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Mein „unvermittelbarer“ Hund aus dem Tierheim

Patrice mit Ice (links) aus dem Tierheim Roggendorf und Neva. Foto: © Sabo
Ice mit seiner Hundefreundin Neva. Foto: © Jesse
Die ersten Schwimmversuche waren abenteuerlich, aber auch das schaffte Ice. Foto: © Sabo
Patrice und Ice im November 2009. Foto: © Sabo
Ice und Patrice (rechts außen) mit Freunden an der Ostsee (2009). Foto: © Krüger
Emma frisst aus Ices Futternapf. Foto: © Krüger
Immer mit dabei... Ice 2012 an der Ostesee. Foto: © Sabo
Lieblings-Schlafposition... Foto: © Sabo
Der unsozialisierbare Hund ist ein ausgeglichener, souveränder Kerl geworden. Foto: © Sabo
Ice liebt ausgedehnte Spaziergänge mit Frauchen und Neva.
Februar 2018: Ice ist mittlerweile schon 13 Jahre alt. Abgesehen von kleinen, altersbedingten Wehwechen geht es ihm gut. Auf dem Foto sieht man ihn mit Patrice und Hundefreundin Bacita. Foto: © Sabo
 
 

Mein Name ist Patrice Krüger, und mein Hund Ice ist jetzt zwölf Jahre alt. Als er 2,5 Jahre alt war, übernahm ich ihn als völlig verängstigten, unsozialisierten Hund aus dem Tierheim Roggendorf. Dort war er gelandet, nachdem er mit vielen anderen Hunden aus einem Messie- Haushalt von den Behörden beschlagnahmt worden war. Die Hunde waren bis dahin nahezu sich selbst überlassen, haben in Dreck und Enge miteinander leben müssen und Schlachtabfälle als Fressen bekommen. Das einzige was Ice kannte, bevor er ins Tierheim kam, war der Kampf ums Überleben.

Von Patrice Krüger, Dezember 2017.

Ice war so ziemlich alles, was ein Hundehalter sich nicht wünscht. Mangelernährt und in gesundheitlich schlechtem Zustand, unsozialisiert, verängstigt, nicht anzufassen, aber von großer Statur und in seiner Panik kaum kontrollierbar. Nach seiner Beschlagnahmung standen ihm gewiss viele Jahre im Tierheim bevor… vermutlich bis an sein Lebensende. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich das erste Mal in seinen Zwinger im Tierheim trat. Da versuchte er vor lauter Angst, die Gitter hinaufzurennen. Nicht gerade ein Hund, um den sich die Interessenten reißen. Ich kann mich an niemanden erinnern, der mir damals riet, diesen Hund zu übernehmen. Ice galt als nicht vermittelbar. Aber irgendwie wusste ich, dass wir zwei sehr gut zusammen passen würden, und ich hatte die Befürchtung, dass er sonst niemals ein gutes Zuhause haben und mit diesem schlechten Bild, das er von uns Menschen hatte, bis zuletzt leben wird. Ich setzte mich gegen die durchaus verständliche Skepsis der Tierheimmitarbeiter durch, und nach einer langen, langen Zeit, die wir benötigten, um Ice vom Zwinger ins entsprechend präparierte Auto zu buxieren, waren wir bereit zur Abreise in unser neues Leben. Es war die gefühlt längste Autofahrt an die ich mich erinnern kann, und ich kann nicht mehr zählen, wie oft sich Ice, der noch nie zuvor Auto gefahren war, währenddessen übergeben hat. Ich glaube, ich habe an jedem Rastplatz an der Strecke einmal gehalten.

Es war auch Zuhause unendlich schwierig für meinen jungen Hund, sich an die für uns normalsten Dinge des Lebens zu gewöhnen. Ich fütterte ihn zunächst aus der Hand, so gut es eben ging, weil Ice gar nicht wusste, wie man aus einem Napf frisst. Gassigehen war kaum möglich, zum einen weil seine Kondition wenig ausgeprägt war, zum anderen weil er vor wirklich allem Panik hatte. Vor Menschen, Türen, Autos, Leinen, Mülleimer, Zäunen, Geräuschen… Jeder Schritt war ein eine Herausforderung für Mensch und Hund.

Und dann sprang er über den Zaun...

So kam es, dass er am zweiten Tag, gerade als wir Gassi gehen wollten, im Garten durch ein Geräusch in Panik geriet, mir die Leine aus der Hand riss und panisch losrannte. Er verlor dabei das Halsband mit der Leine, sprang über einen zwei Meter hohen Zaun und war nicht mehr zu sehen oder zu hören. Ich suchte jeden Tag nach ihm und musste mir in dieser Zeit häufig anhören, dass man sich so einen Hund ja auch nicht aus dem Tierheim holt.

An Tag 16 meiner Suche wurde ich von einer Reiterin angesprochen, ich saß gerade mit einem Klappstuhl und Fernglas im Wald. „Sind Sie die Frau, die ihren Hund sucht“? Offensichtlich hatten meine Suchplakate und Zeitungsanzeigen ihre Spuren hinterlassen. Ich bestätigte dies, und die Reiterin erklärte, ein Hund käme seit Tagen jeden Tag zum Reiterhof. Ich fuhr mit dem Auto sofort Richtung Reiterhof. Dort angekommen, war Ice zwar nicht da, aber die Reithofbesitzer bestätigten mir, dass es sich bei dem Hund eindeutig um Ice handeln würde. Ich wartete Stunden um Stunden. Aber an diesem Abend kam er nicht. Am nächsten Morgen klingelte um 6 Uhr mein Handy – es war im Reiterhof. Als ich dort ankam, stand Ice da und wartete auf Futter. Ich näherte mich langsam, er fand das ziemlich doof und ließ mich nicht an ihn heran. Zwei Meter waren das höchste der Gefühle und das über einen Zeitraum von zwei Monaten. Er genoss die Freiheit und lebte nach seinen eigenen Regeln. Bis er plötzlich völlig verschwand. Eine Woche lang fand ich ihn nicht, und niemand rief an, der ihn gesehen hatte. Ich hatte Sorgen um ihn und machte mich auf den Weg ins Tierheim Potsdam. Ich dachte, vielleicht hat ihn ja doch jemand fangen können. Ich erklärte dort, dass ich meinen Ridgeback-Broholmer- Mix Rüden suchen würde.

