Nutztier Honigbiene – Das Leiden hinter dem „flüssigen Gold“
Viele Menschen halten Honig für gesund und das Imkern für natürlich. Mit dieser Kampagne zeigen wir, wie es tatsächlich aussieht.
- Herkunft und Biologie
- Honigbienen sind keine Wildbienen
- Bienensterben
- So leben Honigbienen ohne menschlichen Einfluss
- Zur Imkerei
- Ertragsorientierte Imkerei
- Ist intensive Imkerei Massentierhaltung?
- Ökologische Imkerei
- Wesensgemäße Imkerei
- Bewertung der Honigbienen- Haltung aus Tierschutzsicht
- Bedeutung von Honigbienen als Bestäuber
- Imkern ist kein Naturschutz
- Ist Honig gesund?
- Unsere Empfehlungen
Herkunft und Biologie
Die Honigbiene (Apis mellifera) ist nicht nur eines unserer kleinsten, sondern auch eines unserer ältesten Nutztiere.
Die Gattung Apis umfasst weltweit etwa neun Arten. In Deutschland war ursprünglich die Unterart Apis mellifera mellifera (Dunkle Europäische Biene) heimisch. Sie gilt in freier Natur als ausgestorben, einige spezialisierte Liebhaber betreiben jedoch Erhaltungszuchten. Deutsche Imker halten vorrangig die aus Regionen südlich der Alpen stammende Carnica-Biene und die durch Züchtung entstandene Buckfast-Biene.
Honigbienen sind keine Wildbienen
In Deutschland ist die Honigbiene ein vom Menschen gehaltenes Nutztier, das große Völker bildet und Honig erzeugt. Wildbienen hingegen kommen frei in der Natur vor. Die meisten Arten leben einzeln (solitär) und legen keine Honigvorräte an.
Bienensterben
Das sogenannte Bienensterben beschreibt zwei unterschiedliche Phänomene: die Völkerverluste bei Honigbienen vor allem durch Krankheiten und das dramatische Artensterben bei Wildbienen durch Lebensraumverlust, Pestizideinsatz und Klimawandel. Im Gegensatz zu Wildbienen sind Honigbienen nicht in ihrem Bestand bedroht, da sie vom Menschen gezielt gehalten und nachgezüchtet werden können.
So leben Honigbienen ohne menschlichen Einfluss
In Europa gibt es in Ländern wie Irland, Spanien, Großbritannien und Skandinavien noch echte Wildpopulationen von Honigbienen, die dauerhaft in der Natur leben und wertvolle Einblicke in ihr natürliches Verhalten geben.
Lebensweise
Wildlebende Honigbienen nisten bevorzugt in Baumhöhlen ab etwa 5 m Höhe. Das geschützte, gut isolierte Höhleninnere sorgt für ein stabiles Mikroklima und weitgehend konstante Temperaturen, selbst im Winter. Das kleine Einflugloch der Nisthöhle ist meist nach Süden gerichtet. Die Bienen bauen die Waben für Brut und Vorräte selbst und leben in natürlicher Gemeinschaft mit zahlreichen Mikroorganismen, Bakterien und Pilzen.
Schwärmverhalten
Wenn im Frühjahr das Bienenvolk sehr schnell wächst, weil das Nahrungsangebot groß ist und die Königin täglich hunderte Eier legt, wird es in der Bienenbehausung zu eng und der Schwarmtrieb setzt ein. Ein Teil der Insekten verlässt mit der alten Königin den Stock, um anderswo eine neue Kolonie zu gründen. Die verbliebenen Bienen ziehen eine neue Königin heran. Schwärmen dient der Vermehrung, Ausbreitung und der Gesundheit des Volkes, da ein überfüllter Stock Krankheiten begünstigt.
Parasitenbekämpfung
Freilebende Honigbienen überleben nur, wenn sie wirksame Abwehrmechanismen gegen Parasiten wie die Varroa-Milbe entwickeln. Dieser durch das globale Verschicken von Bienenköniginnen und -völkern weltweit verbreitete invasive Parasit Varroa destructor ernährt sich vom Fettgewebe erwachsener Bienen und vermehrt sich in den Brutzellen der männlichen Bienen (Drohnen). Besonders gefährlich sind die von der Milbe übertragenen Viren wie das Flügeldeformationsvirus (DWV) und das Akute Bienen- Paralyse-Virus (ABPV).
