Logo Aktion-Tier

Mama, wo bist du?Wenn Welpen zu früh von ihrer Mutter getrennt werden

'Fenja' war noch sehr klein und zudem verletzt, als sie ins Tierheim 'aktion tier Zossen' kam. Foto: © Sabo

Eine zu frühe Trennung von Mutter und Geschwistern kann bei Hunden zu Verhaltensstörungen und auch zu gesundheitlichen Problemen führen. In der Tierschutz-Hundeverordnung ist daher klar definiert, dass ein Welpe frühestens im Alter von 8 Wochen von der Mutter getrennt werden darf. Doch wie kann es Welpen ergehen, die schon deutlich früher ohne Mutter und Geschwister auskommen müssen? Hierzu durfte ich in den letzten Wochen meine ganz eigenen Erfahrungen sammeln, die sicherlich nicht auf jeden Welpen, der eine frühe Trennung erfahren musste, übertragbar sind.

Ein persönlicher Erfahrungsbericht von Ann Kari Sieme, aktion tier-Geschäftsstelle Berlin

Am 26. Oktober letzten Jahres zog eine kleine Pointer-Old English Bulldog (OEB)-Mix-Hündin bei mir und meiner Familie ein. Zu diesem Zeitpunkt war sie gerade mal 9 Wochen alt und hatte in ihrem doch bisher eher kurzen Leben schon viel erlebt. „Fenja“, wie wir sie kurzerhand tauften, wurde vom Veterinäramt in Verwahrung genommen und sollte bei uns zur Pflege wohnen bis geklärt ist, ob sie zu ihrer eigentlichen Besitzerin zurück darf oder beschlagnahmt und zur Vermittlung freigegeben wird.

Recht blauäugig nahm ich das kleine Bündel Hund von meinen Kollegen aus dem aktion tier-Tierheim Zossen entgegen und machte mir eigentlich nur Gedanken darüber, wie ich einen Welpen wochenlang bis zur Heilung des vorhandenen Beinbruchs ruhig stellen könnte. An weitere eventuell auftretende Schwierigkeiten verschwendete ich keinen Gedanken. Ich war vom Fach und würde das Kind schon schaukeln, und sie war ja auch bei weitem nicht mein erster Welpe. Doch schon am ersten Abend drehte Fenja völlig auf. Sie rannte durchs Haus, polterte ständig gegen die Einrichtung ohne vorher auch nur im Geringsten abzubremsen und biss in alles was ihr im Weg stand – bevorzugt wurden unsere Hände und Füße maßgenommen. Alle Versuche, beruhigend auf sie einzuwirken, ihr etwas als Alternative zum Reinbeißen anzubieten oder auch das Beißen durch Verlassen des Raumes zu unterbinden, scheiterten kläglich. Auch lautes Aufquietschen und ein Wegschieben nahm sie lediglich als Aufforderung jetzt erst recht in die Füße oder Hände zu gehen. Eigentlich führte sogar jeder Versuch sie in irgendeiner Weise von ihrem Handeln abzubringen dazu, dass sie noch heftiger wurde und noch fester zubiss. Sie kippte in ihrer Stimmung so schnell, dass ich noch nicht in der Lage war, die nächste „Attacke“ bereits vor ihrem Beginn in ein Alternativverhalten umzulenken.

Fenja war in einem Erregungslevel in dem sie uns kaum wahrzunehmen schien. Sie wirkte wie in ihrer eigenen Welt, und wir kannten noch keinen Weg, sie zurück in unsere zu holen. Ich hatte Angst um ihr Bein, welches unbedingt ruhiggestellt werden sollte und so langsam auch keine Lust mehr mich in Füße und Hände beißen zu lassen. Es blieb mir nichts anderes übrig als sie in ihre Box zu verfrachten, etwas zum Knabbern hinterherzuwerfen und ihr eine Auszeit zu verordnen. Fenja hatte offenbar durch die frühe Trennung von Mutter und Geschwistern weder gelernt ihren Bewegungsapparat zu sortieren, noch ihren Kiefer zu kontrollieren. Die fehlende Beißhemmung paarte sich mit der fehlenden Selbstkontrolle zu einem in den ersten Wochen fast unerträglichem Paket.

Fenja wurde mit gerademal 6 Wochen aus Polen nach Deutschland importiert. Wie sie vorher aufgewachsen war, wie lange sie bei ihrer Mutter war und ob sie Geschwister hatte konnte mir keiner sagen. Hinzu kam ein Spiralbruch im linken Hinterbein, der zum Zeitpunkt ihres Einzugs bei uns bereits seit zwei Wochen unbehandelt war und unbedingt bis zur notwendigen OP ruhig gestellt werden sollte.

