Strengere Regeln in Deutschland: Rattengift

Der graue Körper liegt reglos auf dem Asphalt, nur die kleinen nackten Füße zucken noch leicht. Der tagelange Todeskampf geht langsam zu Ende.

Foto: © Pixabay

Das Schicksal dieser Ratte auf der Straße vor der Berliner Geschäftsstelle von aktion tier ist kein Einzelfall. Regelmäßig schleppen sich sterbende Tiere auf unseren Innenhof. Eine junge Ratte haben wir kürzlich vor einem Schuhgeschäft in der Innenstadt gefunden und zu einem Tierarzt in der Nähe gebracht, der das Tier von seinem Leiden erlöst hat. In solchen Fällen informieren wir die Polizei und das Gesundheitsamt und weisen neben dem Tierschutzaspekt auch auf die mögliche Gefahr für andere Tiere hin. Häufig passiert jedoch nichts, weil unklar bleibt, wer das Gift ausgelegt hat.

Zahlen und Fakten

Allein in Berlin werden jährlich fast 9.000 amtliche Bekämpfungsmaßnahmen mit Giftauslegung durchgeführt. Hinzu kommt eine unbekannte Zahl privater Maßnahmen, die entweder durch beauftragte Schädlingsbekämpfer oder von Betroffenen selbst durchgeführt werden. Schätzungen zufolge werden in Deutschland jährlich mehrere Millionen bis mehrere 10 Millionen Nagetiere durch Rattengifte (Rodentizide) getötet. Verlässliche Zahlen existieren jedoch nicht, da getötete Tiere nicht systematisch erfasst werden.

Vergiftete Ratten sind u. a. apathisch, haben Koordinationsprobleme und blutenaus Nase und Maul. Foto: © aktion tier, Both

Wie wirkt Rattengift?

Ratten und Mäuse, die Rattengifte mit blutgerinnungshemmenden Wirkstoffen aufgenommen haben, sterben an inneren Blutungen. Die sogenannten Antikoagulanzien verhindern, dass der Körper ausreichend wichtige Blutgerinnungsfaktoren bilden kann. Die Substanzen wurden bewusst so entwickelt, dass ihre Wirkung verzögert einsetzt. Das sorgt dafür, dass die vergifteten Tiere sowie Artgenossen den Köder nicht unmittelbar mit den auftretenden Symptomen in Verbindung bringen und daher arglos bleiben.

Antikoagulanzien der 2. Generation

Rattengifte der ersten Generation, beispielsweise Warfarin, Chlorophacinon oder Coumatetralyl, müssen meist mehrfach aufgenommen werden, bevor sie tödlich wirken. Die Wirkstoffe der zweiten Generation (Bromadiolon, Brodifacoum, Difenacoum, Flocoumafen und Difethialon) sind deutlich stärker und wirken häufig bereits nach einer einmaligen ausreichenden Aufnahme tödlich.

Antikoagulanzien der 2. Generation gelten als sehr problematisch, da sie oft Wochen bis Monate im Körper vergifteter Tiere verbleiben und weiterhin biologisch aktiv sind. Werden die Kadaver von Greifvögeln, Krähen, Füchsen, Katzen oder Hunden gefressen, können auch diese Tiere den Wirkstoff aufnehmen und sich vergiften. Man spricht dann von einer Sekundärvergiftung. Beunruhigend ist außerdem, dass die Abgabemengen dieser Blutgerinnungs-Hemmer der zweiten Generation in den vergangenen Jahren zugenommen haben und im Jahr 2025 bei rund 3.150 Tonnen lagen.

Die Tatsache, dass Antikoagulanzien nicht nur die eigentlichen „Zielorganismen“, also Mäuse und Ratten bekämpfen, sondern auch andere Tiere gefährden und dadurch Nahrungsketten und Ökosysteme beeinträchtigen können, ist der Hauptgrund dafür, dass der Einsatz heute in Deutschland und in vielen anderen Ländern streng reguliert ist.

Wer verwendet Rattengifte?

Rattengifte werden von verschiedenen Anwendergruppen eingesetzt. Dazu gehören unter anderem Kommunen, Abwasserbetriebe, Landwirtschaft, Lebensmittelbetriebe, professionelle Schädlingsbekämpfer sowie in der Vergangenheit auch Privatpersonen im eigenen Umfeld, beispielsweise bei Problemen in Haus, Garten, Garage oder Nebengebäuden. Wie groß der Anteil der einzelnen Anwendergruppen ist, lässt sich jedoch nicht genau beziffern, da keine vollständige Erfassung der Anwendungen erfolgt.

Gerade der Einsatz im Siedlungsbereich durch viele verschiedene Anwender ist problematisch, da falsch ausgelegte Köder andere Tiere gefährden können. Deshalb wurde die Anwendung von Antikoagulanzien der zweiten Generation nun konsequent auf geschulte und sachkundige Anwender beschränkt.