Durch eigenes und gegenseitiges intensives Putzen (Grooming) sowie das regelmäßige Entfernen von befallenen Brutzellen können wilde Honigbienen die Parasiten deutlich reduzieren. Nützliche Mitbewohner wie der Bücherskorpion (Chelifer cancroides), ein natürlicher Feind der Varroamilbe, sowie die Brutpause während des Schwärmens tragen zusätzlich zur Milbenkontrolle bei.
Wildlebende Honigbienen produzieren außerdem reichlich Propolis. Die unregelmäßigen Baumhöhlen animieren zur Herstellung, da Bienen gerne die rauen Innenflächen mit einer glättenden Schicht dieses Kittharzes überziehen. Das aus Pflanzenharzen, Wachs, Pollen und Speichel bestehende Gemisch dichtet aber nicht nur ab, sondern wirkt außerdem desinfizierend und schützt den Stock somit effektiv vor Bakterien, Viren, Pilzen und Parasiten.
Dank ihrer selbstbestimmten, arttypischen Lebensweise und der natürlichen Selektion sind ursprüngliche, wildlebende Honigbienen eigenständig, widerstandsfähig und meist gesünder als ihre von Imkern gehaltenen Artgenossen.
Zur Imkerei
Bereits in der Steinzeit stahlen Menschen den Honig und die eiweißreichen Larven von wildlebenden Honigbienen. Ab etwa 6000 v. Chr. wurden Bienenvölker eingefangen und zunächst in Tongefäßen oder künstlich angelegten Baumhöhlen, später auch in Körben und Holzkästen vergleichsweise naturnah gehalten. Heute hat sich die Imkerei deutlich verändert und sich vor allem in ihrer stark auf Honigertrag ausgerichteten Form zunehmend von einer artgerechten und natürlichen Bienenhaltung entfernt.
In Deutschland ist die Honigproduktion kein bedeutender Wirtschaftszweig, da rund 99 % der etwa 144.000 Bienenhalter Hobby- oder Nebenerwerbsimker sind und nur etwa 1 % vom Honigverkauf lebt.
Grundsätzlich darf hierzulande jeder Bienen halten, lediglich in Niedersachsen ist ein Sachkundenachweis (Imkerschein) erforderlich. Verpflichtend ist die Anmeldung beim Veterinäramt sowie in den meisten Bundesländern auch bei der Tierseuchenkasse. Zwar unterliegen Honigbienen dem allgemeinen Tierschutzgesetz, doch fehlen konkrete Mindestanforderungen an ihre Haltung, wie sie für andere Nutztiere gelten. Bedauerlicherweise gilt die Tierschutznutztierhaltungsverordnung nur für Wirbeltiere und nicht für Insekten.
Wer glaubt, dass Honigbienen in der Imkerei lediglich eine sichere Behausung erhalten und ansonsten frei und natürlich leben, irrt sich. Wie in allen Formen der Tierhaltung gibt es auch hier intensive und extensive Methoden.
Ertragsorientierte Imkerei
Die intensivste Form der Bienenhaltung ist auf Wirtschaftlichkeit, große Völker und hohe Honigerträge ausgerichtet.
Unnatürliche Unterbringung
Sogenannte Magazinbeuten aus Holz, Kunststoff oder Styropor sind heute die üblichen künstlichen Standardbehausungen für Honigbienen. Sie bestehen aus stapelbaren Kästen (Zargen) und sind auf Sauberkeit und Effizienz ausgelegt. In die Zargen werden genormte Mittelwände mit Wachsplatten eingesetzt, damit sich die Bienen nicht mit dem Wabenbau aufhalten, sondern schnell möglichst viel Honig eintragen.
Durch das ständige Erweitern der Bienenkästen und das Einsetzen neuer Mittelwände wird das Volk zu immer weiterem Wachstum gedrängt, sodass die Arbeiterinnen instinktiv ihre Energie vor allem in die Brutpflege und das Füllen zusätzlicher Honigwaben stecken. Statt in natürlicher Balance befindet sich das Volk in erzwungener, permanenter Expansion. Imker nennen das „den Bienen Arbeit geben“. Sie sollen bauen und sammeln und nicht auf „dumme Gedanken“ wie Schwärmen kommen.
Außerdem bieten die glatten, strukturlosen Innenwände moderner Magazinbeuten den Bienen kaum Anreiz zur Bildung von Propolis, das als abdichtendes und desinfizierendes Kittharz für Hygiene und Mikroklima im Stock wichtig ist. Auch fehlt es an natürlichen Spalten und Verstecken, so dass nützliche Mitbewohner wie der Bücherskorpion dort kaum vorkommen.
