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Reproduktionswunder Katze

Das Telefon klingelt gefühlt zum 40. Mal heute: „Guten Tag, ich habe mal eine Frage, seit vier Monaten füttern wir eine Katze auf der Terrasse, die sah so schlecht aus, Sie können es sich nicht vorstellen! Also haben wir immer ein Schälchen Futter hingestellt, und so blieb sie bei uns im Garten. Wir können sie nicht anfassen, und in die Nachbarschaft gehört sie auch nicht! Also auf jeden Fall ist es ja auch nicht unsere Katze. Sie ist so schön rot getigert, ein richtig hübsches Tier. Meine Nachbarn haben gesagt, nach der Farbe ist es auf jeden Fall ein Kater. Na ja, und nun haben wir festgestellt, dass es doch eine Katze ist… Sie hat jetzt nämlich fünf Kleine bekommen. Das wird uns jetzt echt zu viel, alles voller Katzen. Wir haben schon rumgefragt, aber keiner möchte sie haben, sind ja auch ziemlich ängstlich. Und was die fressen, Sie können es sich nicht vorstellen!“ „Doch!“ „Was meinen Sie?“ „Ich kann mir gut vorstellen, was die fressen…“ „Ach so, na ja, auf jeden Fall wollte ich fragen, ob Sie uns helfen können und die Katzen hier alle abholen?“

So oder ähnlich liefen die meisten Telefonate im Mai ab. Kitten-Saison. Und das bedeutet, dass jede unkastrierte Katze, die bis dato noch in Gärten oder Firmengeländen geduldet worden ist, jetzt schnellstens weg muss, weil man mitbekommen hat wie schnell das mit der Fortpflanzung bei Katzen geht. Wie jedes Jahr fragen wir uns, warum ruft man uns nicht ein paar Wochen vorher an und bittet um Hilfe? Warum sind die meisten Menschen so naiv oder unachtsam und melden sich erst, wenn das Kind/die Katze in den Brunnen gefallen ist? Gibt es in unserer Gesellschaft so wenig Wissen über Fortpflanzung?

Katzen aus freier Wildbahn sind von Natur aus scheu

Natürlich helfen wir gerne und wo wir nur können, aber leider sind auch unsere Kapazitäten irgendwann erschöpft. Dann müssen wir vertrösten und abwarten bis wir wieder Platz haben um Katzenwelpen aufzunehmen. Erschwerend kommt hinzu, dass viele der Kleinen nicht an den Kontakt mit Menschen gewöhnt sind und dementsprechend viel Zeit, Geduld und Liebe brauchen bis sie zu einer Vermittlung bereit sind. Es handelt sich nicht um kleine, plüschige silbergraue „Whiskas“ Babykatzen, sondern um verängstigte, fauchende und spuckende Miniaturkatzen mit angelegten Ohren. Diese Katzen sind zu allem bereit, und spätestens, wenn man mal so ein Modell im Daumen hängen gehabt hat, weiß man wovon ich spreche. Durch den mangelnden Kontakt mit Menschen und die Prägung durch die scheuen Muttertiere, bedeutet das für den Nachwuchs, dass jeder Mensch erst einmal nur eine Gefahr darstellt und Angriff in diesem Fall die beste Verteidigung ist.

Katzen können während des Säugens ihrer Welpen schon wieder rollig werden.

Wenn der Nachwuchs geboren ist, helfen wir erstmal mit der Kastration des Muttertiers. Diese muss zum Erstaunen der meisten Finder schnell erfolgen, da die Kätzin schon während des Säugens der Welpen wieder rollig wird. Versorgt sie die Welpen im Freien und nicht geschützt im Haus der Finder, findet sich so auch immer ein unkastrierter Kater, der für erneuten Nachwuchs sorgt. Wir bitten dann darum, uns zu informieren sobald die Welpen selbstständig fressen. Sobald das der Fall ist, fangen wir das Muttertier ein, lassen es kastrieren und setzen es dann umgehend wieder zu den Welpen zurück. Nach unserer Erfahrung funktioniert die weitere Versorgung der Kleinen auch nach der Kastration problemlos, so dass sie sofort wieder säugen können. Dann bitten wir die Finder möglichst viel Kontakt mit den Welpen beim Füttern etc. aufzunehmen, das macht es für uns leichter, sie auf eine Vermittlung vorzubereiten. Sobald Kapazitäten in unserer Station frei werden, nehmen wir die Welpen auf, versorgen sie tierärztlich und suchen nette Menschen, die sie dann paarweise oder zu einer bereits vorhandenen Katze aufnehmen.

Eine Alternative zur Aufnahme in der Kitty Station ist die Unterbringung in Pflegestellen. Hier stellen wir Tierfreunden notwendiges Equipment zur Verfügung und übernehmen Tierarzt- und Futterkosten. Die Katzen bleiben dann bis zur Vermittlung in den Pflegestellen. Der Vorteil hierbei ist, dass die Tiere schon in einem familiären Umfeld leben und dadurch auf die anstehende Vermittlung besser vorbereitet sind. Erfahrungsgemäß werden die Kleinen so auch schneller zahm, da der Kontakt mit den Menschen intensiver ist.

