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Mogelpackung Milch?

ilch macht nicht in erster Linie "müde Männer munter", sondern kann im Gegenteil sogar gefährlich sein. – Foto: condesign / Lizenz: CC0 1.0 Universell CC0

Von Jan Peifer, Juni 2012. Milch und Milchprodukte gehören in der westlichen Welt zu den Grundnahrungsmitteln schlechthin. Nach offiziellen Angaben wurden in Deutschland 2010 in etwa 90.000 Betrieben mit insgesamt mehr als 4 Millionen Milchkühen fast 30 Millionen Tonnen Milch produziert. Jeder von uns verbraucht Jahr für Jahr durchschnittlich über 50 Kilogramm Milch; rechnet man Käse, Joghurt, Butter etc. noch dazu, kommt man sogar auf über 80 Kilogramm. Doch wo kommen diese riesigen Mengen her?

Die moderne Milchkuh ist das Ergebnis einer einseitig auf Produktionsleistung gerichteten Züchtung: Mit etwas über 7 Tonnen gibt sie pro Jahr fast ein Drittel mehr Milch als eine Kuh aus den 1990er Jahren. So kommt es, dass die Gesamtmenge der heute produzierten Milch immer noch steigt, obwohl die Anzahl der Milchkühe seit Jahren sinkt. Auch die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe mit Milchkuhhaltung wird immer kleiner, seit 1999 sind bundesweit ca. 60.000 wirtschaftliche Milchbetriebe verschwunden. Die Erklärung liegt nahe: Aus Bauernhöfen sind längst Agrarfabriken geworden, immer seltener von Bauern geführt, sondern von Managern, den Agrarökonomen. Der enorme Preisdruck führt auch im Milchgeschäft dazu, dass immer größere Mengen zu immer niedrigeren Preisen produziert werden müssen. Große Milchbetriebe werden immer größer, kleinere Betriebe können dem Druck nicht standhalten und müssen schließen. Lediglich die Zahl der Höfe mit über 50 bis 500 und noch mehr Milchkühen wächst weiter an.

Beworben werden die Produkte aus solchen Großbetrieben nicht mit Bildern aus Massentierhaltungsställen, sondern aus der freien Natur, Ursprünglichkeit und der Lust am ländlichen Leben. Doch dieser Eindruck täuscht. Wie so oft in der industriellen Massentierhaltung versuchen auch die Betreiber von Milchfabriken gerne, das wirkliche Leben in den Ställen vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Ein Blick in die Statistik verrät jedoch, dass – anders als die glücklichen Kühe in der TV-Werbung – weniger als die Hälfte aller Milchkühe überhaupt einen Zugang zur Weide haben.

Die Kuh steht unter Leistungsdruck

10.000 Liter Milch gibt sie pro Jahr. Die dauerhafte Anbindehaltung von Rindern und Milchkühen ist zwar auf dem besten Wege, verboten zu werden – voraussichtlich wird sie jedoch noch bis mindestens 2020 mit Einschränkungen erlaubt sein. Viele Landwirte, gerade mit kleineren Betrieben, möchten an der Anbindehaltung festhalten, obwohl hier eine Kuh verhältnismäßig meist nicht mehr Platz hat als ein Huhn in der Legebatterie. In der Regel ist nur ein kleiner Schritt vor und zurück möglich, an ein Umdrehen ist nicht zu denken. Zwar können gerade die Tiere kleinerer Betriebe in den Bergregionen mit etwas Glück wenigstens im Sommer auf die Weide, doch selbst die vorübergehende Unterbringung im Anbindestall kann ihren Bedürfnissen nicht gerecht werden.

Die gesundheitlichen und auch physischen Schäden einer dauerhaften Anbindehaltung für Milchkühe sind mittlerweile bekannt: Durch mangelhafte Bewegung leiden Gelenke und Knochen, durch das Fehlen der Möglichkeit zur Bildung eines sozialen Gefüges mit ihren Herdengenossen sind viele Tiere verhaltensgestört und zeigen Anomalien. Hinzu kommt der enorme Leistungsdruck, unter dem moderne Milchkühe stehen. Für jeden Liter Milch muss eine Kuh bis zu 500 Liter Blut durch ihr Euter pumpen, bei einer Milchleistung von bis zu 10.000 Liter Milch/Jahr (Angaben von Tierschützern liegen noch darüber) eine enorme Leistung. Fehlen der Kuh aber die nötige Energiezufuhr und das artgemäße Leben im Freien, entzieht sie die nötige Energie dem eigenen Körper. Kühe, die in artgerechter Haltung aufwachsen, können ein Alter von 20 Jahren oder noch darüber problemlos erreichen, Milchkühe in Anbindehaltung werden oft nicht älter als drei Jahre. Der Körper ist dann ausgelaugt, die Knochen porös und die Gelenke entzündet.

