Projekt Kitty

Projekt Kitty: Zwischen Hoffnung und Abschied

Im Tierschutz liegen Glück und Trauer oft nur wenige Tage auseinander. Während wir uns über jede gelungene Rettung freuen, gibt es auch Momente, in denen wir trotz aller Bemühungen Abschied nehmen müssen. Die Geschichten der Katzen Hope und Lilly zeigen genau diese beiden Seiten unserer Arbeit.

Foto: © aktion tier / Susan Smith

Alles begann mit einem Anruf. Besorgte Tierfreunde meldeten uns, dass in einem Maisfeld ein winziges Kätzchen laut schreiend umherlaufen würde. Mehrere Menschen hatten bereits versucht sie einzufangen. Doch sobald sich jemand näherte, verschwand sie blitzschnell zwischen den hohen Maispflanzen. Wir fuhren also zum gemeldeten Standort und machten uns ein Bild von der Situation. Das Kätzchen zeigte sich nach einigen Minuten und lief schreiend umher, von einem Muttertier und Geschwistern gab es keine Spur. Da sich das Feld in einem Gebiet befand, was wir schon gut kennen, fuhren wir die umliegenden Höfe ab und fragten, ob es dort Neuzugänge mit Kitten geben würde, alle Landwirte verneinten das. 

Also zurück zum Maisfeld. Aus Sorge, dass die Kleine kein Futter findet, hatten die Finder überall zwischen den Pflanzen Futter ausgelegt. Das war lieb gemeint, machte unsere Arbeit aber deutlich schwieriger. Denn ein sattes Kätzchen hat keinen Grund, in eine Lebendfalle zu gehen, und bei so einer Fangaktion ist die Zeit zwischen Falle stellen und Einfangen ein wichtiger Faktor. Schließlich ist ein Maisfeld ein gefährlicher Ort für so ein klitzekleines, mutterloses Katzenkind. Greifvögel, Füchse oder andere Beutegreifer hätten der Kleinen jederzeit zum Verhängnis werden können.

Wir stellten gut versteckt eine Lebendfalle auf und überwachten sie mit einer Kamera. Gleichzeitig baten wir alle darum, das Fangen uns zu überlassen und das Feld nicht weiter zu betreten. Das fällt vielen schwer, denn jeder möchte helfen, das ist ein ganz normaler Impuls eines tierlieben Menschen. Doch genau darin liegt oft das Problem. Immer wieder erleben wir, dass gut gemeinte Rettungsversuche eine Sicherung erheblich erschweren. Die Katzen werden verschreckt, wenn Menschen mit Transportboxen auftauchen und meinen, die Tiere einfach so sichern zu können. Oft wechseln die Tiere dann ihren Aufenthaltsort, und im schlimmsten Fall kostet diese Verzögerung den Tieren ihr Leben. 

Also warteten wir geduldig ab, was passiert. Tagsüber ließ sich die Kleine nicht mehr blicken, und wir hatten schon die schlimmsten Befürchtungen. Aber dann mitten in der Nacht sahen wir über die Kamera ein sehr hungriges kleines Kätzchen in unserer Falle. Sofort machten wir uns auf den Weg und holten die Kleine ab. Wir gaben ihr den Namen Hope, weil wir so gehofft hatten, dass ihr nichts zustößt, dass sie durchhält und dass wir sie rechtzeitig sichern können. Heute hat Hope, die sich als total liebes Katzenkind entpuppte, das Schlimmste hinter sich, sie ist in Sicherheit, wird liebevoll versorgt und entwickelt sich prächtig. Während Hope gerade erst ihr Leben beginnen darf, mussten wir uns fast zeitgleich von einer anderen tapferen Kämpferin verabschieden.

Lilly – manchmal reicht Hilfe nicht aus.

Geboren auf einem richtig elenden Hof, mit schlechter Versorgung, vielen Krankheiten und auch noch einer stark befahrenen Straße vor der Tür, konnten wir erst sehr spät die dort lebenden Katzen sichern und tierärztlich versorgen lassen. Die Einsicht der Hofbesitzer ging gegen Null, und es bedurfte sehr viel Druck seitens der Behörden, bis wir endlich tätig werden konnten. Als alle Katzen schließlich eingefangen werden konnten, sahen wir den sehr schlechtem Allgemeinzustand, sie waren auch sehr scheu und misstrauisch. Bei einer Katze, die wir Lilly tauften, wurde aus dem Routineeingriff der Kastration plötzlich ein Wettlauf gegen die Zeit. Sie vertrug die Narkose nicht und musste mehrere Tage intensiv medizinisch betreut werden. Wir hofften jeden Tag, dass sie es schafft, und nach mehreren Tagen hatte sich Lilly zurück ins Leben gekämpft. Zurück in der Pflegestelle traf sie auf ihre zwei Schwestern und erholte sich gut. Wir fanden einen netten Platz auf einem Pferdehof für die Drei, dort gab es gutes Futter und ein tolles Umfeld für freilebende Katzen.

Nach der Eingewöhnung durften die drei Katzen sich frei auf dem Hof bewegen. Leider verschwand Lilly nach einigen Tagen, obwohl sie eigentlich die zutraulichste Katze war. Wir machten uns große Sorgen, der Hof wurde abgesucht, aber leider blieb Lilly verschwunden. Wochenlang wussten wir nicht, was aus ihr geworden war. Umso größer war die Erleichterung als ein Tierheim im Nachbarkreis sie anhand ihrer Tätowierung und ihres Mikrochips identifizieren konnte. Wir holten sie ab und brachten sie in einer Pflegestelle unter. Zu unserer großen Freude konnte man Lilly jetzt gut anfassen und streicheln, sie genoss den Kontakt zu Menschen. Also war für uns klar, dass wir jetzt ein richtiges Zuhause für Lilly suchen – mit Sofa und Streicheleinheiten. Der Pflegestelle fiel auf, dass sie sehr schlecht fraß, also brachten wir sie zum Tierarzt. Die Untersuchungen waren ohne besonderen Befund, das Blutbild in Ordnung, lediglich eine Augenentzündung machte ihr zu schaffen. Nur wenige Tage später bekam sie jedoch plötzlich schwere Atemnot. Leider ergaben weitere Untersuchungen die Diagnose Pyothorax, eine schwere eitrige Entzündung im Brustkorb. Die Erkrankung war bereits so weit fortgeschritten, dass wir gemeinsam mit den Tierärzten die Entscheidung treffen mussten, Lilly gehen zu lassen. Solche Momente gehören leider ebenfalls zum Tierschutz und belasten uns oft schwer.

Wir erleben wunderschöne Rettungen wie die von Hope, und wir erleben traurige Abschiede wie den von Lilly. Beides gehört zu unserer Arbeit und beides begleitet uns. Die kleine Hope erinnert uns daran, warum unsere Arbeit so wichtig ist und wir nicht aufgeben dürfen. Die tapfere Lilly erinnert uns daran, dass wir trotz aller Erfahrung und aller medizinischen Möglichkeiten nicht jedes Leben retten können. Eines verbindet die beiden Katzen. Sie waren nicht mehr allein, sie wurden von uns gesehen, sie wurden versorgt und sie waren Menschen wichtig, die alles für sie getan haben.

Susan Smith

Projekt Kitty, Partnerbetreuung NW/RP/HE