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Die Rolle des Hais im Ökosystem

Foto: © Sabo

Von Christian Kemper, Dezember 2015. Eine Bekannte stellte mir neulich folgende Frage: „Welchen Nutzen hat eigentlich der Hai?“. Nach dem Motto: Kühe geben uns Milch und Leder, Schweine geben uns Fleisch und Schafe geben uns Wolle – was geben uns Haie? Was haben wir davon, Haie zu schützen?“. Ich war etwas wütend, denn ich fand es vermessen, dass Tiere einen „Nutzen“ haben müssen, um sie für uns schützenswert zu machen. Doch diese menschliche Überheblichkeit und negative Grundeinstellung spüre ich oft, wenn es um Haie geht. 

Der bekannte südafrikanische Haischützer Andrew Cobb formulierte es einmal so: „Wenn die Haie sterben, stirbt das Meer. Wenn das Meer stirbt, werden wir folgen!“. Was heißt das genau? Der Hai wird auch oft als „Wolf des Meeres“ bezeichnet, und der Vergleich ist durchaus zutreffend. Ein Beispiel soll zeigen, wie die Wiedereinführung von Wölfen den Yellowstone-Nationalpark in den USA regenerierte und welche Parallelen man zu den Haien ziehen kann. Von Küste zu Küste und von der Arktis bis Zentralmexiko durchstreiften Wölfe einst ganz Nordamerika. In Alaska und Kanada sind sie noch relativ häufig, aber durch die Ausrottungsprogramme und den Lebensraumverlust der vergangenen Jahrhunderte sind sie aus den 48 zusammenhängenden US-Bundesstaaten beinahe ganz verschwunden. In den 1930er Jahren gab es nur noch im Norden kleine Bestände. Trotz vieler Kontroversen wurden 1995 und 1996 im Yellowstone-Nationalpark in Wyoming/USA und im Bundesstaat Idaho 66 Wölfe angesiedelt, die sich in diesen Gebieten seit 1926 nicht mehr fortgepflanzt hatten. Bis 2007 wuchs die Population auf etwa 1.500 Tiere an.

Wölfe haben seitdem erhebliche Wirkungen im Yellowstone ausgelöst, die sich durch das gesamte „Nahrungsnetz“ gezogen haben, das Biodiversität im Ökosystem der Nördlichen Rocky Mountains definiert. Ökologische Interpretationen dieser Auswirkungen haben einen signifikanten Beitrag zu der Debatte geleistet, welche Wirkungskräfte das Verschwinden von Pflanzenfressern und von Vegetation im Yellowstone- Nationalpark bestimmt: Wirken „Top-Down“-Kräfte vom Wolf als oberstes Glied der Nahrungskette nach unten über seine Beutetiere auf die Vegetation? Oder wirken „Bottom-Up“-Kräfte vom Wasserhaushalt über die Vegetation auf die Beutetiere und schließlich auf den Wolf?

Mit dieser Thematik beschäftigt sich die Studie „Yellowstone Wolves and the Forces that Structure Natural Systems“ von Andy P. Dobson, die am 23. Dezember 2014 in der Fachzeitschrift PLOS Biology erschienen ist. Nach der Wiederansiedelung der Wölfe kam es zu einem deutlichen Rückgang der Wapiti- Hirsch-Population. 70 Jahre lang gab es hier keine Wölfe. Dadurch hatte die Population an Hirschen enorm zugenommen, weil es kaum noch natürliche Feinde für sie gab. Diese taten sich an Bäumen und Gräsern gütlich, so dass die Pflanzen nicht mehr richtig wuchsen. Dadurch wurden nicht nur andere Tierarten verdrängt, deren Lebensraum zerstört wurde, sondern auch der Lauf der Flüsse veränderte sich, da die Ufer weniger stabil waren. Die Bodenerosion verstärkte sich ebenfalls durch den Kahlfraß. Der Rückgang der Hirsch-Population ließ sich allerdings nicht alleine durch die Zahl der von den Wölfen gerissenen Wapitis erklären. Offensichtlich mieden die Hirsche bestimmte Gebiete, in denen sie besonders gefährdet waren, und wichen auf schlechtere Futterplätze aus. Dies führte in den von den Wapitihirschen gemiedenen Gebieten zu einer Veränderung der Vegetation: Pflanzen- und Baumarten, die sich bisher nicht ausbreiten konnten, weil sie von den Wapitis geäst worden waren, breiteten sich nun wieder aus. Da viele Wapiti- Hirsche von den Wölfen gerissen wurden, starben weniger Wapitis im Laufe des Winters einen natürlichen Tod. Das hatte spürbare Folgen für die im Yellowstone lebenden Grizzlys: Sie fanden deutlich weniger während des Winters gestorbene, tiefgefrorene Wapitis als Futterquelle vor. Die Grizzlys waren daher gezwungen, sich eine weitere Nahrungsquelle zu erschließen: Bisons. Die von den Grizzlys gerissenen Bison- Kadaver eröffneten wiederum zusätzliche Nahrungsmöglichkeiten für Geier und Adler.

