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Die Bachstelze

© Ingeborg Polaschek
Foto: © Ingeborg Polaschek
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Ein Bericht von Ingeborg Polaschek, aktion tier-Beratungsstelle für Wild- und kleine Haustiere

Es ist Frühling. Viele Blumen sind aus ihrer Winterruhe erwacht und setzen bunte Farbtupfer in Feld und Flur. Die Natur zeigt ein neues Gesicht. Das satte Gelb der Sumpfdotterblumen leuchtet weithin, unterbrochen von weißen Haarschöpfen des Wollgrases.

Schon frühmorgens singt der Amselhahn sein Frühlingslied, um ein Weibchen anzulocken und sein Revier anzuzeigen, und das "Pink-pink" der Meisen begleitet sein melodisches Flöten. Auch Bachstelzen sind nun auf Partner- und Wohnungssuche. Wie ihr Name schon sagt, nisten sie gerne in Gewässernähe. Von Seen, Teichen und Bächen fühlen sie sich angezogen, und an Überschwemmungsflächen sowie kleinen Feuchtgebieten sind diese lebhaften Vögel zu beobachten. Bachstelzen  sind jedoch nicht unmittelbar an Gewässer gebunden. Sie haben als Kulturfolger neue Lebensräume für sich erschlossen. So sind sie auf großen Rasenflächen in den Städten, wie auch auf Sport- und Campingplätzen, in Parks und in Kiesgruben zu finden. Gerne nisten sie in Gehöften, denn dort gibt es besonders auf Misthaufen ausreichend Insektennahrung für ihre Brut. In Schuppen, Scheunen, unter Dachfirsten, in Holzstößen und Mauerlöchern sowie in Höhlungen der Kopfweiden bauen sie ihre Nester. Bekannt sind auch Berichte von Tierfreunden, die mitunter ihre Baumaschinen, Traktoren und Kraftfahrzeuge während der Brutzeit der Bachstelzen nicht benutzten, um dort die Eier und Jungen dieser Vögel nicht zu vernichten.

Wassergärtner können sich glücklich schätzen, wenn auf ihrem Gelände ein Bachstelzenpärchen heimisch geworden ist. Es ist schön, diese grazilen Vögel zu beobachten. Charakteristisch ist ihr langer, schwarzer Schwanz mit den weißen Außensäumen. Auf Stelzenart ist er ständig in Wippbewegung und daher ein gutes Bestimmungsmerkmal.

In früheren Zeiten brachte ihnen dieser Wippschwanz die Bezeichnung "Ackermännchen" ein. Dies resultierte daraus, dass Bachstelzen gerne hinter pflügenden Bauern herliefen, um Bodeninsekten zu fangen. Sie saßen auf den frischen Ackerschollen, und das Schwanzwippen erweckte den Eindruck, die Vögel würden den Bauern helfen, große Ackerschollen klein zu schlagen.

Gemessen von der Schnabelspitze bis zum Schwanzende erreichen Bachstelzen eine Länge von 18 cm. Ihr Gewicht liegt bei 23 g. Auffallend ist das schwarz-weiße Federkleid dieser hübschen Vögel. Die Stirn vom Schnabelansatz bis zum hinteren Augenwinkel ist leuchtend weiß und unterscheidet sich deutlich von der schwarzen Kopfplatte. Bis zum Vorderrücken zieht sich das glänzende Schwarz und mündet in graue Rücken- und Schulterfedern. Dunkelgrau bis grauschwarz ist der Bürzel. Kopf- und Halsseiten sind weiß, wogegen sich Kinn, Kehle und Vorderbrust in glänzendem Schwarz zeigen. Die übrige Unterseite und auch die Unterschwanzdecken sind weiß befiedert. Tiefschwarz und teilweise weiß besäumt sind die Flügel dieser schönen Vögel.

