesetzt hatte.

Andere Wissenschaftler weisen aufgrund der von ihnen vorgenommenen genetischen Untersuchungen darauf hin, dass das Miteinander zwischen Mensch und dem frühen Hund schon viel früher einsetzte. Interessant dabei ist, dass die Wissenschaftler annehmen, nicht der Mensch hat den Hund domestiziert, sondern dieser hat sich selbst „verhausiert“ (so Gregory Acland, Veterinär an der Cornell University in Ithaca, USA). Der Mensch verfügte zu jenem Zeitpunkt, als es das Nebeneinander zwischen Mensch und Wolf schon gab, gar nicht über die intellektuellen Fähigkeiten, ein Tier zu domestizieren – er selbst war es auch noch nicht. Es war wohl so, dass Mensch und Tier aufgrund der gemachten Erfahrungen erkannten, es sei nützlich, bei der Jagd zusammen zu wirken und danach auch zusammen zu bleiben, in einer mehr oder weniger stabilen Population. Es handelte sich damit um eine Art von Symbiose, einem Zusammenleben artverschiedener Organismen zum gegenseitigen Nutzen. Diese Symbiose soll schon vor über 135 000 Jahren eingetreten sein, woraus sich dann auch der Ur-Hund entwickelte, es also bei den Wölfen zur Abspaltung zwischen denen gab, die sich von den Menschen ganz und gar fern hielten und denjenigen, die einen Nutzen in der Nähe zum Menschen sahen.

Wenn dies vor 135 000 Jahren geschehen sein soll, dann muss sich dieser frühe Hund mit seinem Gefolge bereits um die Lagerstätten der Neandertaler herumgetrieben haben. Zum Zusammentreffen des Homo Sapiens und den „domestizierten“ Hunden kann es dann erst vor 40 000 Jahren gekommen sein, als dieser in den Nahen Osten einwanderte. Die Auffassung wird von vielen Wissenschaftlern als spekulativ und als nicht beweisbar abgelehnt. In der Tat gibt es keine Grabfunde, die dieses Miteinander, die „gegenseitige“ Domestikation belegen würden. Der Mangel an Beweisen gründe aber darauf, so die Wissenschaftler, die die These der frühen Symbiose vertreten, dass zu der damaligen Zeit (also vor 135 000 Jahren) keine Friedhöfe existierten, weil es sich hier um nomadisierende Jäger und Sammler handelte, die noch nicht sesshaft waren. Daher habe man Hundefossilien nicht neben solchen von Menschen finden können. Menschen haben sich erst vor ca. 15 000 Jahren vom nomadisierenden Jäger und Sammler zum sesshaften Menschen entwickelt.

Dass eine Domestikation aber nicht erst seit 15 000 Jahren zwischen Mensch und Hund gegeben hat (also dem Zeitpunkt des Knochenfundes) belegt jetzt auch ein archäologischer Fund aus dem Jahr 1999. In einer Höhle von Chauvet in Südfrankreich, von der man weiß, dass sie von Steinzeitmenschen genutzt wurde, wurde ein Pfotenabdruck eines Hundes entdeckt. Man ist sich deshalb sicher, weil sich die Hundepfote vor allem in der Position der Zehen von der eines Wolfes unterscheidet. Das Alter des Abdrucks der Hundepfote, wobei sogar die Krallen des Tieres Spuren hinterlassen haben, wird auf etwa 25 000 Jahre festgelegt.

Der Vollständigkeit halber wird noch darauf hingewiesen, dass man davon ausgeht, dass die vor rund 35 000 Jahren aus Sibirien nach Amerika eingewanderten No maden bereits Hunde mitgebracht haben. Man kann es sich nun aussuchen, ab wann man eine Domestikation des Hundes annehmen möchte. Sind es 15 000 Jahre (Knochenfund in einem Grab), oder 25 000 Jahre (Pfotenabdruck in einer Höhle) oder 35 000 Jahre (Nomaden kommen mit Hunden nach Amerika) oder gar 135 000 Jahre (genetische Untersuchung). Eines ist sicher – über viele Jahrtausende gab es ein Miteinander zwischen Mensch und Hund und die Beziehung veränderte beider Lebensweisen. Das äußere Erscheinungsbild des Hundes blieb dem eines Wolfes solange ähnlich, bis der Mensch, als er sesshaft wurde, damit begann, den Hund durch Zucht gezielt auf den von ihm festgelegten Nutzwert zu verändern. Jetzt wurde darauf Einfluss genommen, ob der Hund zur Jagd, zum Hüten oder zum Bewachen gebraucht wurde. Im weiteren wird es dann wohl auch den reinen Hausoder Schoßhund gegeben haben.

Die Domestikation des Hundes verlief auch deshalb so erfolgreich, weil Hunde eine einzigartige Fähigkeit besitzen, mit Menschen zu kommunizieren. Diese Fähigkeit ist nicht stammesgeschichtlich begründet, also nicht von den Wölfen vererbt, sondern es ist das Ergebnis der permanenten Selektion durch den Menschen während ihrer Domestizierung (so Max-Planck-Studie, veröffentlicht in Science, 22. November 2002). Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Hunde geschickter als z.B. Menschenaffen in der Interpretation menschlicher Gesten oder Hinweise sind. Diese ausgeprägte Lernfähigkeit und Aufmerksamkeit des Hundes führt oft zu einer besonders engen Verbindung zwischen Mensch und Tier, was auch als Treue bezeichnet werden kann. Daraus resultiert aber gleichzeitig die besondere Verantwortlichkeit des Menschen gegenüber dem Hund.