Haushunde

„Hundemythen aufgeklärt“ – Da muss er durch, dann gewöhnt er sich dran …

Kaum ein Satz hält sich im Zusammenleben mit Hunden so hartnäckig wie dieser – und kaum einer richtet so viel Schaden an, insbesondere auch rund um Silvester. Die Vorstellung, dass wiederholte Konfrontation mit einem Reiz automatisch zu Gewöhnung führt, klingt für viele zunächst logisch. Lerntheoretisch ist sie jedoch stark verkürzt und im Zusammenhang mit Angst sogar grundlegend falsch.

Auch wenn ein Hund jedes Jahr mit dem Krach von Feuerwerk konfrontiert ist, bedeutet das nicht, dass er sich daran gewöhnt.
Auch wenn ein Hund jedes Jahr mit dem Krach von Feuerwerk konfrontiert ist, bedeutet das nicht, dass er sich daran gewöhnt. Foto: © AdobeStock/ Sonja Rachbauer

Es ist nicht nur rund um Silvester ein weit verbreiteter Irrglaube, dass sich Hunde an alles gewöhnen, wenn sie nur häufig genug damit konfrontiert werden. Sei es der Staubsauger zu Hause, schreiende Kinder auf dem Spielplatz oder eben auch Feuerwerkskörper zum Jahreswechsel. Wenn der Hund das immer wieder erlebt und es vor allem überlebt, wird er schon verstehen, dass es nichts Schlimmes ist. Oder?

Richtig ist, dass das Lernen durch Habituation, also die Gewöhnung an einen immer wieder auftretenden Reiz, in bestimmten Fällen funktioniert. Die Grundvoraussetzung für diese Lernform ist aber, dass der Hund den wahrgenommenen Reiz als neutral einstuft. Bleiben wir beim Beispiel Silvester. Um zu verstehen, warum viele Hunde an Silvester nicht immer entspannter, sondern von Jahr zu Jahr unsicherer oder ängstlicher werden, lohnt sich ein Blick darauf, wie Lernen beim Hund tatsächlich funktioniert.

Einfach nur Aushalten ist keine Gewöhnung

Hunde sind in unserem Alltag täglich unzähligen Reizen ausgesetzt, die sie kaum noch wahrnehmen. Das geht uns Menschen nicht anders. Das Ticken einer Uhr, entfernte Verkehrsgeräusche oder regelmäßige Umgebungsgeräusche werden vom Gehirn überprüft und schließlich als irrelevant abgespeichert. Dieser Prozess wird als Habituation bezeichnet.

Entscheidend dabei ist aber, dass Habituation nur dann eintritt, wenn ein Reiz vom Nervensystem als ungefährlich und bedeutungslos eingestuft werden kann. Der Reiz darf von dem Hund also nicht als gefährlich wahrgenommen werden oder eine negative Konsequenz für ihn haben, damit Gewöhnung stattfinden kann.

Wird ein Reiz wiederholt als harmlos bewertet, nimmt die Reaktion darauf ab. Habituation beschreibt also die Abnahme der Reaktionswahrscheinlichkeit oder -intensität auf einen wiederholt dargebotenen, als irrelevant bewerteten Reiz. Die Habituation ist reizspezifisch und kontextabhängig. Ein Hund kann also z. B. an Verkehrslärm an einem bestimmten Ort gewöhnt sein, aber an einem neuen Ort erneut darauf reagieren. Wird der Verkehrslärm auch an dem neuen Ort als ungefährlich eingestuft, wird mit großer Wahrscheinlichkeit auch hier die Gewöhnung nach kurzer Zeit einsetzen. Wird der wahrgenommene Reiz jedoch als bedrohlich eingestuft, greift ein völlig anderer Mechanismus.

Gewöhnung klappt nur bei ungefährlichen Reizen – wirkt etwas bedrohlich, reagiert der Hund erneut.
Gewöhnung klappt nur bei ungefährlichen Reizen – wirkt etwas bedrohlich, reagiert der Hund erneut. Foto: © AdobeStock/Boris Bondartschuk

Wenn Reize bedrohlich werden: Sensitivierung statt Gewöhnung

Wird der Hund mit einem Reiz konfrontiert, den er als erschreckend oder bedrohlich wahrnimmt, speichert das Gehirn diese Erfahrung ab. Hierbei ist es völlig irrelevant, ob wir als Mensch den Reiz auch als gefährlich einstufen würden oder nachvollziehen können, warum er so auf unseren Hund wirkt. Entscheidend ist nur, dass der Hund ihn als bedrohlich einordnet. Kommt es nach dieser Erfahrung zu ähnlichen Situationen, reagiert das Nervensystem früher und intensiver. Dieser Prozess wird Sensitivierung genannt.

Sensitivierung macht in der Natur absolut Sinn. Wenn eine Gefahr droht, sollte auf diese möglichst frühzeitig reagiert werden können, um das Überleben zu sichern. Die Angst vor dem eigentlichen Reiz wird mit der Zeit also nicht kleiner, sondern das Gegenteil geschieht. Schon die Vorboten des Reizes können nun bereits als bedrohlich wahrgenommen werden.

Hat der Hund also beispielweise Angst vor Donner und hat Donner in seinem Leben bereits als beängstigend wahrgenommen, wird er in der Folge nicht erst beim eigentlichen Donner Angst und Stress zeigen, sondern schon bei allem, was dem Donner vorausgeht. Die Vorboten des Donners, wie aufkommender Wind oder starken Regen, können also durch die Sensitivierung bereits eine Reaktion hervorrufen, weil sie als Ankündigung zu dem eigentlich beängstigenden Reiz abgespeichert wurden. Hiermit erklärt sich auch, warum bei vielen Hunden die Angst vor Feuerwerkskörpern von Jahr zu Jahr intensiver wird.

Feuerwerk ist laut, unvorhersehbar und oft mit Lichtblitzen, Vibrationen und intensiven Gerüchen verbunden. Der Hund kann die Situation weder kontrollieren noch ihr entkommen.

Silvester wird aus diesen Gründen von vielen Hunden als sehr bedrohlich wahrgenommen. Eine Gewöhnung ist also lerntheoretisch gar nicht möglich. Die Sensitivierung führt im Gegenteil dazu, dass der Hund häufig schon Tage vor Silvester nervös wird und bereits auf weit entfernte Knallgeräusche reagiert und Stressreaktionen zeigt. Der Hund lernt demnach nicht nur „Feuerwerk ist schlimm“, sondern erweitert dieses Gefühl auf alles, was damit in Verbindung steht. Im Gegensatz zur Habituation ist Sensitivierung häufig reizübergreifend: Die gesteigerte Erregung kann sich also auch auf andere, zuvor neutrale Reize übertragen. 

Um einem Hund den Jahreswechsel oder den Umgang mit anderen als bedrohlich wahrgenommenen Reizen zukünftig zu erleichtern, reicht es folglich keinesfalls aus, ihn jedes Jahr einfach wieder mit Feuerwerkskörpern oder regelmäßig mit den angstauslösenden Reizen zu konfrontieren. Notwendig ist ein gut aufgebautes und kleinschrittiges Training, das im Idealfall bereits weit vor der nächsten, nicht vermeidbaren Konfrontation beginnt und individuell auf den Hund und seine Ängste angepasst ist.

Ann Kari Sieme