Haushunde

Der Mythos der Hundejahre – aktion tier-Serie Hundemythen

„Ein Hundejahr entspricht sieben Menschenjahren“ ist eine Faustregel, die vielen bekannt ist. Seit Generationen wird sie verwendet, um das Alter eines Hundes in ein vergleichbares Menschenalter umzurechnen. Doch so einprägsam die Formel auch ist – wissenschaftlich lässt sie sich nicht belegen, denn tatsächlich altern Hunde anders als Menschen.

Hunde altern nicht gleichmäßig, weshalb sich ihr Alter nicht mithilfe einer festen Formel in Menschenjahre umrechnen lässt.
Hunde altern nicht gleichmäßig, weshalb sich ihr Alter nicht mithilfe einer festen Formel in Menschenjahre umrechnen lässt. Foto: © AdobeStock/absolutimages

Woher die sogenannte „Mal-siebenRegel“ ursprünglich stammt, lässt sich heute nicht mehr eindeutig belegen. Vermutlich entstand sie nicht aus biologischen Erkenntnissen, sondern aus einer einfachen statistischen Überlegung. Häufig wird angenommen, dass sie auf dem groben Verhältnis zwischen der durchschnittlichen Lebenserwartung von Menschen und Hunden beruht. Während Menschen heute in vielen Ländern durchschnittlich rund 80 Jahre alt werden, liegt die Lebenserwartung von Hunden, abhängig von Rasse, Körpergröße und weiteren Faktoren, häufig zwischen etwa 10 und 15 Jahren. Daraus ergibt sich in etwa das Verhältnis 1:7.

Biologisch betrachtet greift diese einfache Rechnung jedoch zu kurz. Hunde entwickeln sich deutlich schneller als Menschen und das besonders in den ersten beiden Lebensjahren. Die meisten Hunde kleiner und mittelgroßer Rassen sind bereits mit etwa einem Jahr körperlich ausgewachsen und geschlechtsreif. Große und sehr große Hunderassen benötigen dafür nicht selten bis zu zwei Jahre. Ein einjähriger Hund entspricht daher in seiner körperlichen Entwicklung keineswegs einem siebenjährigen Kind, sondern eher einem jungen Erwachsenen. Nach dieser frühen Entwicklungsphase verlangsamt sich der Alterungsprozess deutlich.

Einen neuen wissenschaftlichen Ansatz präsentierten Forschende der University of California San Diego, der National Institutes of Health (NIH) und weiterer Forschungseinrichtungen im Jahr 2020 im Fachjournal Cell Systems. Statt die Lebenserwartung von Hunden und Menschen miteinander zu vergleichen, untersuchten sie altersabhängige Veränderungen der DNAMethylierung. Diese epigenetischen Veränderungen gelten als Marker biologischer Alterungsprozesse. Die Forschenden stellten fest, dass Hunde und Menschen vergleichbare biologische Alterungsprozesse durchlaufen, diese jedoch unterschiedlich schnell ablaufen. Auf Grundlage ihrer Daten entwickelten sie ein mathematisches Modell, das den Zusammenhang zwischen Hunde- und Menschenalter genauer beschreibt und die klassische „Mal-sieben-Regel“ widerlegt.

Das Alter eines Hundes sollte immer im Zusammenhang mit seiner Größe und Rasse betrachtet werden.
Das Alter eines Hundes sollte immer im Zusammenhang mit seiner Größe und Rasse betrachtet werden. Foto: © AdobeStock/Brian Bailey

Die Autoren schlugen dafür folgende Formel vor:

Menschenalter = 16 × ln (Hundealter) + 31

Nach diesem Modell entspricht das epigenetische Alter eines einjährigen Hundes ungefähr dem eines 31-jährigen Menschen, das eines zweijährigen Hundes etwa dem eines 42-jährigen Menschen. Wer diese Berechnung selbst durchführen möchte, benötigt einen wissenschaftlichen Taschenrechner oder die entsprechende Funktion auf dem Smartphone. Hierbei ist es wichtig, den Smartphone-Taschenrechner im Querformat zu öffnen, da die „ln“-Taste sonst häufig nicht zu finden ist. Zusätzlich ist zu beachten, dass die Formel erst für Hunde anwendbar ist, die das erste Lebensjahr bereits vollendet haben.

So interessant diese Ergebnisse auch sind, so haben diese dennoch ihre Grenzen in der Anwendbarkeit, da die Studie ausschließlich mit Labrador Retrievern durchgeführt wurde. Das Modell berücksichtigt also nicht, dass die Körpergröße einen erheblichen Einfluss auf die Alterung und die Lebenserwartung eines Hundes hat. Dass die Körpergröße eine wichtige Rolle spielt, zeigt sich deutlich in der Lebenserwartung verschiedener Hunderassen. Große und sehr große Hunde altern im Durchschnitt schneller und leben kürzer als kleine Hunde. Während ein kleiner Chihuahua häufig 15 Jahre oder älter wird, haben große Deutsche Doggen oft nur eine Lebenserwartung von etwa acht bis zehn Jahren. Das Alter eines Hundes sollte deshalb immer auch im Zusammenhang mit seiner Körpergröße und – soweit relevant – seiner Rasse betrachtet werden.

Die Studie liefert wertvolle Erkenntnisse über biologische Alterungsprozesse. Für die praktische Einschätzung des Alters eines Hundes hat sich die vorgeschlagene Formel bislang jedoch nicht als allgemein anerkannter Standard etabliert.

In der tierärztlichen Praxis wird das Alter eines Hundes deshalb häufig anhand seiner Lebensphasen eingeordnet: Welpen entwickeln sich in den ersten Lebensmonaten besonders schnell. Junghunde gelten – abhängig von Körpergröße und Rasse – mit etwa ein bis zwei Jahren als körperlich ausgewachsen und geschlechtsreif. In ihrer Entwicklung entsprechen sie eher jungen Erwachsenen als Kindern. Senioren erreichen diese Lebensphase – ebenfalls abhängig von Körpergröße und Rasse – meist zwischen dem sechsten und zehnten Lebensjahr. Auch diese Einteilung stellt eine Vereinfachung dar. Sie berücksichtig den biologischen Unterschieden zwischen verschiedenen Hunden jedoch besser als eine starre Umrechnungsformel und hat sich für viele als alltagstauglich erwiesen.

Die Vorstellung, ein Hundejahr entspreche pauschal sieben Menschenjahren, gilt nach heutigem wissenschaftlichen Stand als überholt und widerlegt. Wie schnell ein Hund altert, hängt von seinem Lebensabschnitt, seiner Körpergröße, genetischen Faktoren und weiteren biologischen Einflüssen ab. Eine einzelne Formel kann diese komplexen Zusammenhänge daher immer nur ungefähr beschreiben.