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Das Sommerekzem

Pferd mit Ekzemdecke
Immer mehr Pferde sind vom Sommerekzem betroffen. Warum das eine Pferd mehr und das andere weniger oder gar nicht erkrankt, ist bis heute nicht ganz geklärt. Foto: © Diezemann
Durch die Gaze kann das Pferd hindurchsehen. Foto: © Diezemann
Pferd mit Ekzemerdecke
Ein bewährtes Mittel ist die so genannte Ekzemerdecke. Dabei handelt es sich um eine Art Ganzkörperanzug für das Pferd, der den gesamten Körper inklusive Kopfbereich vor Insektenstichen schützt. Die Decke muss gut sitzen und trotzdem dem Pferd maximale Beweglichkeit ermöglichen. Foto: © Diezemann
 
 

Von Dr. Tina Hölscher, April 2015. Alle freuen sich auf den Sommer! Alle? Die, die sich nicht freuen, denen graut es vermutlich sogar vor den warmen Temperaturen. Vor allem für so genannte Robust-Rassen wie Isländer und Haflinger hat die warme Jahreszeit durchaus ihre Schattenseiten. Im Sommer kommen die Mücken. Für manche ist das nicht nur lästig, sondern geradezu unerträglich. Die Mücken machen sie krank – schwer krank. Unbehandelt sehen betroffene Tiere bestenfalls noch aus wie Vogelscheuchen. Teilweise sind Mähne und Schweif jedoch regelrecht blutig gescheuert. Alles wegen des unerträglichen Juckreizes. Diese armen Pferde leiden unter dem gefürchteten Sommerekzem.

Bei dem Sommerekzem handelt es sich um eine allergische Reaktion auf den Speichel von stechenden Insekten. Dazu gehören zum Beispiel die Kriebelmücken und die Gnitzen (ca. 1-3mm groß). Hier saugen zwar lediglich die weiblichen Mücken, doch das genügt. Ihre Brutgebiete befinden sich in der Nähe von langsam fließenden Gewässern und Tümpeln, doch können sie über mehrere Kilometer hinweg ein Pferd ausmachen. Und welche Koppel hat nicht im Umkreis von einigen Kilometern ein kleines Feuchtgebiet? Zudem mögen sie die Dunkelheit, das heißt in den Abendstunden laufen sie zur Hochform auf. Warum das eine Pferd mehr und das andere weniger oder gar nicht erkrankt, ist bis heute nicht ganz geklärt. In jedem Fall sind immer mehr Pferde betroffen. Standen früher vor allem die Isländer im Zentrum des Geschehens, leiden heute auch Friesen und viele andere Pferderassen an dieser Allergieform. Wissenschaftler vermuten zum einen, dass es eine genetische Veranlagung gibt. Zum anderen sollen auch Umweltfaktoren und die Klimaerwärmung für das immer häufiger auftretende Sommerekzem verantwortlich sein. Die Zunahme der eigentlich artgerechten Offenstallhaltung kann zudem als Faktor gewertet werden, warum die Erkrankung immer mehr Pferde betrifft. In Deutschland quält fast jedes dritte Pferd diese Sommerallergie. Was auch immer die Ursache ist, für die betroffenen Tiere ist es ein Alptraum. Die Mücken stechen vorzugsweise an Stellen mit senkrecht stehender Körperbehaarung, dort haben sie ein leichtes Spiel. Doch auch Areale mit eher dünner Haut, der Zwischenschenkelbereich oder das Euter sind bei den Insekten sehr beliebt. Schon wenige Stiche reichen aus, um das allergische Geschehen in Gang zu setzen. Zunächst kommt es zu einer Schwellung an der Einstichstelle, der Juckreiz kommt auf. Die Schwellung nimmt weiter zu, es entstehen Hautfalten. In diesen Falten fühlen sich Bakterien besonders wohl und vermehren sich. Die Pferde beginnen zu scheuern und schubbern und kratzen sich ohne Unterlass. Die Stichstellen werden zu offenen Wunden. Bakterien dringend in tiefere Hautschichten ein, es entwickelt sich eine eitrige Hautentzündung (Pyodermie). Im nächsten Schritt beginnen die Problemzonen zu nässen. Dies ist ein zusätzlicher Faktor, der neue Insekten anzieht. Der Teufelskreis ist in vollem Gang.

