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Der Wunsch nach Transparenz

Viele Verbraucher wünschen sich mehr Transparenz in Bezug auf die Herkunft und Herstellung von Produkten. Diverse Siegel und Tierschutz-Label versprechen Orientierung. Doch kann man sich darauf wirklich verlassen? Foto: Alexas_Fotos / CC0 1.0 Universell CC0 1.0

Von Holger Knieling, April 2017. Der Verbraucher wünscht Orientierung. Dies ist, vereinfacht ausgedrückt, das Ergebnis einer Studie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, die im Auftrag der Lebensmittelwirtschaft 2016 durchgeführt wurde. So würde es eine Mehrheit der Befragten begrüßen, wenn durch eine entsprechende Deklaration Herkunft und Produktionsbedingungen von Lebensmitteln und landwirtschaftlichen Produkten zu erkennen seien. Eigentlich nicht sonderlich überraschend. Wer würde es sich nicht wünschen, schnell und verlässlich eine Produktbewertung geliefert zu bekommen, die ohne jeden Zweifel den rechten Weg weist. Egal, ob Waschmittel oder Schweineschnitzel, mit dem entsprechenden Aufkleber versehen, wird der Verbraucher zielsicher durch die Unwägbarkeiten der Konsumgesellschaft geleitet oder kann guten Gewissens Fleischerzeugnisse konsumieren, bei denen das Tierwohl nicht außer Acht gelassen wurde. Klingt doch gut und vor allem so schön bequem, oder?

Ist es aber leider nicht. Erst kürzlich hat Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt medienwirksam auf der Internationalen Landwirtschaftsmesse „Grünen Woche“ in Berlin seine Planungen für ein entsprechendes „Tierwohl-Label“ vorgestellt. Noch nicht in allen Details, aber diese sollen im Laufe der nächsten Wochen folgen. Dieses Label soll dafür sorgen, dass der Verbraucher auf den ersten Blick erkennen kann, unter welchen Haltungsbedingungen die Erzeugnisse produziert wurden. Darauf basierend kann dann unter Berücksichtigung von besonders tiergerechten Bedingungen eine Kaufentscheidung getroffen werden, die sich bislang aus den handelsüblichen Verpackungen mit Bildern glücklicher Tiere auf der Weide nur bedingt ableiten lassen.

Allerdings darf man durchaus Zweifel daran haben, ob es der Bundesregierung in der Tat um tierschutzgerechte Haltungsbedingungen bzw. die daraus resultierende Orientierung für den Verbraucher geht, oder ob es nicht vielmehr ein Instrument darstellen soll, welches dem stetig schwindenden Vertrauen in die Produktionsbedingungen der Landwirtschaft entgegenwirkt. Schließlich ist immer mehr Menschen speziell in Deutschland aufgefallen, dass Wirklichkeit und Produktetikettierung, vorsichtig ausgedrückt, nicht unbedingt im Einklang stehen. Zudem ist erst kürzlich ein derartiger Versuch mit der Einführung eines zweistufigen „Tierschutzlabels“ letztlich gescheitert, da selbst den Initiatoren aufgefallen ist, dass die Kriterien vielleicht doch ein wenig zu „lasch“ sind, um von „mehr Tierschutz“ reden zu können. Dies haben im Übrigen die meisten Tierschutzorganisationen bereits bei dessen Einführung kritisiert.

Jedes „Tierschutz Label“ ist eine Form der Augenwischerei

Denn genau das ist auch der entscheidende Punkt. Jedes Label ist nur das wert, was in den Kriterien zur Erteilung dessen definiert wird. Wenn also definiert wird, dass die vorherrschenden Bedingungen in der Massentierhaltung dem „Tierwohl“ zuträglich sind, wird selbst den größten Tierquälern ein entsprechendes Label erteilt werden.

Und auch die großen Produzenten in der Massentierhaltung sind nicht dumm: Bereits bei der Einführung des Labels für „Mehr Tierschutz“ wurden einzelne Betriebe mit verbesserten Haltungsbedingungen ins Leben gerufen, die dann, entsprechend zertifiziert, den Eindruck erweckten, als sei plötzlich die gesamte Produktion tierschutzgerecht. Man muss kein großer Prophet sein um vorauszusagen, dass auch das neue „Tierwohl-Label“ der Bundesregierung keine radikale Festlegung auf tierschutzgerechte Rahmenbedingungen beinhalten wird, da unter derartigen Vorgaben eine billige Produktion von tierischen Produkten nicht möglich sein kann. Und keine Bundesregierung möchte riskieren, dass entweder die Produzenten empört aufschreien und den Verlust von Hundertausenden Arbeitsplätzen ausmalen oder die Bürger erzürnt über deutlich steigende Preise von Lebensmitteln auf die Barrikaden gehen. Insofern wird jedes denkbare Label eine Form der Augenwischerei sein, da letztlich eine Orientierung nur dann möglich ist, wenn man sich mit den damit verbundenen Vergabekriterien auseinandersetzt. Jedes Gütesiegel unterliegt dem Gutdünken der Initiatoren und stellt rechtlich gesehen lediglich eine zulässige Form der Meinungsäußerung dar. Insofern wird der Verbraucher auch weiterhin kein bequemes Instrument an die Hand bekommen, will er tierschutzgerechte Standards tatsächlich auch ernst nehmen. Denn die eigene Auseinandersetzung mit der Thematik und ein daraus resultierendes eigenverantwortliches Handeln des einzelnen Verbrauchers sind die entscheidenden Instrumente beim Kampf für mehr Tierwohl in der Landwirtschaft!