Selbst Amtstierärzte kritisieren, dass jedes Jahr bis zu 40 % der Milchkühe „aussortiert“ werden müssen, weil die Ausgaben für das Futter die sinkende Milchleistung übersteigen, das Tier unwirtschaftlich wird. Besonders in alten Ställen, die aus finanziellen Gründen nicht umgerüstet werden konnten, werden die Tiere auch noch an ihrem Standplatz gemolken und können nicht einmal die wenigen Meter zum Melkstand zurücklegen: Sie leiden besonders unter den Folgen der Anbindehaltung, sie sterben zuerst und müssen am schnellsten „ersetzt“ werden. Zwar erkennen neben vielen Tierärzten auch Landwirte den Handlungsbedarf, angesichts der immer niedrigeren Milchpreise jedoch sind nur wenige bereit oder überhaupt in der Lage, in neuere Anlagen zu investieren. Wieder einmal ist also der Verbraucher gefragt, der über seinen Einkaufskorb auch die Nachfrage nach hochwertigen Produkten steigern und so die Haltungsbedingungen für Milchkühe verbessern helfen kann: In der ökologischen Landwirtschaft ist die Anbindehaltung nur in Ausnahmefällen und grundsätzlich ab 2013 nicht mehr erlaubt. Einige strengere Siegel wie etwa Bioland verbieten die Anbindehaltung bereits jetzt vollständig. Wer es dagegen schafft, sich gänzlich milchfrei zu ernähren, findet mittlerweile eine breite Palette von Sojaprodukten, die vollkommen ohne Milchkühe auskommen.

Die Milch macht’s? Was eigentlich?

Nach aktuellen Forschungsergebnissen macht Milch nicht in erster Linie müde Männer munter, sondern kann im Gegenteil sogar gefährlich sein: Hervorgerufen durch das artfremde Eiweiß kann es bei hohem Milchkonsum zu allergischen Reaktionen wie Neurodermitis, Infekten, Durchfall oder Asthma kommen. Schätzungen zufolge gibt es in Deutschland etwa 12-15 Millionen Menschen, die unter Laktose-Intoleranz „leiden“, d. h., deren Körper den Milchzucker (Laktose) nicht verarbeiten kann. Auch kann Milchkonsum Ablagerungen von Eiweiß, Kalzium und Cholesterin verursachen und so das Risiko von Herz- Kreislauf-Erkrankungen ansteigen lassen; durch den hohen Anteil an Milchzucker, in der Natur ein natürliches Mastmittel für die Kälber, kann außerdem Übergewicht insbesondere bei Kindern gefördert werden. Nicht zuletzt bringen Milch und Milchprodukte den körpereigenen Kalziumhaushalt durcheinander und können so die Ausbildung von Osteoporose (Knochenschwund) und Karies begünstigen. Auch die Biohaltung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Milch die ursprünglichste Säuglingsnahrung ist – auch für Kälber. Damit Kühe Milch geben, müssen sie entweder gerade gekalbt haben oder bereits wieder trächtig sein. Eine Kuh bringt mit etwa zwei Jahren ihr erstes Kalb zur Welt, ab dem Zeitpunkt wird sie auch zur Milchkuh und ihre „Arbeit“ beginnt, sie gibt jetzt etwa 300–310 Tage Milch, um ihr Kalb zu ernähren (sogenannter „Laktationszeitraum“), das Kälbchen wird allerdings nach der Geburt schnell von der Mutter getrennt. Etwa sechs Wochen nach der Geburt wird die Kuh erneut besamt, um die sogenannte „Trockenphase“ so kurz wie möglich zu halten. Während die Kuh also noch Milch für das erste Kalb gibt, ist sie häufig schon wieder trächtig und die „Milchproduktion“ wird so in Gang gehalten.

Schweizer Braunvieh
Foto: © Ursula Bauer

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