Im Zuge der Erkrankung entwickeln viele Pferde regelrechte Panik vor Insekten. Hören sie nur ein Surren, werden sie extrem unruhig, scheuen oder werfen sich auf der Koppel sogar auf den Boden. Alles, um nicht Opfer der Plagegeister zu werden. Teilweise sind sie nicht mehr reitbar. Entweder, weil sie so nervös sind, dass sie den Reiter kaum mehr wahrnehmen oder aber weil wunde Stellen in der Sattellage oder im Bereich des Sattelgurtes ein Aufsatteln unmöglich machen.

Doch was tun, um den armen Vierbeinern zu helfen?

Leider gibt es kein Patentrezept. Eins ist aber klar. Man muss schon bevor es zum Stich kommt tätig werden, nicht erst danach! Wo kein Stich erfolgt, kommt auch kein Juckreiz. Auch wenn die Allergie damit nicht geheilt ist, kann man doch weitgehend verhindern, dass Symptome auftreten.

Ein bewährtes Mittel ist die so genannte Ekzemerdecke. Dabei handelt es sich um eine Art Ganzkörperanzug für das Pferd, der den gesamten Körper inklusive Kopfbereich vor Insektenstichen schützt. Die Decke muss gut sitzen und trotzdem dem Pferd maximale Beweglichkeit ermöglichen. Sie sollte regelmäßig gewaschen und auf Schadstellen geprüft werden. Der Sitz der Decke wird täglich kontrolliert. Angelegt wird sie je nach Insektenaktivität etwa von April bis Oktober. Meist müssen mehrere Modelle probiert werden, bis man die optimale Passform für sein Pferd ausmacht.

Zweiter Pfeiler der Prophylaxe ist die Insektenabwehr mittels Repellentien. Das sind Lotionen oder Sprays, die Insekten fern halten. Auch wenn man als Tier- und Naturliebhaber gerne auf derartige Mittel verzichten würde, kommen die erkrankten Pferde ohne derartige Insektizide nicht aus. Weiterhin sind unzählige Pflegemittel in Form von Sprays und Salben wie z.B. Lebertran- Zinksalbe auf dem Markt. Hier muss man ausprobieren, was seinem Vierbeiner am besten bekommt. Rückstände dieser Mittel müssen jedoch auch regelmäßig wieder entfernt werden. Auf dem Markt befinden sich zudem Kombinationspackungen, mit Präparaten zum Eingeben und Einsprühen. Ein Wundermittel gibt es auch hier nicht, man muss versuchen, mit was Ross und Reiter am besten zurechtkommen.

In den Morgen-, Nacht- und Abendstunden belässt man empfindliche Pferde besser in den Stall, um die Wahrscheinlichkeit von Stichen zu verringern. In Offenställen können PVC-Lamellen im Eingangsbereich verhindern, dass die Mücken den Pferden massenweise in den Stall folgen. Da Kot und Urin die Mücken anzieht, sollte sowohl auf der Koppel als auch im Stall dafür gesorgt werden, dass optimale hygienische Zustände herrschen. Sowohl auf der Koppel als auch im Stall kann man Bürsten anbringen, um dem Pferd eine schonendere Kratzmöglichkeit als Futtertröge oder Koppelzäune anzubieten. Beim Scheuern an der Bürste kommt es zu weniger Verletzungen der Haut als an ungeeigneten Materialien. Windige Koppeln werden von den Insekten gemieden und eignen sich damit für Allergiker.

Regelmäßige Bewegung und eiweißarme Fütterung, um die Allergiebereitschaft zu senken, ergänzen die Vorsorgemaßnahmen gegen das Sommerekzem. Wenn Pferdebesitzer alle in ihrer Macht stehenden Maßnahmen ergreifen und gleichermaßen zum Einsatz bringen, kann ein Ekzem vielleicht nicht gänzlich verhindert aber doch zumindest in einem für das Pferd erträglichen Rahmen gehalten werden.

Alles in allem handelt es sich bei der Behandlung und Prophylaxe des Sommerekzems um eine echte Herausforderung. Aber der Einsatz lohnt sich. Ihr Vierbeiner wird es Ihnen mit einer Gelassenheit danken, die er mit Ekzem sicher nicht an den Tag legen könnte.