Die Wölfe verringerten auch die Kojotenbestände, was zu einer höheren Überlebensrate der Gabelbockkälber führte, der bevorzugten Beute von Kojoten. Mit dem deutlichen Rückgang der Rentier- Population, deren Population vor der Wiederansiedelung der Wölfe ein Allzeit-Hoch erreicht hatte, waren auch die Wölfe gezwungen, zusätzlich auf Bisons als Beutetiere auszuweichen. Die Jagd auf die Bisons wiederum zwang die Wölfe, ihr Jagdverhalten zu verändern: Für die erfolgreiche Jagd auf Bisons waren größere Jagdverbände notwendig, zu denen sich die Wölfe zusammenschließen mussten. Folglich gab es wieder mehr Wölfe, die für ein ausgeglichenes Ökosystem sorgten.

Elf Hai-Arten sind nahezu ausgerottet

Eine wissenschaftliche Studie, in der die Fischbestände an der Atlantikküste der USA untersucht wurden, fand heraus, dass bereits elf Hai-Arten nahezu ausgelöscht sind. In Folge dessen haben zwölf der insgesamt 14 Artenbestände, die zum Beutespektrum der Haie gehören, stark zugenommen und damit dem Ökosystem großen Schaden zugefügt. So ist beispielsweise der Bestand von Kuhnasenrochen in den Gewässern unkontrolliert stark angewachsen. Da zur bevorzugten Nahrung der Rochen unter anderem Schalentiere wie Austern und Jakobsmuscheln gehören, wurden deren Bestände praktisch vollständig zerstört. Aber auch Menschen mögen Muscheln! Die Muschelfischerei, welche über 100 Jahre gut florierte, sank auf 13% und brach damit fast vollständig zusammen. Das bedeutet, es gab somit auch keine Muscheln mehr, die das Meerwasser filtern und reinigen könnten. Durch Einschüchterung bestimmen Haie das Verhalten ihrer Beutetiere und beugen so der Überweidung wesentlicher Lebensräume vor. Einige Haiforscher glauben sogar, dass dieser „Einschüchterungsfaktor“ eine noch größere Auswirkung auf das marine Ökosystem hat, als das, was die Haie eigentlich fressen.

Der Hai ist der „Wolf des Meeres“

Ähnliches trifft auch für die Haie in einem Riff zu: Welche lebenswichtige Aufgabe der Hai im Ökosystem Meer tatsächlich hat, wissen die wenigsten Menschen. Haie sind die „Regulatoren“ im Meer. Seit über 400 Millionen Jahren stehen die Haie an der Spitze der Nahrungspyramide. Haie haben eine enge, wechselseitige Abhängigkeit mit ihrer Umwelt entwickelt. Ihre Fressgewohnheiten entsprechen effizienten Strategien. Je nach Art fressen sie kranke Tiere oder kleinere Raubfische und sorgen so für eine funktionierende Ökologie im Meer. Eine Reihe wissenschaftlicher Untersuchungen zeigt, dass die starke Reduzierung des Haibestandes auch eine Reduzierung kommerziell relevanter Fischarten mit sich bringt. Dies geschieht entlang der gesamten Nahrungskette und umfasst auch den für die Fischindustrie wichtigen Sektor Thunfisch sowie weitere, für den Erhalt der Korallenriffe bedeutsame Arten. Zu diesem Ergebnis kommt auch ein australisch-kanadisches Forscherteam, das zwei unbewohnte Riffgebiete vor der Nordwestküste Australiens untersucht hatte. Würden viele Haie an einem Riff gefangen, nehme dort die Zahl der pflanzenfressenden Fische ab, berichten die Wissenschaftler im Fachmagazin „PLOS ONE“. Auf den ersten Blick mutet dieser Zusammenhang merkwürdig an. Mit weniger Haien am Riff steige jedoch die Zahl kleinerer Raubfische – und in der Folge schwänden die Bestände wichtiger pflanzenfressender Riffbewohner wie der Papageifische, erklären die Forscher. Sie hatten Daten zu zwei Atoll ähnlichen, 300 Kilometer vor der Küste liegenden Riffgebieten ausgewertet, in denen seit 1994 die Population einzelner Fischarten erfasst wird. 112 Arten wurden von ihnen berücksichtigt. Eine der Regionen, die Rowley Shoals, sind ein Schutzgebiet, in der zweiten, den Scott Reefs, jagen hingegen indonesische Fischer auf traditionelle Art Riffhaie. Viele Papageifischarten ernähren sich von Algen – und schützen so vor allem junge Korallen davor, überwuchert zu werden. Wichtig sei das vor allem dann, wenn ein Riff sich von schädlichen Umwelteinflüssen oder Stürmen erhole, schreiben die Forscher. „Der Haifang scheint deutliche Auswirkungen auf Korallen-Ökosysteme zu haben“, wird Studienautor Jonathan Ruppert von der Universität Toronto zitiert. Die Markierung von Grauen Riffhaien (Carcharhinus amblyrhynchos) habe gezeigt, dass diese meist in der Nähe „ihrer“ Korallenriffe bleiben, schreiben die Forscher. Schon sehr klein gefasste Schutzgebiete um die Riffe könnten die Topräuber – und in der Folge auch die Korallen – schützen.

