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Wenn es wieder summt und surrtPferdeleiden: Sommerekzem

Zum Schutz eingehüllt.
Zum Schutz eingehüllt. – Foto: Alexandra Pfitzmann

Jetzt fliegen sie bald wieder: die Kriebelmücken. Sie sind neben Gnitzen (Bartmücken), Pferdebremsen und anderen stechenden Insekten Hauptauslöser für eine leider bisher unheilbare, allergische Hauterkrankung der Pferde. Nahezu ein Viertel aller Rösser ist von diesem schlimmen Schicksal mehr oder weniger betroffen. Studien belegen, dass die Veranlagung zum Sommerekzem vererbbar ist. Vor allem die nordischen Rassen wie Isländer, Friesen und Norweger sind häufig mit dem Defekt belegt.

Ein Bericht von Dr. Tina Hölscher, Tierärztin bei aktion tier – menschen für tiere e.V.

Doch was passiert bei dieser Erkrankung eigentlich genau? Die weiblichen Insekten spritzen beim Stechakt eine eiweißhaltige Substanz in den Pferdekörper. Sie hemmt die Blutgerinnung. So können die Mücken ohne Mühe ihre Blutmahlzeit in aller Ruhe einnehmen. Pferde und Ponys, die die Veranlagung zum Ekzem in sich tragen, reagieren auf diese Proteine im Speichel der Mücken mit der Ausschüttung von Histamin. Hierbei handelt es sich um einen Botenstoff im Entzündungsgeschehen. Er sorgt für eine Schwellung im Bereich des Stiches und die Entstehung von massivem Juckreiz.

Die Vierbeiner schrubben sich bis aufs Blut wund. Zunächst sind meist Mähnenkamm und Schweifrübe betroffen. Das rührt daher, dass die Mücken vorzugsweise an Stellen mit senkrechten und weniger dicht stehenden Haaren stechen. Unbehandelt weitet sich die Erkrankung auf den gesamten Kopf und den Unterbauch aus. Erkrankte Pferdeleiber sind gezeichnet von haarlosen, schuppigen Bereichen. Teilweise sind regelrecht offene, blutige Wunden erkennbar. Früher oder später beginnen diese zu nässen, was wiederum neue Insekten anzieht. Sie bringen bei der Landung zusätzliche Bakterien in das Krankheitsgeschehen mit ein. Das Krankheitsbild verschlechtert sich zusehends. Im Versuch eine Heilung herbeizuführen, verdickt sich die Haut und legt sich in Falten. Bereiche mit schlechter Belüftung entstehen, was wiederum ein Fest für die Bakterien und Pilze ist, die sich dort zudem weiter prächtig vermehren. Der Juckreiz mit all seinen Folgen nimmt weiter zu. Der Teufelskreis ist perfekt.

Der Fachmann spricht bei dieser Allergie-Form von einer Allergie vom Sofort-Typ. Das Tückische – die Reaktion fällt umso heftiger aus, je häufiger es zum Kontakt mit dem Allergen, also mit dem Stoff, der die Allergie auslöst, kommt. Daher gilt es bei der Bekämpfung vor allem ein Ziel zu erreichen: den Kontakt zum Allergen, hier zum Speichel der Insekten unter allen Umständen zu vermeiden bzw. so gering wie möglich ausfallen zu lassen.

Diagnose Sommerekzem

Die Diagnose Sommerekzem stellt der Tierarzt vor allem durch gezieltes Befragen, wann und wo die Krankheit erstmalig aufgetreten ist. Mikroskopische Untersuchungen von Hautpartikeln, um andere Erkrankungen auszuschließen, runden die Diagnostik ab. Mittlerweile gibt es auch einen aussagekräftigen Bluttest, der die Diagnose Sommerekzem auch im Winter zulässt. Er kommt vor allem zum Einsatz, wenn beim Kauf eines Pferdes in den Wintermonaten die Diagnose Sommerekzem ausgeschlossen werden soll. Die Kosten für den Test liegen bei etwa 300 Euro.

Kriebelmücken und Co. sind zu den schönsten Zeiten des Tages am aktivsten.