Genau das versucht aktion tier e.V. seit vielen Jahren zu fördern. Durch unsere bundesweiten Informationsstände geben wir den Menschen Informationen an die Hand, ohne mit erhobenem Zeigefinger Gebote auszusprechen. Gerade beim Thema Ernährung haben das immer mehr Bürger in unserem Lande getan, was letztlich auch in den Initiativen der Bundesregierung ihren Ausdruck findet. Denn diese reagiert immer nur auf Strömungen in der Gesellschaft und hat inzwischen auch erkannt, dass einer stetig waschsenden Anzahl von Menschen die Produktionsbedingungen den Appetit vergehen lassen. Dies ist das Ergebnis einer bewussten Auseinandersetzung des Einzelnen, welches weitreichende Konsequenzen bei der eigenen Ernährung und dem daraus resultierenden Verbraucherverhalten hervorgerufen hat.

Deshalb warten Sie nicht auf irgendwelche Aufkleber, die Ihnen suggerieren, dass vermeintlich dem Tierwohl Rechnung getragen wurde. Solange Sie nicht wissen, wer unter welchen Kriterien diesen vergeben hat, sind Sie keinen Schritt weiter. Deshalb werden wir auch weiterhin in unseren Kampagnen und Gesprächen unserer Mitarbeiter auf die vorhandenen Missstände hinweisen und Ihnen damit Grundlagen für eine eigene Entscheidung an die Hand geben. Auch wenn „Dschungelcamper“ wie Sarah- Joelle erst nach dem Durchwühlen von Schlachtabfällen erkennen, dass dies eine sehr „eklige“ Angelegenheit ist und ihren eigenen Fleischkonsum zumindest oberflächlich hinterfragt, sollten Sie sich diese Erfahrung nach Möglichkeit ersparen. Informationen zur Selbstreflexion der vorhandenen Produktionsbedingungen in der Massentierhaltung sind auch so verfügbar. Fragen Sie einfach unsere Mitarbeiter auf der Straße am Infostand!

Aufklärung ist der Grundstein unserer Arbeit

Ein Kommentar von Jasmin Pichler.

Es gibt große Meinungsverschiedenheiten unter Tierschützern, wenn es um das Thema Aufklärung zu den Belangen des Tierschutzes geht. Für uns ist dies jedoch der Grundstein unserer vielseitigen Vereinsarbeit. Schließlich ist das Aufklären der Bevölkerung zu tierschutzrelevanten Themen in unserer Vereinssatzung verankert, um Tierleid möglichst nicht erst entstehen zu lassen. Ein Kommentar von Jasmin Pichler Wir möchten etwas an der Denkweise der Menschen verändern. Viele erkennen jedoch die Wichtigkeit dieser „Straßenarbeit“ nicht. Die Schnelllebigkeit der heutigen Zeit macht es den Menschen immer schwerer, miteinander zu kommunizieren. Wir von aktion tier e.V. finden es jedoch unerlässlich, die Problematik des Tierschutzes der heutigen Zeit offenzulegen und den Menschen in einem persönlichen Gespräch „die Augen zu öffnen“. Besonders bei Kindern und Jugendlichen bestehen gute Chancen, ein Umdenken einzuleiten und das Interesse für das Thema Tierschutz zu wecken. Unser Verein besucht seit vielen Jahren Schulen und andere Bildungseinrichtungen und hat gemeinsam mit der Stiftung Menschen für Tiere das Projekt der „Tierschutzzimmer“ ins Leben gerufen. Oft werden auch Eltern animiert, ihre Lebensweise zu überdenken. Da wird dann auch mal die Mama gefragt: „Warum haben wir denn so viel Fleisch im Kühlschrank, Mama? oder „Aber Mama, das sind doch keine Bio-Eier, oder?“.

Dass wir uns bereits an die „Erwachsenen von Morgen“ wenden und Aufklärungsarbeit leisten, empfindet die Allgemeinheit in der Regel als wertvolles Grundkonzept. Der Gedanke an sich ist erstrebenswert, denn wir versuchen auf diese Weise unsere Zukunft besser zu gestalten. Manchmal ernten wir aber verständnislose Blicke, wenn wir unser Augenmerk auch auf die „Erwachsenen von Heute“ richten. Die überfüllten Tierheime, die Massentierhaltung, der Internethandel mit Tieren usw. – dass dies Realität des 21. Jahrhunderts ist und sich nicht erst in der Zukunft abspielt, ist uns allen wohl klar. Letztendlich tragen wir Menschen die Schuld daran, dass es dazu gekommen ist. Aber jeder einzelne von uns kann etwas ins Positive verändern. Genau das versuchen wir den Menschen draußen auf der Straße mit auf den Weg zu geben. Getreu dem Motto „Viele kleine Leute in vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, können das Gesicht der Welt verändern“, (Sprichwort der Xhosa in Tansania, Südafrika, Botswana und Lesotho), stehen wir schon seit vielen Jahren auf der Straße, um in den Köpfen der Menschen etwas zu verändern.

Aber wie kommen wir an die „gestresste Hausfrau“, an den „eiligen Geschäftsmann“ oder an „die Bäckersdame von nebenan“ heran? Mit viel Einfühlungsvermögen, Motivation, starken Nerven und einer großen Portion Geduld. Da sich die Kommunikation in der heutigen Zeit immer mehr aufs Smartphone beschränkt, wird die Arbeit am Informationsstand nicht einfacher. Die Hektik des Alltages macht es dem Einzelnen immer schwerer, sich gedanklich mit Themen wie dem Tierschutz auseinanderzusetzen. Umso mehr freuen wir uns auf Menschen, die mit ihrer kostbaren Zeit an einem unserer Infostände innehalten. Vielleicht findet in den fünf Minuten des Gespräches ein Umdenken im Kopf des Passanten statt – das ist unser Ziel.