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Botulismus, eine unterschätzte Gefahr?

Mastrinder in dunklem Stall. Foto: © Ursula Bauer
In der Massentierhaltung verbreiten sich Krankheiten schnell. – Foto: © Ursula Bauer

Von Jan Peifer, März 2014. Nicht nur die meisten Betroffenen haben den Skandal um BSE und Creutzfeld-Jacob wohl noch gut vor Augen. Verbraucher und Landwirte waren geschockt, als ein Zusammenhang von Tierseuche mit menschlichem Leid und Todesfällen bekannt wurde. Mittlerweile haben sich die Wogen geglättet, durch strenge Kontrollen und rigide Maßnahmen konnte der Skandal eingedämmt werden. Doch nun scheint eine neue, weitgehend unbekannte Gefahr aufzuziehen – und zwar nicht erst seit kurzem.

Wie jüngst bekannt wurde, verbreitet ein besonders aggressives Bakterium Angst und Schrecken unter den Landwirten vor allem in Norddeutschland und Skandinavien: Das von dem Einzeller produzierte Protein Botulinumtoxin, den meisten als Botox bekannt, ist eines der stärksten natürlich vorkommenden Gifte. Nur ein Gramm dieser Substanz z. B. im Trinkwasser reicht aus, um über 100.000 Menschen zu töten. Botulinumtoxin gehört zu den tödlichsten Biowaffen, die von kriegstreibenden Nationen jemals hergestellt worden sind. Durch einen internationalen Sperrvertrag ist der Kriegseinsatz heute verboten, doch aus Angst vor Terrorismus („Bioterrorismus“) müssen Pharmafirmen im Umgang mit dem Gift strengste Auflagen berücksichtigen. Die gefährliche Substanz wird über Sporen aufgenommen und verbreitet sich dann über das Zentralnervensystem, führt zu Muskellähmung und kann ein Versagen der Vitalfunktionen verursachen. Als Mitte der 1990er Jahre norddeutsche Rinderwirte genau diese Symptome verstärkt bei ihren Tieren bemerkten, dachte zuerst noch niemand an das Nervengift. Die Fallzahl jedoch wuchs, und von 1995-2003 wurden allein in Mecklenburg-Vorpommern 22 Fälle bekannt. Untersuchungen ergaben: Tatsächlich war das Bakterium Clostridium botulinum der Verursacher von Leid und Todesfällen. Mittlerweile haben Studien gezeigt, dass in Teilen Schleswig-Holsteins, Niedersachsens und Mecklenburg- Vorpommerns bis zu 70 % der rinderhaltenden Höfe betroffen sein können. Übertragungswege der Krankheit auf den Menschen sind noch nicht eindeutig geklärt, doch gibt es einen deutlichen Zusammenhang. Viele Betreiber von Höfen mit erkranktem Tierbestand leiden auch selbst unter Symptomen wie Muskellähmung, daumendick angeschwollenen Venen und dunklen Zahnfleischverfärbungen – eindeutige Vergiftungserscheinungen. Selbst Ungeborene werden durch die Vergiftung nachhaltig geschädigt; auf betroffenen Höfen aufgewachsene Kinder leider mitunter unter massiven Entwicklungsstörungen.

Botulismus ist offiziell nicht als Tierseuche anerkannt

Doch obwohl der nächste große Ernährungsskandal also fast schon erwartet werden kann, fühlen Landwirte sich allein gelassen von der Politik. Denn trotz des massenhaften Befalls von Tieren mit den gefährlichen Bakterien, sind die Kriterien der gesetzlichen Begriffsbestimmungen erfüllt. Denn Botulismus ist offiziell noch immer nicht als Tierseuche anerkannt. Für betroffene Landwirte heißt dies: Für tote Tiere gibt es keinen Ersatz von der Tierseuchenkasse, die im Falle von Massentötungen für die finanzielle Entschädigung betroffener Landwirte sorgt. Die fehlende Anerkennung bedeutet auch eine fehlende Risikoabsicherung gegenüber dem Verbraucher, denn als produzierende Unternehmer stehen Landwirte zunächst allein in der Verantwortung. Im Falle von Folgeschäden durch eine Tierseuche aber gibt es eigene Regelungen, Behörden übernehmen dann zumindest einen Teil. Einen möglichen Grund sehen einige Bauern darin, dass über den Botulismus und seine Verbreitung noch nicht genügend Gewissheit besteht. Sollte sich etwa zeigen, so der Verdacht, dass nicht nur Rinder, sondern auch andere Tiere wie Pferde, Schweine oder Kleintiere betroffen sind, könnte eine ausbrechende Seuche immense Kosten produzieren. Diese müssten dann durch offizielle Stellen abgefangen werden, bisher lasten sie voll auf den Landwirten. Dass diese Vermutung gar nicht so unwahrscheinlich ist, zeigt ein Ausbruch von Botulismus unter Masthähnchen in Niedersachsen: Nachdem die Bakterien nachgewiesen worden waren, wurde im August 2013 die Tötung von 32.000 Tieren angeordnet. Mittlerweile regt sich jedoch ein kleiner Hoffnungsfunke – nach jahrelangen Verhandlungen mit den zuständigen Ministerien und Veterinärämtern ist im Jahr 2013 endlich die Klage einiger Bauern für einen Entschädigungsfonds zugelassen worden. Der Ausgang des Verfahrens ist völlig offen, insgeheim rechnen Experten aber mit einem positiven Ende und der offiziellen Anerkennung der gefährlichen Krankheit als Tierseuche nach dem Seuchengesetz.

Schweizer Braunvieh
Foto: © Ursula Bauer

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