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Die Bioinvasion ist losDie Krebse kommen

Rote Amerikanische Sumpfkrebs
Rote Amerikanische Sumpfkrebs / CC0 1.0 Universell CC0 1.0

Globalisierung ist auch im Tier- und Umweltschutz eines der großen Themen unserer Zeit. Wir profitieren von ihr, doch birgt sie auch einige Risiken. Infolge der Globalisierung entstehen zahlreiche neue (Handels-) Beziehungen, auch die Freizügigkeit ist eine der wichtigen Errungenschaften. Damit verbunden entstehen neue Bevölkerungswanderungen, Kulturen vermischen sich und der Begriff der Identität wird immer wieder neu aufgeladen. Dies gilt nicht nur für Menschen, auch Tiere und Pflanzen verlassen ihren angestammten Lebensraum und siedeln sich andernorts neu an oder breiten sich aus. Fachbegriffe wie Bioinvasion* und Neozoen** bekommen wieder eine aktuelle Bedeutung und führen uns vor Augen, dass unbegrenzte Ausbreitung nicht immer vorteilhaft ist.

Von Jan Peifer, März 2018.

Eines der jüngsten Beispiele sorgte vor wenigen Monaten in der Hauptstadt Berlin für Aufsehen: Dort hatte sich der Rote Amerikanische Sumpfkrebs schlagartig ausgebreitet. In den Nachrichten und auch in den sozialen Netzwerken sorgten die Krebstiere in den Parks und auf den Straßen für verwunderte Blicke und zahlreiche Schnappschüsse von Touristen. Das auch als Louisianakrebs bekannte Tierchen ist eigentlich in den USA und Mexiko beheimatet, wird aber als Speisekrebs auf der ganzen Welt gezüchtet und auch von Aquarienliebhabern gern als Zierkrebs gehalten. In Berlin wurden die Tiere vermutlich ausgesetzt. Aufgrund milder Winter und fehlender natürlicher Feinde konnten sie sich schnell ausbreiten. Was zunächst auf Touristenbildern ganz possierlich wirkt, hat jedoch einen ernsten Hintergrund. Denn eingeschleppte Arten wie der Sumpfkrebs können für heimische Tierarten zur Bedrohung werden, weil sie ihnen schnell den Lebensraum streitig machen können. Dies ist in der Vergangenheit immer wieder passiert, meist durch Tiere, die der Gefangenschaft entfliehen und sich dann in freier Wildbahn ansiedeln konnten. Zu den bekanntesten sogenannten invasiven Tierarten gehört der Waschbär. Ursprünglich zur Pelztierzucht genutzt, konnte er innerhalb kurzer Zeit eine feste und große Population auch in Deutschland bilden, nicht nur in den Wäldern, sondern auch in großen Städten. Ein anderes bekanntes Beispiel sind Nandus. Die Verwandten der großen Laufvögel Strauß und Emu sind eigentlich in Südamerika beheimatet – seit den 1990er Jahren fühlen sie sich aber auch in Brandenburg pudelwohl. Auch die Laufvögel sind ursprünglich einem Farmer entkommen, heute sorgt ein gut gedeihender Tierbestand für Ärger unter den Landwirten. Die Vögel sind in ihrer Heimat vom Aussterben bedroht, in Brandenburg stehen sie unter Schutz und gelten hier mittlerweile sogar als heimische Art. So wie Nandus, Waschbären oder der Sumpfkrebs stammen viele neue Tierarten eigentlich aus der Gefangenschaft, wurden also vom Menschen eingeschleppt. Viele andere gelangen aber auch auf anderen Wegen zu uns, etwa im Ballastwasser von Frachtschiffen, als blinde Passagiere in Flugzeugen oder anderen Verkehrsmitteln.

EU-weite Verbotsliste

Um die ungewollte Ausbreitung invasiver Arten einzudämmen, hat die Europäische Union eine Liste mit derzeit 27 Tier- und 25 Pflanzenarten erstellt, die in der EU nicht gehalten, gezüchtet, gehandelt und vor allem nicht freigelassen oder ausgesetzt werden dürfen, weil sie als Bedrohung für die europäischen Ökosysteme und die Artenvielfalt gelten. Ausgenommen hiervon sind unter strengen Auflagen lediglich Zoos. Möglichst frühzeitig sollen die Mitgliedstaaten gegen fremde Arten vorgehen. Rund 12 Milliarden Euro werden jährlich hierfür eingesetzt. Zwar kann die Ausbreitung nicht immer gestoppt werden – wie etwa beim Waschbären. Ebenso wie die Bisamratte oder seit letztem Jahr auch der Marderhund steht er auf der EU-Verbotsliste, allerdings hat er sich als einheimische Tierart längst etablieren können. Die Liste mahnt Länder, Behörden, Umweltschutzorganisationen und letztlich alle EU-Bürger zu einem verantwortungsvollen Handeln und Umgang nicht nur, aber ganz besonders mit den neuen Arten. In manchen Fällen hat dies auch zur Folge, dass neue Arten bejagt werden, so etwa in England: Hier hatte das aus Amerika eingeschleppte Grauhörnchen das einheimische Eichhörnchen fast verdrängt, nicht nur als Nahrungskonkurrent, sondern auch durch die Übertragung von Krankheiten. Für Tier- und Umweltschützer wird sich in Zukunft wohl zunehmend häufiger die Frage stellen, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit neuen Arten aussehen sollte. Eine allgemeingültige Antwort hierauf kann es nicht geben. Mit der Beobachtung von und Aufklärung über Veränderungen kommt jedoch gerade auf Tier- und Umweltschutzorganisationen eine überaus wichtige Aufgabe zu, damit Ökosysteme von neuen Arten nicht gefährdet oder gar zerstört werden.