Schon am ersten Abend entschied ich mich dafür, Fenja so gut es ging in die Familie zu integrieren und stellte ihre Hundebox in das noch immer aufgebaute Beistellbett unseres Sohnes auf meiner Seite des Bettes. Ich hoffte, dass sie sich geschützt in ihrer Box fühlt und trotzdem in unmittelbarer Nähe zu uns zur Ruhe kommt. Doch die erste Nacht verlief alles andere als ruhig. Fenja hatte dünnen Stuhl und musste ständig raus. Und auch nach dem Lösen im Garten fand sie keinerlei Ruhe in ihrer Box. Erst als ich meine Hand in die Box steckte und sie an meinem Daumen nuckeln ließ, schlief sie irgendwann erschöpft ein. Dies wurde zum Ritual, welches sie noch einige Zeit brauchte, um in den Schlaf zu finden. Doch weitere Defizite in Fenjas Entwicklung zeigten sich bereits am nächsten Tag. Durch die fehlende Zeit mit Mutter und Geschwistern hatte Fenja offenbar nicht gelernt, wie man mit anderen Hunden kommuniziert. Um diese Unsicherheiten zu überspielen, hatte sie sich „Angriff ist die beste Verteidigung“ zum Motto gemacht und begegnete bereits dem ersten großen Rüden den wir trafen, recht ruppig mit stolz geschwellter Brust und hochgekrempelten Ärmeln. Wir hatten Glück, und der souveräne Rüde nahm die prollige Fellkugel nicht allzu ernst, sondern zog weiter seiner Wege.

Es kam der 30. Oktober und ich erhielt die Nachricht, dass Fenja nun offiziell beschlagnahmt wurde. Sie würde also noch eine Weile bei uns bleiben, denn mit dem Beinbruch stand sie noch nicht zur Vermittlung. Um die Zeit für alle erträglicher und im besten Falle sogar richtig schön werden zu lassen, versuchte ich sie wenigstens geistig zu fordern und zu fördern, ihr so etwas Auslastung zu verschaffen und damit auch die Möglichkeit zur Ruhe zu finden zu unterstützen. Doch auch an den folgenden Tagen gab es noch keine deutliche Besserung. Meine Unterarme waren dunkelblau bis lila-grün, bei jedem Händewaschen spürte ich deutlich die vielen kleinen offenen Stellen in der Haut, und es gab immer mehr Momente in denen ich an meinen Kompetenzen zweifelte. Lediglich mit unserem Sohn war sie deutlich vorsichtiger. Durch mich, meinen Mann und sämtliche Besucher rannte sie weiterhin gnadenlos durch und stürzte sich fast angriffslustig auf die Füße und Hände. Ich hatte Angst davor was wird wenn sie erst einmal operiert ist und mit dem Außenfixateur am Bein Boxenruhe „verschrieben“ bekommt. Wenn dieser Hund sich gar nicht mehr bewegen darf, so dachte ich, wie soll sie denn zur Ruhe finden, wie soll sie ohne geführte Hundekontakte Kommunizieren lernen, wie sollte sie lernen ihre Beine vernünftig eins vor das andere zu setzen, und wie sollte sie lernen, dass man auch bremsen kann ohne mit Vollkaracho irgendwo rein zu brettern? Beim Bremsen war es ihr auch egal, ob ein Gegenstand, ein Baum, ein anderer Hund, oder was auch immer gerade im Weg stand. Alles wurde einfach gnadenlos umgenietet.

Die spärlich bekannte Vorgeschichte in Kombination mit ihrem Verhalten ließen erahnen, dass sie in der wichtigen Übergangszeit bis zur dritten Lebenswoche und auch in den Anfängen der Prägungszeit deutlich zu wenig Sicherheit und Geborgenheit, also sogenanntes Urvertrauen erfahren hatte, was jedoch Grundlage dafür ist, dass aus dem Welpen mal ein in sich ruhender, im Charakter gefestigter und selbstbewusster Hund werden kann.

Der Tag der OP kam, und ich verfrachtete Fenja in mein Auto, um sie in die Praxis zu bringen. Dort angekommen wurden wir sehr freundlich begrüßt und schon nach kurzer Wartezeit in den Behandlungsraum gebeten. Der Tierarzt schaute sich Fenja in Bewegung an und beschloss nochmal ein Röntgenbild zu machen bevor es in den OP ging. Das Röntgenbild war schnell gemacht, und es folgte die freudige Nachricht: Eine Operation sei nicht mehr notwendig. Offenbar hatten wir es doch geschafft, das Bein so ruhig zu stellen, dass es von alleine schon soweit verheilt war, dass der Rest mit weiteren zwei Wochen Schonzeit ausgestanden sein sollte. Und so war es auch, und wir konnten Fenja die Unannehmlichkeiten einer OP und vor allem des Außenfixateurs ersparen.