Die auf maximale Effizienz ausgerichtete Haltung in Magazinbeuten greift tief in das natürliche Ökosystem des Bienenstocks ein, setzt die Tiere unter Stress, schränkt ihr arttypisches Verhalten ein, verkürzt ihre Lebensdauer und erhöht ihre Anfälligkeit für Krankheiten und Schädlinge.
Schwärmverhinderung
In der Leistungsimkerei wird das natürliche Schwärmen zur Bildung eines neuen Bienenvolkes meist verhindert, um keine Bienen zu verlieren und hohe Honigerträge durch große Völker zu sichern. Die teilweise drastischen und brutalen, ausschließlich auf den wirtschaftlichen Nutzen ausgerichteten Maßnahmen sind aus Tierschutzsicht abzulehnen.
Einsperren
Die Königin wird vorübergehend in einen kleinen Käfig gesperrt, um die Eiablage zu reduzieren und so den Schwarmtrieb des Volkes zu dämpfen.
Flügelkürzen
Der Königin wird einer ihrer Flügel gestutzt. Dadurch wird sie flugunfähig und fällt beim Versuch zu schwärmen schnell zu Boden. Oft sterben diese Tiere, da sie nicht mehr in den Stock zurückkriechen können. Das Schwärmen wird auf diese Weise nicht zuverlässig verhindert, aber meistens kehren die Arbeiterinnen zurück, weil die Königin ihnen nicht folgen kann. Das Flügelstutzen ist eine endgültige Amputation, die bei Wirbeltieren verboten ist und auch bei Honigbienen einen nicht zu rechtzufertigenden Eingriff darstellt.
„Brechen“ der Weiselzellen
Imker zerstören gezielt die sogenannten Weiselzellen, in denen neue Königinnen heranwachsen. Da ein Bienenvolk meist erst schwärmt, wenn solche Nachfolgerinnen vorhanden sind, wird das Schwärmen so verzögert oder verhindert.
Künstliche Teilung
Vor allem in der Erwerbsimkerei werden Bienenvölker geteilt, um sie ohne Schwärmen zu vermehren. Dabei entnimmt man einem großen Volk Brut- und Futterwaben sowie zahlreiche Arbeitsbienen und setzt alle mit bereits begatteten Jungköniginnen in einen neuen Stock. Diese Praxis schwächt die ursprüngliche Gemeinschaft und trennt die Insekten abrupt von ihrem gewohnten Umfeld, was aus Tierschutzsicht problematisch ist.
Intensivzucht
Ähnlich wie bei anderen Nutztieren werden auch in der ertragsorientierten Imkerei Carnica- und Buckfast- Bienen seit Jahrzehnten gezielt gezüchtet. Im Vordergrund stehen höhere Honigerträge sowie Eigenschaften wie Sanftmut und Schwarmträgheit für ein leichteres Handling. Diese einseitige Ausrichtung hemmt die natürliche Entwicklung der Tiere und ihre Selbstständigkeit. Arttypische Verhaltensweisen wie Hygiene, Schwarmtrieb und Wabenbau können dadurch langfristig verkümmern.
Die wiederholte Nutzung weniger Zuchtlinien verringert auch die genetische Vielfalt, und durch die Paarung von Hochleistungs-Drohnen mit ursprünglichen Unterarten können deren Merkmale verändert oder verdrängt werden. Auch das „Abdrücken“, bei dem alte oder nicht gewünschte Königinnen getötet und durch gezielt gezüchtete Jungköniginnen ersetzt werden, verdeutlicht, wie stark Bienen in der intensiven Imkerei auf ihre Funktion als Produktionsmittel reduziert werden.
Künstliche Befruchtung
Um genetisch stabile Zuchtlinien zu erhalten, welche die gewünschten Eigenschaften sicher vererben, werden Bienenköniginnen gezielt mit dem Sperma ausgewählter Drohnen künstlich befruchtet (Insemination). Dabei wird die Biene kopfüber in einem engen Trichter fixiert und mit Kohlensäuregas ruhiggestellt. Mit kleinen Haken und Klemmen wird die sogenannte Stachelkammer geöffnet, der Stachel zur Seite geschoben und das Drohnensperma mittels Kanüle in den Geschlechtsapparat injiziert.