In den Morgen- sowie den frühen Abendstunden laufen sie zur Höchstform auf. Deshalb sollten empfindliche Pferde um diese Tageszeiten besser im Stall bleiben. Der Koppelgang ist für die armen Tiere in dieser Situation sowieso alles andere als ein Genuss. Vor allem in Gegenden mit Bachläufen oder Seen finden sich besonders viele der stechenden Insekten. Ekzemer sollten also auf trockenen Koppeln stehen. Wenn möglich, ist das Stehen auf Weiden, die dem Wind ausgesetzt sind, der Vorzug zu geben. Dort sind insgesamt weniger Kriebelmücken anzutreffen, weil sie sich aufgrund der Luftbewegung dort nicht halten können. Fachleute raten, die Unterstände auf den Koppeln sowie Stalleingänge mit herabhängenden Plastikstreifen abzudichten, um die Menge der eindringenden Mücken zu reduzieren. Hygiene im Stall und auf der Weide ergänzen alle anderen Maßnahmen. Damit ist gemeint, Kotballen regelmäßig abzusammeln, alles in der Hoffnung, die Insektenbürde zu minimieren.

Doch was kann der Tierbesitzer darüber hinaustun, um seinen Liebling zu schützen?

Eine wertvolle Waffe im Zusammenhang im Kampf gegen die Hauterkrankung ist die Ekzemerdecke. Sie ist besonders dicht gewebt, so dass es den Insekten nicht möglich ist, durch sie hindurchzustechen. Für schwer betroffene Tiere gibt es Anzüge zu kaufen, die sie komplett einhüllen und so vor Stichen schützen. Darüber hinaus helfen diverse Anti-Insekten-Sprays, die Lästlinge wenigstens stundenweise fern zu halten. Cremes können dazu beitragen, die Geschmeidigkeit der Haut im Rahmen der Heilung nach Stichen zu bewahren. Bei geeigneter, also warmer Witterung, können erkrankte Pferde mit einem milden Shampoo abgewaschen werden, um ihren Eigengeruch zu reduzieren. So werden weniger Insekten angelockt. Allerdings sollte nicht häufiger als einmal wöchentlich shampooniert werden, weil ansonsten der natürliche Fettfilm auf der Haut aus den Fugen gerät. Gewichtskontrolle scheint in diesem Zusammenhang ebenfalls hilfreich zu sein. Insgesamt sind wohl übergewichtige Tiere häufiger betroffen als schlanke und normalgewichtige Pferde. Ungesättigte Fettsäuren zum Beispiel in Form von Leinöl als Futterzusatz helfen, die Entzündungsbereitschaft der Haut herabzusetzen.

Und der Tierarzt – kann der überhaupt etwas tun?

Zur Linderung der Symptomatik stehen ihm etliche Präparate zur Verfügung. In dramatischen Fällen darf kurzzeitig Cortison zum Einsatz kommen, um eine abrupt auftretende Juckreizattacke abzufangen. Langfristig aber sollte von der Behandlung mit Cortison Abstand genommen werden. Sie öffnet Bakterien, die beim Kratzen in die Wunden gelangen, Tür und Tor. Denn Cortison haltige Präparate dämmen einerseits zwar den Juckreiz effektiv, andererseits blockieren sie aber in gleichem Umfang die Abwehrkräfte und leisten damit erregerbedingten Entzündungen Vorschub. Darüber hinaus wirken sie katabol, reduzieren also die Muskelmasse. Einem Impfstoff gegen Pilzinfektionen schreibt man eine lindernde Wirkung gegen das Sommerekzem zu. Bereits sekundär entzündete Areale kann der Veterinär mit Antibiotika oder Antimykotika behandeln. Antihistaminika helfen wie beim Menschen die Allergiesymptomatik zu lindern.

Außer den körperlichen Einschränkungen, die das Sommerekzem mit sich bringt, stellt der massive Juckreiz eine echte psychische Belastung für die Pferde dar.

Manche Tiere entwickeln eine regelrechte Panik vor Insekten. Instinktiv scheinen sie zu wissen, welche Folgen die Stiche mit sich bringen. Sie wirken unruhig und nervös, stehen ständig unter Spannung. Auch daher ist es so wichtig, erkrankten Pferden zu helfen. Denn auch wenn das Sommerekzem nicht heilbar ist – die Symptomatik lässt sich deutlich lindern, allerdings eben mit viel Aufwand. Doch Ihr Pferd wird es Ihnen gewiss danken.