Fenja kam langsam zur Ruhe …

Fenja schien bei uns von Tag zu Tag mehr anzukommen. Sie passte sich ganz langsam unserem Rhythmus an und fand zwischendurch sogar mal kurz Ruhe und Entspannung. Sie verbrüderte sich immer häufiger mit unserem Sohn, und beide hatten ziemlich schnell kapiert, dass gemeinsam Blödsinn machen noch viel mehr Spaß machte als alleine. Die Momente, in denen sie wie von der Tarantel gestochen einfach hochschoss und sich in unseren Füßen verbiss wurden immer weniger. Doch was blieb war das all abendliche „Durchdrehen“. Also begann ich damit jeden Abend den Tag revue-passieren zu lassen. Was hatte sie an dem Tag erlebt? Wo hatte sie welche Art von Auslastung erfahren? Was war eventuell mit Stress für sie verbunden? Es zeichnete sich immer mehr ab, dass Fenja nur eine ganz geringe Spanne zwischen „zu wenig Auslastung“ und „Überforderung“ hatte. Beides führte dazu, dass sie abends anfing durchs Haus und durch den Garten zu rennen und alle, abgesehen von unserem Sohn zu beißen. Ich musste mich also nach und nach an das Pensum herantasten, das für sie passte. Und das hieß nicht Auslastung bis zum Umkippen und ein Wochenprogramm, welches fünf verschiedene Kurse in der Hundeschule beinhaltete. Ganz im Gegenteil. Es pendelte sich etwa bei 40 Minuten Spaziergang ein. Auf diesem durfte jedoch nichts groß Aufregendes passieren. Kam doch etwas Unvorhergesehenes dazu, wurde der Spaziergang dementsprechend verkürzt. Und siehe da – Fenja schien zufriedener zu werden, und auch die abendlichen Ausraster wurden weniger.

Ich hatte einen Hund, der Beißhemmung, Spielverhalten, hündische Kommunikation und so vieles mehr noch lernen musste. Doch die Sozialisierungsphase war eigentlich mit der 8. Woche abgeschlossen, und aufgrund des Beinbruchs durfte ich mit ihr bis auf kurze Runden an der Leine kaum etwas machen. Es folgten also Tage in denen noch keinerlei Besserung in Sicht war. Regelmäßig wurden unsere Hände und Füße attackiert, und vor allem abends drehte Fenja völlig frei.

Wir entschieden uns dafür, dass Fenja bei uns bleiben sollte und adoptierten sie am 6. Dezember.

Seit dem hat sie weiterhin große Fortschritte gemacht. Verschwunden sind die abendlichen Chaosphasen bis heute noch nicht. Aber sie macht sich. Inzwischen gibt es Tage, an denen man sie den ganzen Vormittag kaum mitbekommt, weil sie irgendwo liegt und schläft. Auch das Mitnehmen ins Büro ist nicht mehr mit einer achtstündigen Belästigung der Kollegen verbunden. Da sie Zuhause deutlich besser zur Ruhe findet und dabei das Erlebte verarbeiten kann, sind inzwischen auch längere Spaziergänge mit ihr möglich. Jede positive Hundebegegnung lässt sie sicherer werden, was es ihr ermöglicht, Hunden inzwischen auch freundlich zu begegnen. Sie weiß allmählich wie sie zusammen mit uns spielen kann und dass ein Beißen in Hände und Füße nicht gewünscht ist – aber zwischendurch vergisst sie es leider noch.

Fenja muss sicherlich noch viel auf unserem gemeinsamen Weg lernen, und ob wir alles, was sie in den ersten Wochen nicht erfahren durfte, wieder ausgleichen können wird sich zeigen. Aber wir freuen uns, sie bei uns zu haben und sind uns sicher, dass sie ein ganz toller Wegbegleiter werden wird.

Nicht jeder Hundefreund ist für einen Welpen Zuhause gerüstet

Bei aller Freude über unser neues Familienmitglied müssen wir aber auch ehrlich zugeben, dass die letzten Wochen mit ihr unglaublich anstrengend waren und sind darauf gefasst, dass auch die kommende Zeit noch einiges an Nerven, Zeit und Geduld kosten wird. Sicherlich bringt nicht jeder Welpe ein so großes Paket „Special-Effects“ mit wie Fenja, aber jeder, der einen Welpen bei sich aufnehmen möchte, sollte sich darüber bewusst sein, dass dieser sehr arbeits- und zeitintensiv ist. Wer also nicht für eine Zeit sein komplettes Leben umkrempeln möchte, keine Lust darauf hat, dass die Lieblingsschuhe in einem unbeobachteten Moment als Kauartikel dienen und nicht mehrmals in der Nacht aufstehen möchte, weil der kleine Hund seine Blase leeren muss, sollte sich also gut überlegen, ob nicht vielleicht ein schon älterer Hund aus dem nächstgelegenen Tierheim die bessere Wahl ist.

Ann Kari Sieme ist ausgebildete Hundetrainerin mit ordnungsbehördlicher Erlaubnis nach § 11 Abs. 1 Nr. 8f TSchG.