Sowohl diese „Operation“ als auch die Gewinnung des Spermas bei männlichen Bienen durch Drücken und Rollen des Hinterleibs, bei dem Tiere leicht durch Zerquetschen sterben, sind respektlos und übergriffig. Derartige Manipulationen verursachen erheblichen Stress und nehmen den Bienen einen Teil ihres zwischengeschlechtlichen Sozialkontaktes.
Arzneimittel statt natürlicher Abwehrkraft
Wie in der Nutztierhaltung üblich, treten auch bei Honigbienen Krankheiten und Parasiten wie die gefürchtete Varroamilbe auf. Moderne Hochleistungsbienen stehen ständig unter Druck, Honig zu produzieren, wodurch sie weniger Zeit für die zur Milbenbekämpfung notwendige Körperpflege und die Kontrolle der Brutwaben haben. Außerdem wächst das Volk durch die ständig hinzugefügten Wabenrähmchen ständig, was auch die Milbenvermehrung in den Brutzellen begünstigt.
Anstatt die natürlichen Abwehrmechanismen der Bienen zu stärken und das Schwärmen auch wegen der Unterbrechung der Milbenvermehrung zuzulassen, setzt die traditionelle Imkerei vor allem organische Säuren wie Oxal-, Ameisen- und Milchsäure sowie synthetische Insektizide ein. Die chemischen Wirkstoffe können das Immunsystem schwächen, das Verhalten beeinflussen und bei Überdosierung ganze Völker gefährden. Zudem besteht die Gefahr von Rückständen im Honig sowie der Entwicklung von Resistenzen bei den Milben. Außerdem töten Chemikalien zur Vernichtung der Varroa- Milbe gleichzeitig ihren natürlichen Fressfeind, den Bücherskorpion.
Fütterung mit Zucker
Da viele Imker den von den Bienen eingelagerten Honig im Sommer vollständig entnehmen, verfügen die Völker über keine eigenen Nahrungsreserven mehr und würden verhungern, sobald draußen alle Pflanzen verblüht sind. Deshalb erhalten sie im Herbst Zuckerwasser, Stärkesirup oder Futterteig, den sie notgedrungen als Winternahrung nutzen. Dieses unnatürliche Futter ist nährstoffarm, belastet den Stoffwechsel, schwächt das Immunsystem und kann dadurch die Vitalität und Überwinterungsfähigkeit der Bienen beeinträchtigen.
Ist intensive Imkerei Massentierhaltung?
Aus Tierschutzsicht zeigt die auf maximale Honigproduktion ausgerichtete Imkerei Parallelen zur intensiven Haltung anderer Nutztiere. In allen Fällen stehen Leistungszucht, hoher Ertrag und Wirtschaftlichkeit im Vordergrund, während das Tierwohl eine untergeordnete Rolle spielt. So wie bei Schweinen und Rindern natürliche Verhaltensweisen durch enge Haltungsbedingungen, Zuchtselektion, künstliche Befruchtung und Eingriffe wie das Enthornen eingeschränkt werden, wird auch das Verhalten von Honigbienen in der ertragsorientierten Imkerei deutlich beeinflusst. Zum Beispiel durch allgemein übliche Maßnahmen wie Schwarmkontrolle, Leistungszucht, intensive Honigentnahme, Zuckerfütterung und chemische Parasitenbehandlung.
Deutliche Unterschiede bestehen jedoch in Haltungsform und Domestikationsgrad. Honigbienen fliegen frei, sammeln eigenständig Nahrung, behalten ihre natürliche Sozialstruktur, sind nicht auf engstem Raum zusammengepfercht und ihre Volkgröße ist durch die Legeleistung der Königin begrenzt. Sie gelten als nur teilweise domestiziert und können verwildern, während andere Nutztiere vollständig domestiziert und ohne menschliche Hilfe kaum überlebensfähig sind, stark kontrolliert gehalten und am Ende ihrer „Nutzungsdauer“ getötet werden.
Ökologische Imkerei
Im Gegensatz zur ertragsorientierten Haltung ist in der Bio-Imkerei das Wohlergehen der Tiere wichtiger als eine maximale Honigernte. Ziel ist die Förderung der natürlichen Entwicklung der Bienenvölker sowie eine umweltschonende, naturnahe Produktion von Honig und Bienenprodukten wie Wachs, Pollen und Propolis.
