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Es gibt AlternativenAlgorithmen statt Tierversuche

Viele Mäuse sind im Tierversuch gestorben. Foto: © Jan Peifer

Ein Bericht von Jan Peifer

Tierversuche gehören auch in Deutschland noch zum Alltag vieler Forschungseinrichtungen. Sie sind nach dem Tierschutzgesetz für die Grundlagenforschung, für die Forschung zur Vorbeugung, Erkennung und Behandlung von Krankheiten, für die Aus- und Fortbildung von Ärzten oder auch für die Verbesserung der Haltungsbedingungen von Nutztieren gestattet. Im Jahr 2016 belief sich die Zahl der eingesetzten Versuchstiere auf fast 2,8 Millionen. Der Großteil waren Mäuse, aber auch je 300.000 Ratten und Fische, außerdem Katzen und Hunde, Schweine, Schafe und Ziegen, Kaninchen und Hamster sowie fast 1.800 Affen und Halbaffen. Rund die Hälfte der Tiere starb für Grundlagenexperimente.

Bei allen Versuchen muss das Leid der Tiere mit Blick auf das Versuchsziel ethisch vertretbar sein, alternative Methoden müssen, wenn möglich, bevorzugt eingesetzt werden. Doch wann ist das Zufügen von Leid vertretbar? Hierüber wird in Ethikkommissionen wie unter Tierversuchsgegnern heftig und kontrovers debattiert. Denn Tierversuche sind oft grausam, die Zahl ihrer Gegner ist hoch. In der Öffentlichkeit, selbst unter Forschern, sind sie sehr umstritten. Abgesehen von ethischen Bedenken gibt es viele weitere Gründe, die gegen Tests und Experimente mit lebenden Tieren sprechen: Viele Versuche – vor allem in der Grundlagenforschung – sind unnötig, weil ihr Ergebnis keine Relevanz für wissenschaftliche Entwicklungen hat.

Studien haben gezeigt, dass mehr als 90 Prozent neu entwickelter Medikamente den klinischen Versuch nicht bestehen, nachdem sie im Tierversuch „erfolgreich“ getestet wurden. Vor allem aber gibt es mittlerweile zahlreiche Alternativen, die deutlich bessere Ergebnisse liefern und ganz ohne Tierleid auskommen. Hierzu zählen Versuche mit isoliertem menschlichen oder tierischen Gewebe oder Blut, Experimente mit Mikroorganismen und Zellkulturen oder auch künstlicher Haut. Außerdem können durch den Fortschritt der medizintechnischen Entwicklung bildgebende Verfahren wie Ultraschall oder Computertomographie für die Beobachtung genutzt werden, die ein Eingreifen in den Organismus nicht (mehr) erfordern. Darüber hinaus können besonders in der Ausbildung von Ärzten oder Biologen Modelle und Simulatoren zum Einsatz kommen, an denen zahlreiche Eingriffe und Operationen erprobt und erlernt werden können.

Tiere unterscheiden sich vom Menschen grundsätzlich in Körperbau, Stoffwechsel und dem Aufbau des Organismus. Die Verlässlichkeit bei der Anwendung der Testergebnisse von Tierversuchen auf den Menschen ist deswegen unberechenbar.

Tierquälerei oder notwendiges Übel? Für die meisten Tierschützer gehören Tierversuche abgeschafft. Foto: © Jan Peifer
Tierquälerei oder notwendiges Übel? Für die meisten Tierschützer gehören Tierversuche abgeschafft. Foto: © Jan Peifer
Auch Hunde werden für die Grundlagenforschunggenutzt. Foto: © Jan Peifer
 
 

Eine neue Computersimulation macht Hoffnung

Aktuell macht eine Computersimulation amerikanischer Forscher Tierschützern Hoffnung, die zukünftig noch mehr Tierversuche ersetzen könnte. Anhand einer riesigen Datenmenge aus Informationen zu tausenden chemischen Stoffen, hunderttausenden Ergebnissen früherer Studien, Labortests und bereits durchgeführten Tierversuchen liefert die Software Wahrscheinlichkeiten einer schädlichen oder gefährlichen Wirkung von unbekannten Substanzen auf den Menschen und trifft Voraussagen zur Giftigkeit einzelner Stoffe. Die Verträglichkeitsprüfung ist einer der häufigsten Tierversuche; die Computersimulation ergab auch hier zuverlässigere, besser nachprüfbare und wiederholbare Ergebnisse als der Test am lebenden Tier. Während Tierversuche teilweise bei mehreren Testdurchgängen unterschiedliche Resultate erzielen, führte der Algorithmus zu eindeutigen Befunden: Die Computersimulation konnte eine gesundheitsschädigende Wirkung zu 85-95 Prozent richtig vorhersagen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Tierversuch im zweiten Durchgang zu dem gleichen Ergebnis kommt wie im ersten, lag indes bei 78-96 Prozent, berechneten die Forscher der Johns Hopkins Universität in Baltimore. Erstmals ist eine Simulation damit genauer als der Tierversuch, für die Zulassung als Alternativmethode stellt sie einen Meilenstein dar.

Bis Tierversuche vollständig durch andere Methoden ersetzt werden, ist es noch ein weiter Weg. Dass sich der Einsatz aber lohnt, zeigt auch ein Blick abseits der Medizin. Nach langem Ringen wurde 2013 der Einsatz von Tierversuchen in der Kosmetikproduktion EU-weit verboten. Noch gibt es Ausnahmen und Schwachstellen, doch um diese auszumerzen und Wege über Drittländer zu unterbinden, setzen sich Diplomaten bereits für eine weltweite Ausweitung des Verbots ein. In rund 80% der Länder sind Tierversuche weiterhin (noch) erlaubt. Es bleibt zu hoffen, dass die EU auch hier ihre Vorbildfunktion geltend machen kann.