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Antibiotika machen vor dem Biosiegel nicht haltBio ist nicht das Gelbe vom Ei

Medikamente
In der Massentierhaltung Alltag: der Einsatzvon Medikamenten wie Antibiotika. Foto: © Jan Peifer

Ein Bericht von Jan Peifer, September 2016. Der weit verbreitete Einsatz von Medikamenten und insbesondere Antibiotika gehört zu den ganz großen Schattenseiten der industriellen Massentierhaltung. Denn zum einen werden so genau die Probleme und Krankheiten bekämpft, die durch die Bedingungen der Intensivtierhaltung überhaupt erst geschaffen werden. Hierzu zählen vor allem die mannigfaltigen Auswirkungen viel zu hoher Besatzdichten und der damit verbundenen mangelnden Hygiene. Zum anderen bedeuten Antibiotika in der Tiermast, aber auch für den Konsumenten, ein nicht zu unterschätzendes Risiko, denn Rückstände von Medikamenten lassen sich besonders im Fleisch der Tiere immer wieder feststellen; zudem droht auch eine Belastung des Grundwassers, wie eine Studie des Umweltbundesamts gezeigt hat.

Die Aufnahme dieser Medikamentenreste kann dazu führen, dass sich Resistenzen bilden, die im schlimmsten Fall lebensgefährlich sein können. So wird geschätzt, dass EU-weit jährlich rund 25.000 Menschen an Infektionen mit resistenten Bakterien sterben, weil sie nicht mehr behandelt werden können. Schon vor 15 Jahren warnte das Robert-Koch-Institut vor Antibiotikarückständen im Fleisch. Experten raten schon aus lebensmittelhygienischen und gesundheitlichen Gründen zum Verzicht von Fleisch aus Massentierhaltung. Mittlerweile werden in Deutschland in der Tiermast mehr als doppelt so viele Antibiotika eingesetzt wie in der Humanmedizin. Besonders stark betroffen sind Masthähnchen und Puten, die oft zu Zehntausenden in Ställen gehalten werden: Eine vor wenigen Jahren durch den nordrhein-westfälischen Umweltminister Johannes Remmel beauftragte Studie hatte gezeigt, dass über 95% der Hähnchen in NRW Antibiotika verabreicht werden, den meisten sogar mehrfach. Der Einsatz von Antibiotika als Mastbeschleuniger ist zwar in Deutschland verboten, doch lässt sich der Missbrauch mangels flächendeckender Kontrollen kaum eindämmen. Zu groß sind der Einfluss der Pharmaindustrie und die Abhängigkeit vieler Tierärzte. Denn auch für sie ist der Verkauf und Einsatz von Antibiotika ein lohnendes Geschäft. Umso bedeutender wiegt die Vorschrift einiger Ökoverbände, auf Antibiotika in der Aufzucht von Tieren zu verzichten. Das Antibiotikaverbot ist angesichts der Missstände in der konventionellen Tiermast ein starkes Verkaufsargument, so auch für Deutschlands größten Ökobauernverband Bioland. Doch genau dieser sorgte Anfang des Jahres für Wirbel: Denn obwohl der Verband in seinen strengen Richtlinien, die weit über die gesetzlichen Anforderungen an das Biosiegel hinausreichen, die Gabe von Antibiotika verboten hat, hatte er im Jahr 2014 in 35 Fällen Ausnahmegenehmigungen für ein nicht zugelassenes Medikament erteilt.

Zwar dürfen im Einzelfall kranke Tiere durchaus behandelt werden, allerdings darf ihr Fleisch dann nur noch das EU-Biosiegel tragen, nicht mehr aber das teurere Bioland-Label. Das EU-Biosiegel erlaubt bis zu dreimal im Jahr die Gabe von Antibiotika; Tieren, die nur ein Jahr alt werden, darf einmal Antibiotika verabreicht werden. Ein prophylaktischer Einsatz von Antibiotika ist bei allen Siegeln verboten. Bioland will nun die eigenen Vorschriften lockern und in Ausnahmefällen die Behandlung mit Antibiotika erlauben, wenn einem Tierarzt keine Alternativmethoden mehr möglich oder zugänglich sind und homöopathische sowie pflanzliche Heilverfahren nicht mehr ausreichen.

Alle Vorgänge sollen dabei transparent sein und von Landwirten und Tierärzten dokumentiert werden. Ähnlich reagierte auch Biokreis, der viertgrößte Ökobauernverband. Auch hier gibt es eine Negativliste mit verbotenen Medikamenten. Die Richtlinien für die Erteilung von Ausnahmegenehmigungen sollen überprüft werden. Verbraucherschützer und Landwirtschaftsorganisationen zeigten sich mit den angekündigten Schritten zufrieden. Doch angesichts der Diskussion um den Einsatz von Medikamenten in der Tiermast, die auch in Biobetrieben stattfindet, sollte sich der Verbraucher bewusst werden, dass nur der Verzicht auf Fleisch auch ein sicherer Verzicht auf Antibiotikarückstände ist. Darüber hinaus erkaufen sich viele Konsumenten mit dem Griff zu Biofleisch ein besseres Gewissen. Doch auch Tiere, deren Fleisch unter dem Biosiegel verkauft wird, leiden für den Verbraucher – sie landen lediglich etwas später auf der gleichen Schlachtbank wie ihre Artgenossen aus der konventionellen Aufzucht. Mittlerweile gibt es so viele schmackhafte und gesunde Alternativen, dass eine tierleidfreie Ernährung längst keinen Verlust mehr bedeutet, sondern im Gegenteil höchsten Genuss bieten kann.