So haben Haiforscher auf Hawaii herausgefunden, dass Tigerhaie einen positiven Einfluss auf die Gesunderhaltung von Seegrasfeldern haben. Schildkröten, die zur Beute der Tigerhaie gehören, weiden auf solchen Seegraswiesen. Durch das Fehlen von Tigerhaien, verbrachten die Schildkröten ihre gesamte Zeit damit, das beste und nahrhafteste Seegras abzufressen, so dass dieser Lebensraum schon bald zerstört war. Waren jedoch Tigerhaie da, grasten die Schildkröten auf ausgedehnteren Gebieten und überweideten nicht eine bestimmte Region.

Haie sind sogenannte Knorpelfische. Sie pflanzen sich nur sehr langsam fort. Etwa 20 % der Haie legen Eier, 80 % gebären lebend. Haie werden derzeit um ein vielfaches schneller gefangen, als sie sich vermehren können. Die meisten Arten erreichen erst nach vielen Jahren ihre Geschlechtsreife, wo sie dann im Abstand von zwei oder mehr Jahren nur wenige Nachkommen produziereport

ren. Kein Vergleich zu den Millionen von Eiern der „Knochenfische“. Wird die Population der Haie noch weiter reduziert, besteht kaum eine Möglichkeit, dieses Missverhältnis wieder auszugleichen. Als Folge werden die Haie nicht mehr in der Lage sein, das Ökosystem stabil und im Gleichgewicht zu halten. Wissenschaftliche Studien belegen, dass ein Korallenriff, bei dem alle Haie getötet werden, innerhalb nur eines Jahres stirbt! Das zeigt, welch lebensnotwendige Funktion diese Tiere in dem verwundbaren Ökosystem der Meere erfüllen. Umso schlimmer, dass aktuell ein Drittel der rund 500 Haiarten stark gefährdet ist. Weit über 100 Millionen Haie werden weltweit jährlich getötet. Das sind rund 250.000 jeden Tag und drei bis sechs pro Sekunde. Kein anderes wildlebendes Tier wird momentan so brutal und in so großen Mengen abgeschlachtet. Dabei sind die Hammerhaie bereits um 90 % zurückgegangen, Hochseehaie um 80 %. Das zeigt eine Studie der Universität Halifax.

Durch die globale Verbreitung der Haie muss angenommen werden, dass nach deren Ausrottung die Folgen auch global auftreten werden! Ein teilweiser oder vollkommener Kollaps der einzelnen Nahrungsketten kann als Folge nicht ausgeschlossen werden. Die hieraus resultierenden Folgen für unsere Umwelt und die Zukunft der Menschheit kann wohl nur als katastrophal bezeichnet werden. Industrieller Fischfang und fehlende Schutzzonen sorgen bei den Tieren für dramatischen Rückgang der Bestände. Aber es ist vor allem die ungestillte Lust auf Haifischflossen, die den Meeresbewohnern zu schaffen macht. Das sogenannte „Shark-Finning“ ist das Hauptproblem und zudem eine grausame Art der Delikatessengewinnung. All dies macht den Hai zu einem der wohl verkanntesten Tiere auf diesem Planeten und verhindert gleichzeitig den Schutz dieser Tiere. Wer schützt schon etwas, vor dem er sich fürchtet? Und dass wir Haie schützen müssen, steht außer Frage.