Die nachhaltige Bio-Imkerei unterliegt den strengen Vorgaben der EU-Ökoverordnung. Unter anderem schreibt sie die Verwendung regional angepasster Bienen vor und schränkt damit die Hochleistungszucht ein. Die Bienenstöcke müssen außerdem aus Naturmaterialien wie Stroh oder Holz bestehen und dürfen nur an Standorten aufgestellt werden, die in einem Radius von drei Kilometern vorrangig natürliche oder ökologisch angebaute Blütenpflanzen aufweisen. Zu Verschmutzungsquellen wie Autobahnen, Industrieanlagen sowie intensiv gespritzten Agrarflächen muss ausreichend Abstand gehalten werden. Das Flügelstutzen und der Einsatz von Antibiotika sind strikt untersagt, und zur Schädlingsbekämpfung dürfen nur biologische Mittel eingesetzt werden. Bio-Bienen sollen mit ihrem eigenen Honig überwintern, eine Fütterung mit Zucker, Bio-Zuckersirup oder Bio-Futterteig darf nur in Notzeiten ausnahmsweise erfolgen.
Bis auf Demeter gestatten die deutschen Bio-Verbände zwar die künstliche Königinnenzucht sowie die gesteuerte Volksteilung, untersagen jedoch konsequent die instrumentelle Besamung. Demeter verfolgt hier den strengsten Ansatz und erlaubt die Vermehrung der Bienenvölker ausschließlich über den natürlichen Schwarmtrieb.
Verschiedene private Verbände wie Bioland, Naturland und insbesondere Demeter haben vor allem hinsichtlich Tierwohl, Betriebsweise und Umweltschutz strengere Richtlinien als die gesetzlichen Mindestanforderungen der EU-Ökoverordnung.
Wesensgemäße Imkerei
Die wesensgemäße Imkerei ist eine eigenständige Imkertradition, die über die Mindeststandards einer guten Tierhaltung hinausgeht und sich tiefer an die biologische und sogar spirituelle Natur des Bienenvolkes annähert. So wird das Bienenvolk als Gesamtorganismus („Bien“) verstanden. Diese besondere Form der Imkerei unterliegt keinen offiziellen Bio-Vorgaben und ist daher nicht automatisch „Bio“. Viele wesensgemäßen Imker arbeiten jedoch zusätzlich nach den geltenden Bio-Kriterien.
Ziel der wesensgemäßen Bienenhaltung ist es, mit möglichst wenigen Eingriffen das Tierwohl und die natürlichen Bedürfnisse der Bienen zu unterstützen, während die Honigproduktion nur zweitrangig ist. Verwendet werden naturnahe Behausungen wie ausgehöhlte Baumstämme, die sich an den ursprünglichen Lebensbedingungen wildlebender Bienen in Baumhöhlen orientieren. Beliebt sind auch einfache, aus einem Raum bestehende, längliche Holzkisten, die in Bäume gehängt werden.
Wesensgemäße Imker lassen ihren Bienen viel Eigenständigkeit und setzen zum Beispiel nur Holzrähmchen und keine genormten Wachswaben ein und überlassen es den Insekten, im sogenannten Naturbau ihre Waben mit den Zellen selbst zu bauen. Die Tiere entscheiden über Zellgröße und Funktionen. Drohnenzellen und solche für die Aufzucht von Arbeiterinnen entstehen nach Notwendigkeit, Arbeiterinnenzellen werden nach dem Schlupf je nach Bedarf erneut für Brut genutzt oder zur Einlagerung von Nektar verwendet. Dadurch entsteht eine dynamische, natürliche Neststruktur mit verschiedenen Wabenformen und unterschiedlichen Zelltypen.
Da das mechanische Herausschleudern des Honigs wie bei genormten Rähmchenwaben im unregelmäßigen, eher instabilen Naturbau nicht möglich ist, erfolgt die Honigernte durch Herausnahme von ganzen, honiggefüllten Waben oder Teilstücken. Entweder wird der Honig dann aus den Wachswaben gepresst oder mitsamt der Wabe verkauft. Es wird immer nur so viel Honig entnommen, dass den Bienen genug Wintervorrat bleibt. Eine Zufütterung mit Zucker wird als unnatürlich abgelehnt.
In der wesensgemäßen Imkerei wird der Schwarmtrieb als natürlicher Vorgang akzeptiert. Schwärme dürfen ziehen oder werden vorsichtig wieder eingefangen und in neue Behausungen gesetzt.
