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Politiker lassen Tiere im StichBetäubungslose Ferkelkastration weiterhin möglich

Mittels eines Skalpells werden die Hoden entfernt. Diese Prozedur ist für die Tiere äußerst schmerzhaft. © Jan Peifer
Masse statt Klasse. Nach der Kastration geht’s in die Massentierhaltung. © Jan Peifer
Die betäubungslose Kastration von Ferkeln ist leider immer noch in Deutschland erlaubt. © Jan Peifer
© Jan Peifer
© Jan Peifer
 
 

Rund 20 Millionen männliche Ferkel werden jedes Jahr in Deutschland kastriert, meist ohne Betäubung. Diese brutale Praxis ist seit der Reform des Tierschutzgesetzes 2013 eigentlich verboten, doch galt bis Ende 2018 eine fünfjährige Übergangsfrist zur Entwicklung von Alternativen. Diese Frist ist nun, allen Anstrengungen von Tierschützern zum Trotz, um zwei weitere Jahre verlängert worden.

Ein Bericht von Jan Peifer

Bis zum 7. Lebenstag ist die betäubungslose Kastration von Mastferkeln auch weiterhin erlaubt. Um das mögliche Entstehen von Ebergeruch beim Braten des Fleisches zu verhindern, wird mit einem Skalpell der Hodensack der Tiere geöffnet, anschließend werden die Samenstränge durchtrennt oder die Hoden einfach ausgerissen. Der Schmerz muss unglaublich sein, auch wenn Lobbyvertreter gerne das Gegenteil behaupten. Aus diesem Grund sollte das grausame Vorgehen endgültig verboten werden. Doch die ursprünglich vorgesehene Zeit zur Entwicklung von Alternativen wurde nicht genutzt. Dabei gibt es diese bereits: Mit einer Impfung kann die Bildung von Geschlechtshormonen unterdrückt werden (sogenannte Immunokastration). Auch eine Narkose wäre möglich.

Vor allem aus Kostengründen und wegen angeblich mangelnder Akzeptanz bei Markt und Kunden konnte diese sich bisher nicht durchsetzen, argumentieren Lobbyvertreter. Tatsächlich ist wohl schlicht der Aufwand vielen Schweinezüchtern zu hoch. Denn medizinische Eingriffe wie das Narkotisieren von Tieren dürfen in Deutschland nur von Tierärzten durchgeführt werden. Zwar gilt das eigentlich auch und sogar besonders für chirurgische Eingriffe wie das Abtrennen der Hoden, allerdings gab und gibt es hier eine Sonderregelung. In einigen Ländern ist das anders. Deutsche Schweinezüchter fürchten um ihre Konkurrenzfähigkeit bei der Einführung einer Betäubungsvorschrift. Über eine Öffnung bestimmter Verfahren zur Betäubung auch für Landwirte wird daher nachgedacht.

Deutsche Politiker

wollten eigentlich handeln, damit diese Tierquälerei ein Ende findet. Aber es gibt immer wieder verlängerte Übergangsfristen.

Die Mehrkosten für den Verbraucher, die bei einer Betäubung durch den Tierarzt anfallen würden, dürften sich am Kilopreis für Schweinefleisch gemessen im Centbereich bewegen. Doch verdient ein Züchter an einem Schwein so wenig, dass nur noch über die Masse gerechnet werden kann: Bei rund acht Euro Gewinn pro Tier sind die Kosten für eine Narkose von drei bis fünf Euro für viele Züchter zu viel. Die allermeisten Kunden hingegen sind Umfragen zufolge bereit, sich an den Mehrkosten für die Betäubung vor einer Kastration über einen geringfügig höheren Verkaufspreis zu beteiligen. Doch die Agrarlobby und auch der Handel suggerieren offenbar gerne, dass Fleisch zu den billigsten Nahrungsmitteln gehören muss. Auch hier ist die Konkurrenzfähigkeit mit ausländischen Produkten ein stets bemühtes Argument von Befürwortern der betäubungslosen Kastration.

Der pro-Kopf-Verbrauch an Schweinefleisch liegt bei ca. 50 Kilo pro Jahr.

Deutlich wird an der Diskussion aber vor allem eines: die immense Macht und Einfluss der Agrarlobby in Form des Bauernverbands. Zwar setzt dieser sich offiziell für einen Ausstieg aus der Kastration ohne Betäubung ein, erkennt aber bereits verfügbare Methoden nicht als Alternativlösungen an, weil diese nicht marktgerecht und flächendeckend nicht umsetzbar seien.

Obwohl der Ausstieg aus der barbarischen Praxis längst beschlossen war, hat die Agrarindustrie es geschafft, das festgesetzte Datum noch einmal herauszuzögern. Man müsse die nächsten zwei Jahre nun nutzen, um Lösungen zu finden, heißt es aus dem Präsidium des Bauernverbands. Warum das in den vergangenen Jahren nicht geschehen ist, wird lieber nicht erwähnt. Und ob die neue Frist nun tatsächlich eingehalten wird, bleibt überhaupt erst abzuwarten. Letztlich wird jedoch der Verbraucher zeigen müssen, ob ihm das Tierwohl wichtiger ist oder doch der billigste Preis. Denn mit unserer Nachfrage bestimmen wir Konsumenten das Angebot am Markt. Derzeit liegt der pro- Kopf- Verbrauch von Schweinefleisch in Deutschland bei etwa 50 Kilogramm im Jahr. Dieser Verbrauch ist die einfachste Stellschraube, auf die wir Einfluss nehmen und so signalisieren können, dass wir mit unserem Einkauf Tierquälerei nicht unterstützen wollen.

Die tierfreundlichste und günstigste Lösung

wäre zugleich die einfachste: auf eine Kastration vollständig zu verzichten. Bei der sogenannten Ebermast werden die unkastrierten männlichen Ferkel kurz vor Erreichen der Pubertät mit etwa drei Monaten geschlachtet. Diese wird beispielsweise in Großbritannien, Spanien und Portugal praktiziert. In Deutschland scheitert diese Alternative hauptsächlich an der Weigerung der Schlachtunternehmer, unkastrierte Schweine anzunehmen.