Entwicklung von Katzenbabys

Ein Kommentar von Alexandra Pfitzmann Katzenbabys sind in ihren ersten Lebenswochen auf die Fürsorge ihrer Mutter angewiesen. So sind sie in dieser Zeit auch nicht in der Lage, ohne die Stimulation durch die Mutter Kot und Urin abzusetzen. Auch die Körpertemperatur können sie noch nicht alleine regulieren. Katzen, die bei einer Umgebungstemperatur von unter 27 Grad Celsius geboren werden, können daher an Hypothermie sterben, wenn sie von der Katzenmutter nicht warmgehalten werden. Für das gesunde Wachstum ist das Trinken der Muttermilch wichtig, da hierin Antikörper enthalten sind, die sie vor Infektionen schützen. Nach ungefähr sieben bis zehn Tagen nach der Geburt öffnen die Babys ihre Augen, wobei sich die volle Sehkraft erst nach ca. zehn Wochen entwickelt. Bis dahin trainieren Katzenbabys auch ihre Koordination und ihre Kräfte indem sie mit ihren Geschwistern toben und spielen und fangen an, ihre direkte Umgebung mit integrierten Beute- und Jagdspielen zu erkunden, bei denen die Mutter hilft, indem noch lebende Beute von ihr zu den Babys gebracht wird. Sobald sie die dritte bis vierte Lebenswoche erreicht haben, fangen sie an, langsam feste Nahrung zu sich zu nehmen und werden Schritt für Schritt von der Muttermilch entwöhnt, was ungefähr mit der achten Woche abgeschlossen ist. Die Milchzähne fallen bis zum Alter von drei Monaten aus, und die Zweiten Zähne sind bis zum Alter von neun Monaten voll ausgebildet.

Das Ziel ist die erfolgreiche Vermittlung der Katzen in ein Zuhause

Neben all der Arbeit, Zeit und Geduld, die jedes Jahr für die Betreuung der Kleinen nötig ist, ist aber ein Faktor für unseren Einsatz der wichtigste: die Liebe zu den Samtpfoten. Und am Ende gibt es nichts Schöneres als die erfolgreiche Vermittlung in ein neues Zuhause. Besonders die Problemfälle bleiben dann in Erinnerung. Wie zum Beispiel der kleine Kater Mino. Er wurde von uns bei einer großen Fangaktion aufgenommen. Er war nur halb so groß wie seine Geschwister und hatte, wie man auf dem Foto sieht, ein extrem entzündetes Auge. Das Auge musste umgehend von unserer Tierärztin entfernt werden. Man mag sich gar nicht vorstellen wie viele Schmerzen der kleine Kerl ertragen hat. Er wurde in einer Pflegestelle aufgepäppelt und konnte dann in ein liebevolles Zuhause vermittelt werden.

Bei all dem Leid, das wir täglich sehen und ertragen müssen, zählt aber unter dem Strich nur eins: Wir können und dürfen durch das Kitty Projekt helfen! Und diese Hilfe ist nur durch Ihre Unterstützung möglich, und dafür sagen wir von Herzen danke!

Katzenschwemme: Produktion wie am Fließband

Leider sind Katzen wahre Reproduktionswunder. Mit einer Tragzeit von etwa zwei Monaten können sie sage und schreibe bis zu dreimal im Jahr Nachwuchs bekommen. Teilweise werden sie sogar – noch während sie ihren letzten Wurf säugen – wieder trächtig. Dabei können sie jedes Mal bis zu zehn Welpen gebären und aufziehen.

Ein Kommentar von Dr. Tina Hölscher, Tierärztin bei aktion tier – menschen für tiere e.V.

Das heißt innerhalb eines Jahres können aus einem einzigen Katzenpaar 32 Tiere werden. Rechnet man noch ein Jahr weiter, sind es theoretisch schon fast tausend! Nur während der Wintermonate ruht der Zyklus der Katze und damit auch das Fortpflanzungsgeschehen. Derart kurze Intervalle zwischen den Würfen verlangen den Körpern der Muttertiere eine enorme Leistung ab. Nach ein bis zwei Jahren sind die Katzenmütter erschöpft und ausgemergelt.

Eine unkontrollierte Fortpflanzung geschieht in aller Regel zudem nur, wenn die Katzen ohne menschliche Fürsorge im Freien leben. Das hat zur Folge, dass die Tiere weder geimpft noch entwurmt und darüber hinaus oft schlecht ernährt sind. Dies wiederum führt dazu, dass leider sowohl die Elterntiere als auch der Nachwuchs schwach und krank sind. Tränende Augen durch virale Infektionen, struppiges Fell aufgrund von parasitärem Befall oder Pilzerkrankungen sind an der Tagesordnung. Durch Inzucht unter Geschwistern oder auch der Verpaarung von Elterntieren kommt es nicht selten zu Missbildungen verschiedenster Natur.

Wildlebende Katzenpopulationen sind daher oft ein Bild des Jammers. Fast alle Tiere sind krank, missgebildet oder verletzt. Viele sterben früh. Die wenigen, die es ein paar Jahre schaffen, sehen erbärmlich aus. Der einzige Weg aus diesem Dilemma: die vorzugsweise frühzeitige Kastration sowohl der weiblichen als auch der männlichen Katzen. Auf diese Weise können stabile und damit gesunde und glückliche Katzenbestände realisiert werden.