Wer eine tote Ratte findet, kann sie mit Handschuhen in zwei Plastikbeuteln sicher einschließen und im Hausmüll entsorgen. Außerdem wird empfohlen, das Ordnungsamt zu informieren. Lebende Tiere, die sich auffällig verhalten und einen kranken Eindruck machen, verfrachtet man am besten mit Handschuhen in einen Karton und bringt sie zum nächsten Tierarzt, der sie schnell erlösen kann.

Foto: © Ursula Bauer

Regelungen für Rattengifte der 2. Generation in Deutschland

  • Antikoagulanzien der 2. Generation dürfen nur von geschulten berufsmäßigen Verwendern mit Sachkunde eingesetzt werden. Eine Anwendung durch Privatpersonen ist grundsätzlich nicht mehr vorgesehen.
  • Während die besonders giftigen Antikoagulanzien Brodifacoum, Difethialon und Flocoumafen schon immer überwiegend professionellen Schädlingsbekämpfern bzw. sachkundigen Anwendern vorbehalten blieben, waren die Wirkstoffe Bromadiolon und Difenacoum in hiesigen Baumärkten, Gartencentern und teilweise auch im Onlinehandel bisher für die Allgemeinheit ohne Einschränkung erhältlich. Dies ändert sich jetzt: Ab dem 22. Oktober 2026 dürfen Baumärkte, Gartencenter und andere Händler keinerlei antikoagulierenden Rattengifte mehr an Privatpersonen abgeben. Diese stehen in Zukunft grundsätzlich nur noch professionellen Anwendern zur Verfügung. 
  • Für bestimmte Berufsgruppen (z. B. Landwirte oder Kanalarbeiter), die Rodentizide bisher im eigenen Betrieb ohne Sachkunde einsetzen durften, gilt eine Übergangsfrist bis zum 28. Juli 2027, innerhalb derer die erforderliche Sachkunde nachgeholt werden muss. 
  • Vor jeder Bekämpfung muss ein Nagetierbefall festgestellt werden. Ein vorsorgliches Auslegen von Giftködern („Dauerbeköderung“) ohne nachgewiesenen Befall ist grundsätzlich nicht mehr zulässig; nur eng begrenzte Ausnahmen sind möglich. 
  • Zum Schutz der Umwelt gelten zusätzliche Auflagen. So müssen Köder in der Nähe von Gewässern, Entwässerungsanlagen oder in der Kanalisation in manipulationssicheren Köderstationen ausgelegt werden, damit sie nicht in Gewässer gelangen.

Warum kommt es zu „Rattenplagen“?

Von einer Rattenplage spricht man, wenn Ratten in einer Zahl auftreten, die zu Problemen für Menschen, Umwelt oder Infrastruktur führt. Die Ursachen sind meist eine Kombination aus mehreren Faktoren. 

Ein großes Nahrungsangebot, etwa durch offene Müllbehälter, weggeworfene Lebensmittel, Kompost, Tierfutter im Freien oder schlecht gelagerte Vorräte, bietet Ratten ganzjährig ausreichend Nahrung. Gleichzeitig schaffen viele Versteckmöglichkeiten wie Kanalisationen, Gebäudespalten, Baustellen, dicht bewachsene Flächen oder ungenutzte Räume sichere Rückzugsorte. Hinzu kommt die hohe Fortpflanzungsrate von Ratten. Unter günstigen Bedingungen können sie sich sehr schnell vermehren, da Weibchen mehrere Würfe pro Jahr mit mehreren Jungtieren haben können. Mildere Winter verbessern zusätzlich die Überlebenschancen und verlängern die Fortpflanzungszeit. Auch menschliche Strukturen begünstigen die Ausbreitung von Ratten. Städte bieten durch konstante Temperaturen, Wasserquellen, Nahrungsangebote und geschützte Nistplätze besonders günstige Lebensbedingungen.

Müll und weggeworfene Lebensmittel sind wichtige Ursachen für Probleme mit Ratten. Foto: © Ursula Bauer

Alternativen zu Rattengift

Zuerst sollten immer die Ursachen für den Anstieg der Rattenpopulation beseitigt werden. Wichtige Maßnahmen sind zum Beispiel: Müllbehälter geschlossen halten, Lebensmittelreste nicht über Toiletten entsorgen, Kompost abdecken und Tierfutter (vor allem Vogelfutter) nur unzugänglich für Ratten anbieten. Zusätzlich sollten Fugen, Löcher und andere Zugänge an Gebäuden abgedichtet werden. Auch bauliche Maßnahmen wie rattensichere Türen, Gitter und Rohrverschlüsse können helfen. Außerdem sollten mögliche Verstecke wie Gerümpel beseitigt und dichtes Buschwerk ausgelichtet werden. Besonders bei kleineren Rattenfamilien kann auch der Einsatz von Lebendfallen, die regelmäßig kontrolliert und fachgerecht angewendet werden, empfohlen werden.

Ursula Bauer

Diplom-Biologin bei aktion tier – menschen für tiere e.V.