Die Varroa-Milbe wird möglichst zurückhaltend und meist mit minimalem Einsatz organischer Säuren bekämpft, um das Überleben der Völker zu sichern. Verluste werden akzeptiert, und Völker, die gut mit der Milbe zurechtkommen, werden weitergeführt. So kann sich über mehrere Generationen eine gewisse Varroa-Toleranz entwickeln, eine vollständige Widerstandsfähigkeit ist jedoch schwer zu erreichen.
Bewertung der Honigbienen- Haltung aus Tierschutzsicht
Im Grunde beeinflusst jede Haltungsform das ursprüngliche, natürliche Verhalten der Insekten. Besonders die konventionelle, auf hohe Honigerträge ausgerichtete Imkerei ist stark eingreifend. Doch selbst die nachhaltigste, bio-orientierte Haltung verändert Lebensraum, Ernährung und Fortpflanzung der Honigbienen. Aus Tierschutzsicht erscheint die wesensgemäße Imkerei, bei der Eingriffe auf ein Minimum beschränkt werden, am vertretbarsten.
Bedeutung von Honigbienen als Bestäuber
Bei der Pflanzenbestäubung sind Wildbienen meist effizienter als Honigbienen. Sie fliegen schneller, besuchen mehr Blüten und sind früher unterwegs und auch an kühlen Tagen aktiv. Im Gegensatz zu Honigbienen sind viele Wildbienen auf ganz bestimmte Pflanzen spezialisiert, deren Erhalt sie durch die Bestäubung sichern. Zudem haben vor allem Hummeln längere Rüssel als Honigbienen und bestäuben daher auch tiefkelchige Blüten.
Trotzdem sind Honigbienen in großflächigen Monokulturen wie Raps- oder Sonnenblumenfeldern sowie in intensiv bewirtschafteten Obst- und Mandelplantagen unverzichtbar, da sie gezielt eingesetzt werden können und die Bestäubung flächendeckend sicherstellen. Die lokalen Wildbienen-Bestände sind dafür zu klein, zu spezialisiert und auch zu wenig mobil.
Imkern ist kein Naturschutz
Honigbienen leisten zwar als Bestäuber einen wichtigen Beitrag zur Landwirtschaft, tragen jedoch nicht gezielt zum Schutz von Lebensräumen oder von Tier- und Pflanzenarten bei. Sie sind Nutztiere, deren Haltung vor allem aus wirtschaftlichen Gründen erfolgt. Daher ist Imkerei eine landwirtschaftliche Tätigkeit und keine Naturschutzmaßnahme.
In empfindlichen oder blütenarmen Lebensräumen wie Trockenrasen, Mooren und Naturschutzgebieten können zu viele aufgestellte Bienenkästen sogar die Artenvielfalt gefährden. Durch ihre große Sammelleistung sind Honigbienen insbesondere für seltene und spezialisierte Wildbienen starke Nahrungskonkurrenten und können diese verdrängen. Zudem können sie Viren auf Wildbienen übertragen. Auch die wachsende Zahl privat gehaltener Völker in Städten kann durch das begrenzte Nektarangebot zum Rückgang städtischer Wildbienen beitragen.
Ist Honig gesund?
Honig ist ein leckeres und natürliches Genussmittel. In Deutschland liegt der pro Kopf-Verbrauch bei durchschnittlich etwa 1kg/Jahr. Das „flüssige Gold“ liefert schnell verfügbare Energie, da es zu etwa 80 % aus Zucker in Form von Glukose und Fruktose besteht. Der Rest ist überwiegend Wasser. Wichtige Nährstoffe wie Enzyme, Mineralstoffe und sekundäre Pflanzenstoffe sind nur in Spuren enthalten. Daher gilt Honig ernährungsphysiologisch nicht als gesundes Lebensmittel und sollte, wie anderer Zucker, nur maßvoll konsumiert werden.
Unsere Empfehlungen
Auf Honig verzichten und stattdessen vegane und gesündere Süßungsmittel wie Dattelsüße, Stevia oder Erythrit verwenden.
Wenn Honig, dann mindestens in Bio-Qualität aus der Region. Bei Kauf direkt vom Imker immer nachfragen, ob Naturwaben-Bau gestattet wird und keine tierschutzwidrigen Eingriffe vorgenommen werden.
Am besten Honig aus wesensgemäßer Imkerei kaufen. Zum Beispiel von Demeter oder Mellifera e.V., der führenden Vereinigung der wesensgemäßen Bienenhaltung in Deutschland.













































