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Schlachthof-DemosThe Save Movement

Für viele Teilnehmer ist die Demo sehr emotional. – Foto: Jan Peifer

Seit etwa 2017 breitet sich in Deutschland eine Tierrechtsbewegung aus, deren Mitglieder ausschließlich mit friedlichen, aber öffentlichkeitswirksamen Aktionen für Aufsehen sorgen. Sie halten Mahnwachen vor Schlachthöfen oder Viehmärkten ab und bringen Tiertransporter kurz vor dem letzten Ziel noch einmal zum Anhalten. Ihr Anliegen: Die dem Tod geweihten Tiere sollen wenigstens einmal in ihrem Leben einen Moment von Liebe und Zuneigung erfahren. So versorgen die Aktivisten Tiere mit Wasser, sprechen mit ihnen und streicheln sie.

Ein Bericht von Jan Peifer

Viele Fahrer von Tiertransportern lassen es geschehen, denn Gefährder für Schlachthofmitarbeiter, Fahrer und andere wollen die Tierschützer ganz bewusst nicht sein. Sie berufen sich auf die Friedensideologie von Mahatma Gandhi, aber auch auf die Gesellschaftskritik von Leo Tolstoi. Denn sein Appell lautete, niemand solle die Augen vor Leid verschließen, sondern jeder solle versuchen es zu beenden – auch wenn es ein fremdes Leid sei. Damit sind die Aktivisten nicht allein, viele Vereine möchten auf Tierleid aufmerksam machen, indem sie es veröffentlichen und den Konsumenten vor Augen halten. Doch die Bewegung versteht sich nicht als feste Organisation, jede/r kann sich ihr anschließen und entweder mit einer bestehenden Gruppe auf die Straße gehen oder selbst eine gründen.

Die erste „animal save-Gruppe“ entstand 2010 in Toronto. Seitdem wächst die Bewegung rasant.

Weltweit gibt es bereits rund 1000 Gruppen, in Deutschland sind es etwa 30. Neben den Mahnwachen setzen sie dabei vor allem auf Öffentlichkeit. Zusätzlich zur Presseberichterstattung verbreiten sie Bilder, Termine und Aktionen über soziale Netzwerke wie Facebook und Instagram. Die Aktivisten möchten den Menschen die Augen öffnen und ihnen wieder nahebringen: Das Stück Fleisch im Supermarkt ist nicht irgendein Produkt oder Konsumgut, sondern war einmal ein Tier. Mit ihren Aktionen möchten sie den oft unnahbaren Zahlen der Fleischindustrie Gesichter geben.

Mehr als 770 Millionen Tiere wurden nach offiziellen Angaben 2018 in Deutschland geschlachtet, mit über 90% machten Geflügel wie Hühner, Enten, Gänse und Puten den größten Anteil aus. Um diese Massen von Tieren zu töten und zu zerlegen wurden Mega-Schlachtanlagen wie der Geflügelschlachthof Wietze im Landkreis Celle gebaut. Diese Anlage wurde 2010 errichtet und hatte eine Schlachtkapazität von mehr als 400.000 Hühnern am Tag.

Anders ausgedrückt: 27.000 Hühner konnten hier pro Stunde getötet werden.

Damit war es der größte Geflügelschlachthof Europas. Aber auch größere Tiere, die vielleicht leichter wahrgenommen werden, werden jedes Jahr in unfassbaren Massen produziert und getötet. Im Jahr 2018 wurden etwa 80% aller in Deutschland geschlachteten Schweine von den 10 größten Schlachtunternehmen getötet. Alleine der Marktführer Tönnies schlachtete mehr als 16 Millionen Schweine. Ob Schweine, Hühner, oder auch Rinder und Pferde; die allermeisten von ihnen haben in der modernen Agrarindustrie ein schreckliches Leben. Denn etwa 98% aller Fleisch- und Wurstwaren stammen aus der Massentierhaltung, werden also vor allem unter Profitdruck und für den Massenmarkt produziert. Für das Individuum ist hier kein Platz, die Tiere werden an den Haltungsbedingungen ausgerichtet anstatt anders herum. So leiden sie unter Stress und Enge, vielfach unter dadurch hervorgerufenen Verletzungen.

Dies ist dabei nicht bloß ein Indikator für die schrecklichen Lebensumstände der Tiere; vorsorglich eingesetzte Antibiotika oft über ein ganzes Tierleben hinweg können auch für Menschen erhebliche Gesundheitsrisiken bedeuten: Studien zeigen, dass rund acht Millionen Deutsche bereits Keime in sich tragen, die gegen einzelne oder mehrere Antibiotika resistent sind. Dies kann möglicherweise lebensgefährliche Folgen haben.

Antibiotika dürfen als Wachstumsbeschleuniger nicht mehr eingesetzt werden, dennoch werden in Deutschland pro Jahr mehr als 700 Tonnen Antibiotika in der Nutztierhaltung verabreicht.

Selbst auf ihrem letzten Weg zum Schlachthof sind viele Tiere im Tiertransporter schrecklichen Qualen ausgesetzt.

Bei jeder Witterung, oft ohne Verpflegung, sind sie bis zu 24 Stunden ohne Pause unterwegs, ganz legal. Gleichzeitig ist der letzte Weg der Tiere oft der einzige, an dem sie den Himmel sehen können und an dem auch sie gesehen werden. Zuerst von Aktivisten, aber auch diese werden gesehen und können mit ihren Mahnwachen und Aktionen zum Nachdenken und Mitmachen anregen. Ihr Einsatz ist daher ein großer und wichtiger Beitrag zur Aufklärung der Gesellschaft über unseren Umgang mit Tieren.