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Auf den Schleim gegangen…

Als schönheitsbewusste Frau in den besten Jahren interessiere ich mich brennend für Kosmetik, die straffer, vitaler und strahlender macht. Bei Stichwörtern wie „Anti-Aging“, „Booster“ und „Glow“ werde ich hellhörig und bin bereit, so ziemlich alles zu glauben, was die Werbung verspricht.

Selbstversuch mit Schneckencreme. Foto: © aktion tier, Ursula Bauer

Erstmal... denn irgendwann schaltet sich dann doch wieder der Verstand ein, und mein gutes altes Biologinnenhirn schlägt Alarm bei besonders exotischen Produkten wie beispielsweise der Schneckencreme. Wie bitte? Soll man sich jetzt schon kleingemanschte Mollusken auf die Haut schmieren? Auch wenn ich erst vor kurzem im Wartezimmer meines Arztes beim Schmökern in den Produkten der Regenbogenpresse auf diesen angeblich ultimativen Beauty-Trend gestoßen bin, ist das Ganze gar nicht so neu. Bereits 1995 soll in Chile die erste Creme mit Schneckenschleim (also zum Glück kein Brei aus Schneckenleichen), produziert worden sein. Es folgten koreanische Produkte, und schließlich wollten dann auch europäische Hersteller von dem Hype profitieren.

Heute steht eine breite Palette an Cremes, Gelen, Seren und Lotionen mit Schneckensekret zur Verfügung, die angeblich das Nonplusultra in Sachen Schönheit sind. Snail-Produkte (Schnecke heißt auf Englisch „snail“) sollen für Menschen jeglichen Geschlechts und wie selbstverständlich für alle Hauttypen geeignet sein und mindestens gegen Narben, Verbrennungen, große Poren, Pickel und Falten, Altersflecken und Dehnungsstreifen wirken.

Diese phantastischen Werbeversprechungen sickern langsam in meine „Habenwill“-Region, die sich irgendwo in meiner rechten Hand befinden muss, welche dann seltsame Bestellungen aufgibt, die mein Gehirn nicht autorisiert hat. Faszinieren, mit Sicherheit einem Bildbearbeitungsprogramm entsprungene Vorher-Nachher-Bilder nähren zusätzlich den Wunsch nach SCHNECKENCREME.

Für dumm verkauft

Ich mache einen Deal mit mir selbst: erst recherchieren, dann bestellen. Das erste Kopfschütteln lässt nicht lange auf sich warten. Da behaupten tatsächlich einige Hersteller, dass ihre Mollusken-Produkte vegan seien. Dabei weiß doch jeder mit einem IQ über 10, dass eine Substanz, die ein Tier produziert hat, nicht vegan sein kann. Sonst wären Honig und Milch ja auch vegan. Heimtückisch frage ich trotzdem bei diversen Herstellern an. Nur ein einziger antwortet. Man bedaure es sehr, aber leider ist die Creme nicht vegan, da Schnecken Tiere sind und ihr Schleim daher auch ein tierisches Produkt ist. Wer hätte es gedacht.

Werbung für eine Creme mit Schneckenextrakt. Foto: © aktion tier- Ursula Bauer

Was steckt im Schleim?

Verwendet wird das Sekret von bestimmten Weinbergschnecken. Es enthält viel nährstoffreichen Zucker, verschiedene Mineralien wie Calcium sowie Antioxidantien und Allantonin. Letzteres regt das Zellwachstum und somit die Haut- erneuerung an. Durch seine antibakteriellen, feuchtigkeitsspendenden und regenerierenden Eigenschaften schützt der Schleim die Schnecken vor Parasiten, Krankheitserregern und UV-Strahlung und unterstützt die Wundheilung bei Verletzungen. Das alles ist tatsächlich wissenschaftlich belegt und lässt einen kosmetischen oder medizinischen Einsatz zum Beispiel in Mitteln zur Behandlung gegen Hautentzündungen, Wunden oder Verbrennungen sinnvoll erscheinen. Zu den angepriesenen, angeblich phänomenalen Anti-Aging-Wirkungen, der versprochenen Minimierung von Narben und Dehnungsstreifen und den tollen Bleaching Effekten zur Aufhellung von Altersflecken finde ich dagegen weder wissenschaftliche Studien noch andere, irgendwie glaubhafte Erhebungen.

