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Straßenhund – Problematik im Ausland

Straßenhund
Die Nachfrage nach Hunden aus bulgarischen, rumänischen oder ukrainischen sogenannten Tötungsstationen ist inzwischen derart groß, dass man fast schon von einem Boom reden kann. Foto: © Ursula Bauer
Galgo
Wer einen spanischen Galgo nur aufgrund des hübschen Aussehens adoptiert, kann schnell Probleme bekommen, denn diese Hunde haben unter anderem einen sehr starken Jagdtrieb. Man kann sie daher meistens erst nach langem und intensivem Training frei laufen lassen. Foto: © aktion tier e.V.
Ängstlicher Hund
Bei Hunden aus dem Ausland muss man mit Verhaltensauffälligkeiten oder gar Verhaltensstörungen rechnen, die aus den gemachten Erfahrungen resultieren. Es erfordert viel Erfahrung, Zeit, Geduld und eventuell die Hilfe eines Hundetrainers, um das neue Familienmitglied einzugewöhnen. Foto: © Ursula Bauer
Hund beim Tierarzt
Trotz aller medizinischer Prophylaxe und Tests kann es vorkommen, dass Erkrankungen erst Monate nach der Aufnahme des neuen Hundes erkannt werden. Diesen möglichen gesundheitlichen Einschränkungen muss man nervlich, zeitlich und finanziell gewachsen sein. Foto: © aktion tier e.V./Bauer
 
 

Von Ursula Bauer, April 2015. Das Schicksal von Abby ist leider nicht ungewöhnlich, denn der Import von ausländischen Hunden birgt viele Gefahren für die betroffenen Vierbeiner. Über die grundsätzliche Sinnhaftigkeit, angesichts unserer chronisch überfüllten deutschen Tierheime, Massen von Hunden aus dem Ausland einzuführen, kann man streiten. Meiner Meinung nach löst deren Verbringung nach Deutschland nicht die Straßenhund-Problematik in den Herkunftsländern. Seriöser und nachhaltiger Tierschutz besteht vielmehr zu einem großen Anteil darin, die dortigen Zustände zu verbessen – zum Beispiel durch Kastrationsprogramme, Aufklärung der Bevölkerung und verschärfte Tierschutzgesetze, die unter anderem das Aussetzen von Tieren unter Strafe stellen. Organisation und Einzelpersonen, die sich ohne entsprechendes Engagement im Herkunftsland ausschließlich der Vermittlung fremdländischer Hunde nach Deutschland verschrieben haben, leisten meines Erachtens keinen sinnvollen Beitrag und sollten daher nicht unterstützt werden.

Wenn Hunde als Baustein eines durchdachten Auslands-Tierschutz-Paketes importiert werden, sollte das Ziel immer sein, ohne Umwege für das betroffene Tier ein endgültiges Zuhause zu finden, in dem es für den Rest seines Lebens gut aufgehoben ist. In diesem Zusammenhang ist eine Vermittlung via Internet aus meiner Sicht grundsätzlich ungeeignet, zumal sich im anonymen Netz nicht nur diverse Kriminelle und profitorientierte Geschäftemacher, sondern auch Menschen tummeln, die einen Vierbeiner haben möchten, ohne eine gewisse Fachkompetenz und den erforderlichen Hintergrund für eine gute Hundehaltung nachweisen zu müssen.

Leider geht die direkte Vermittlung eines ausländischen Hundes an einen neuen deutschen Besitzer sehr oft schief, da dieser in der Regel aufgrund seiner vermeintlich traurigen Geschichte oder seines süßen Aussehens auf Fotos ausgewählt wurde. Stellt der neue Halter dann Krankheiten, Verhaltensstörungen oder einfach einen den Erwartungen nicht entsprechenden Hundecharakter fest, ist die involvierte Tierschutzorganisation üblicherweise nicht in der Lage, den Hund zurück zu nehmen. Also werden die „Vermittlungsopfer“ in einem deutschen Tierheim abgegeben, denn die wenigsten Menschen sind bereit, sich der Verantwortung zu stellen, indem sie alles dafür tun, dass das Zusammenleben mit dem neuen Hund klappt.

Die einzige seriöse Art, fremdländische Hunde in Deutschland zu vermitteln, besteht meiner Meinung nach darin, sie erst einmal in einem deutschen Tierheim unterzubringen, wo sie tierärztlich untersucht und behandelt werden sowie an Verhaltensproblemen mit Hilfe von Hundetrainern gearbeitet wird. Ist der Hund gesund und zugänglich, kann ein Zuhause gesucht werden, wobei die Kompetenz der potentiellen Halter geprüft wird und Vor- bzw. Nachkontrollen stattfinden. Sollten sich wider Erwarten Probleme einstellen, kommt der Hund in das ihm bereits bekannte Tierheim zurück und wird nicht einfach „weitergereicht“. Diese professionelle Vorgehensweise wird von aktion tier praktiziert, wenn wir zum Beispiel gelegentlich Hunde aus unserem Tierheim auf Teneriffa nach Deutschland holen.

Letztendlich sind, wie bei allen Tierschutzproblemen, wieder wir Menschen die Ursache des Tierleids. So bedingt beispielsweise auch das wachsende Interesse der Deutschen an ausländischen Hunden deren verstärkten Import. Es genügt heute offensichtlich nicht mehr, einen normalen Abgabehund aus einem deutschen Tierheim zu holen. Inzwischen muss es mindestens ein ausländischer Straßenhund sein. Oder besser noch ein Hund „aus der Tötung“. Dabei sind auch deutsche Tierheime primär Verwahrstationen und beileibe kein schöner Ort für ein Tier, das urplötzlich aus seiner gewohnten Umgebung gerissen und von den vertrauten Personen getrennt wird. Und auch in hiesigen Tierheimen werden Tiere euthanasiert, ohne dass eine medizinische Notwendigkeit vorliegt. Beispielsweise, weil sie stark verhaltensgestört sind. Aber einen deutschen Tierheimhund zu „retten“ ist anscheinend zu unspektakulär, zu gewöhnlich. Je schrecklicher und exotischer das Schicksal und die Herkunft unseres „Tierschutzhundes“, umso spektakulärer und heldenhafter scheint unser Anteil an der Geschichte zu sein. Plötzlich ist man ein echter Lebensretter, kann einen spannenden Hintergrund zum Tier präsentieren.

Ich würde mir wünschen, dass wir unsere tatsächlichen Motive ehrlicher hinterfragen, unsere Eitelkeit ein wenig zurückstecken und aus reiner Empathie helfen – zum Beispiel durch die Rettung eines ganz alltäglichen Vierbeiners aus einem ganz gewöhnlichen deutschen Tierheim.