Die Dame des Tierheims verneinte, doch ich konnte ihr gerade noch ein Foto unter die Nase halten. Sie nahm das Foto, verschwand kurz und bat mich dann hinein. Sie führte mich zu einem Zwinger in dem er saß. Einfach so. Nachdem wir ca. drei Monate mehr oder weniger im Wald zusammengelebt haben. Es war endlich vorbei. Wie kam es dazu? Er hatte den Wald verlassen und eine läufige Hündin getroffen und war ihr in den Zwinger gefolgt.

Wir fingen nicht bei Null an, sondern bei minus 20...

Nun musste Ice noch sehr viel lernen. Wenn er außerhalb des Hauses auf andere Hunde traf, wurde er sehr aggressiv. Er war in einer Umgebung aufgewachsen, in der sich viele Hunde wenig Platz und noch viel weniger Futter hatten teilen müssen. Auseinandersetzungen und Verteidigungsverhalten waren für Ice an der Tagesordnung gewesen, und er hatte eine ganz andere Hundesprache gelernt, als sie in unserem beschaulichen Dörfchen gesprochen wurde. Entsprechend merkwürdig verhielt er sich mitunter auch anderen Hunden gegenüber, weil er sie oft nicht verstand, und ich hatte so manches Mal meine liebe Müh, ihn zu bändigen. Die „Baustelle“, die sein vorheriger Besitzer hinterlassen hatte, war gigantisch.

Anders war sein Umgang mit Menschen. Diese machten ihm Angst. Bei Frauen ging es, bei Männern war es ganz schlimm. Er schmiss sich auf den Boden, zitterte wie bei einem epileptischen Anfall und verlor reichlich Kot. Das passierte auch beim Gassigehen. Es sieht seltsam aus, wenn ein 43 Kilo Hund so einen „Nervenzusammenbruch“ mitten auf dem Bürgersteig bekommt. Es tat mir in der Seele weh, aber ich musste so tun als wäre nichts, damit sich sein Verhalten bessert und er die Menschen besser kennenlernt.

Es kostete viel Zeit, Kraft und Geduld, Ice´s Vertrauen zu gewinnen und ihn gesundheitlich wieder aufzupäppeln. Doch nach 1,5 Monaten war dann das Schwierigste geschafft. Ice begann zu begreifen, dass ich ihm nichts Böses wollte. Im Gegenteil, er spürte, dass das Leben auch schön sein kann. Und wagte sich alsbald sogar an Unbekanntes, wenn ich dabei war. Zum Beispiel reizte ihn das Wasser, aber er konnte nicht schwimmen. Ich weiß noch wie heute, wie ich am Ufer des Kanals stand und mir überlegt habe, wie ich den verzweifelt paddelnden Hund wieder aus dem Wasser kriegen soll. Aber mein Ice schaffte auch das – und lernte schwimmen.

Alle Mühe wert - vom "hoffnungslosen Fall" zum besten Freund

Auf einer zunehmend festen, gegenseitigen Vertrauensbasis wurde Ice zu einem gesunden, fröhlichen Hund, der bis heute das Wasser liebt, für sein Leben gern Ball spielt, ausgedehnte Spaziergänge genießt (auch mit anderen Menschen und Hunden) – und mir nicht mehr von der Seite weicht. Seine Treue und Dankbarkeit drückt er jeden Tag aus, indem er sich freut, wenn ich mich mit ihm beschäftige, mit mir kuschelt und schmollt, wenn ich mal für ein paar Stunden weg muss. Mit meiner Hündin Neva verband ihn eine enge Freundschaft (wenn man sowas bei Hunden sagen kann). Neva ist leider im März 2017 verstorben, aber sehen täglich viele andere Hunde, sodass ihm der soziale Kontakt erhalten bleibt.

Manchmal, da ärgert er mich, weil er das Katzenfutter meiner Katze Emma verspeist. Dann kommt er mit zusammengekniffenen Augen angetapst und ich weiß ganz genau, was passiert ist. Aber das sind, verglichen mit früher, nun wirklich keine Probleme. Der „unvermittelbare Hund“ aus dem Tierheim ist ein wichtiger Teil meines Lebens geworden. Und ich habe meine Entscheidung von damals noch nicht eine Minute lang bereut. Hoffentlich haben wir noch viele schöne und gesunde Jahre miteinander – ich bin für jedes einzelne dankbar!

Liebe Leser, es lohnt sich wirklich, auch die Hunde im Tierheim genauer anzuschauen, die keinen guten Eindruck bei Ihnen hinterlassen. Die Arbeit mit einem schwierigen Hund zahlt sich immer aus. Der Hund, der es vorzog, lieber allein im Wald zu leben und nichts mit Menschen zu tun haben zu wollen, ist heute völlig entspannt und regt sich höchstens mal für ein Leckerli. Ice und ich haben so viel voneinander gelernt und genießen eine ganz besondere Beziehung mit einem sehr tiefgehenden Vertrauen. Für uns beide sind das die schönsten Jahre in unserem Leben.