Liste der Inhaltstoffe eines Gels mit Schneckensekret. Foto: © aktion tier, Ursula Bauer

Die Menge macht’s

Selbst wenn wir uns damit zufriedengeben, dass eine Schneckencreme „nur“ heilend und feuchtigkeitsspendend wirkt, hängen selbst diese Effekte am Ende von der Konzentration des Wirkstoffes ab. Dazu erfahre ich aber rein gar nichts, denn kein einziger Hersteller gibt genau an, wie viel Sekret in seiner Creme ist.

Ich nehme die Liste der Inhaltstoffe eines Schneckengels genauer unter die Lupe. Es müssen immer die Bestandteile dem Anteil/Gewicht absteigend sortiert angegeben werden. Die erste Zutat macht also den mengenmäßig größten Anteil. Und da steht „Aqua (Water)“. Aha, jetzt ist klar, warum das Gel Feuchtigkeit spendet – weil der Hauptbestandteil Wasser ist. Der zweitgrößte Anteil ist Alcohol Denat., also einwertiger vergällter Alkohol. Das ist gar nicht gut, denn dieser Alkohol durchbricht die Hautbarriere und kann stark austrocknen. Und wo ist jetzt unser Schneckensekret? Das kommt erst an 8ter Stelle von insgesamt 14 Inhaltstoffen. Im angeblichen Zaubergel ist also viel Profanes und sogar Schädliches drin, angereichert mit einer Prise Schleim, das mit Sicherheit keine Hautwunder bewirken kann. Ich schätze, dass die vielen positiven Bewertungen von Schneckencremes auf Substanzen wie Hyaluronsäure, Vitamin C und den Saft der Aloe Vera-Pflanze zurückzuführen sind, die den meisten Snail-Produkten beigemischt sind.

Selbstversuch

Obwohl meine Begeisterung durch die Recherche merklich geschrumpft ist, kaufe ich dann doch ein mittelpreisiges, in der Schweiz hergestelltes Gel mit Sekret von liebevoll bekitzelten Schneckchen. Erstens mag ich die Schweiz, und zweitens vertraue ich auf die helvetisch strengen Qualitäts-, Umwelt- und Tierschutzstandards. Es steht auch nicht zu befürchten, dass Kinderhände den Schleim in die Creme rühren, was ich bei der asiatischen Konkurrenz nicht sicher ausschließen kann. Das Gel ist farblos, riecht angenehm dezent und schleimt kein bisschen. Leider zeigt es aber auch keinerlei Wirkung. Zumindest warte ich auch nach 6 Wochen täglicher Anwendung immer noch auf das Wunder, das mich in eine jugendliche Göttin verwandelt. Wahrscheinlich ist mein Glaube nicht stark genug.

Gewöhnliche Weinbergschnecke (Helix pomatia). Foto: © Ursula Bauer

„Ohne Tierleid durch bewusste Gewinnung des Schneckenschleims.“

Was da so sehr harmlos und blumig auf einer Verpackung steht, macht misstrauisch. Denn im Internet liest man von üblen und teilweise tödlichen Methoden der Schleimgewinnung. So sollen die Mollusken mit Stöcken, Elektroschocks, Säure oder Kochsalz malträtiert werden, um sie zum Absondern des Wundersekrets zu bringen. Oder man zentrifugiert ihnen die wertvolle Substanz aus dem Leib, was natürlich zum Tode führt.

Der normale Haft- und Gleitfilm, den Schnecken zur Fortbewegung benötigen, ist übrigens nicht das Objekt der Begierde. Den Supersaft sondern sie nur ab, wenn sie Stress haben. Zum Beispiel, wenn sie verletzt sind. Oder wenn es sehr warm ist zum Schutz vor Austrocknung. Und wenn den Tieren Fressfeinde wie beispielsweise Laufkäfer zu nahe kommen, wirkt der schaumige Abwehrschleim wie ein Schutzmantel.

Die Tierfreunde unter den kommerziellen Sekret-Gewinnern setzen die Tiere auf Walzenbänder oder lassen sie unter feuchtwarmen Bedingungen „schwitzen“. Andere „kitzeln“ die große Unterseite des Schneckenfußes mit Finger oder Stäbchen, bis der blasige Abwehrschleim austritt. Bei allen Methoden wird das gewonnene Sekret gereinigt, getrocknet und später den Pflegeprodukten beigemischt. Diese Formen der Schleimgewinnung sind zwar keine Tierquälerei übelster Sorte, aber dennoch haben die Schnecken mit Sicherheit Angst, wenn an ihnen manipuliert wird.

Ursula Bauer

Diplom-Biologin bei aktion tier – menschen für tiere e.V.

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