Männchen und Weibchen sind ähnlich, so dass es für einen Laien schwierig ist, sie auseinander zu halten. Bei jungen Bachstelzen sind die Farben und Konturen noch nicht stark ausgeprägt, man kann sie jedoch gut durch ihr Verhalten den Bachstelzen zuordnen. Zum Beispiel das Laufen in fast waagrechter Körperhaltung mit dem bereits erwähnten wippenden Schwanz und ihr auf- ab-bogiger, wellenförmige Flug. Auffallend ist auch das immer wieder kurze Hochschnellen, um auffliegende Insekten zu erhaschen. Dabei rufen sie scharf "tsissik-tsissik". Es ist lustig anzuschauen, wenn Bachstelzen mit weit ausholenden Schritten ihrer Beute nachjagen.

Ein Bachstelzenjahr

Europäische Bachstelzen sind Teilzieher. Zum Teil überwintern sie in Mittel- und Westeuropa, zum Teil im Mittelmeerraum, und viele zieht es bis nach Zentralafrika. Im März/April finden sie sich wieder in ihrem Brutgebiet ein, wobei die Männchen den größten Anteil der "Zuerst-Heimkehrer" bilden. Wenn auch die Weibchen eingetroffen sind, wird emsig nach einem günstigen Nistplatz in dem vorher vom Männchen ausgewählten Territorium gesucht. Mit Halbhöhlenkästen kann man die Ansiedlungen von Bachstelzen fördern. Die emsigen Vögel werden Gefaser, Blättchen und Moos herbeitragen und zusammenfügen. Als künftige Vogeleltern geben sie sich viel Mühe, um die Innenseite des Nestes dicht mit Federn, Haaren und anderen feinen Materialien auszukleiden. Bald liegen 4-6 winzig befleckte weißgraue, graue oder braungraue Eier in der Mulde. Nach einer Brutzeit von 11-16 Tagen schlüpfen die Jungen, die vornehmlich vom Weibchen ausgebrütet wurden, während das Männchen mit seinem Ruf "dschiwid-dschiwid" jeden Konkurrenten wissen ließ: "Revier besetzt". Das Kuckucksweibchen allerdings lässt sich davon weniger beeindrucken, denn hin und wieder sucht es auch Bachstelzennester auf, um dort eines seiner Eier abzulegen. Dann ist natürlich die Bachstelzenbrut verloren, denn der geschlüpfte Kuckuck duldet keine fremden Jungen im Nest und wirft sie kurzerhand hinaus.

Diesem Schicksal entkommen, wachsen die Bachstelzenjungen schnell heran, gut gefüttert von beiden Eltern, die eifrig Köcher- und Eintagsfliegen, kleine Libellen, Ameisen, Wanzen und Spinnen herbeitragen. Flohkrebse und kleine Fischchen gehören ebenfalls zu ihrer Nahrung. Nach etwa 13-14 Tagen verlassen die nun flügge gewordenen Jungen das Nest. Sie werden von den Eltern noch einige Tage gefüttert und geführt. Wenn sie selbstständig sind, beginnen die Eltern in der Regel mit einer zweiten Brut. Auch Drittbruten sind möglich. Da Bachstelzen so gut wie nicht lärmempfindlich sind und auch nicht besonders wählerisch  bei der Brutplatzsuche, haben sie es leichter, geeignete Brutplätze zu finden als andere Vogelarten. So dienten schon Blumentöpfe, Gewächshauseinrichtungen und alte Schuhe als Kinderstube. Von einigen Vogelarten wie Staren und Saatkrähen ist allgemein bekannt, dass sie Schlafgesellschaften bilden. Auch Bachstelzen neigen zu diesem Verhalten. Tagsüber gehen sie meist alleine auf Nahrungssuche, jedoch in der Nacht schlafen sie gerne gesellig, besonders Jungvögel und jene, die nicht mehr brüten.

Der Wegzug nach dem Süden beginnt Ende August, wobei Jungvögel den Anfang machen. In Scharen zusammengefunden ziehen sie in ihre Überwinterungsgebiete, gefolgt von den Altvögeln im September/Oktober. Hoffen wir, dass sie wieder gesund zurückkehren, unter unserem Hausdach brüten oder im Gebüsch am Gartenteich ihr Nest bauen und Insekten aus dem Wasser fischen.