Haushunde

Hunde sind farbenblind – Hundemythen aufgeklärt

Dies ist eine Aussage, die man immer wieder hört, und viele Menschen sind der festen Überzeugung, dass das stimmt. Doch ist dem so? Sehen Hunde unsere schöne bunte Welt nur in schwarz-weiß?

Foto: Mylaene/Pixabay

Nein. So einfach ist es nicht. Der Irrtum beginnt schon bei den Begrifflichkeiten. In der Humanmedizin bedeutet „Farbenblindheit“ (Achromasie) das vollständige Fehlen von Farbwahrnehmung. Menschen, die unter Achromasie leiden, können also tatsächlich nur schwarzweiß und Grautöne erkennen. Das trifft auf Hunde aber nicht zu, denn dass Hunde Farben sehen können, ist wissenschaftlich belegt. Bereits in den 1980erund 1990er-Jahren zeigten Studien des Neurowissenschaftlers Jay Neitz, dass Hunde gezielt Farben unterscheiden können, solange diese in ihrem wahrnehmbaren Spektrum liegen. Doch was ist das wahrnehmbare Sehspektrum eines Hundes und wie unterscheidet sich dieses von dem des Menschen?

Wahrnehmbares Farbspektrum von Menschen und Hunden.
Wahrnehmbares Farbspektrum von Menschen und Hunden. Foto: © aktion tier

Obwohl Menschen- und Hundeaugen sehr ähnlich aufgebaut sind, sorgen kleine, aber feine Unterschiede für Abweichungen im Sehvermögen.

Für das Farbsehen sind bei beiden die sogenannten Zapfen in der Netzhaut des Auges verantwortlich. Hunde verfügen in ihrer Netzhaut über zwei dieser kegelförmigen Zapfentypen. Man spricht bei Hunden also vom dichromatischen Sehen. Menschen hingegen, verfügen über drei Zapfentypen in der Netzhaut und können deswegen trichromatisch sehen. Während wir Menschen mit unseren drei Zapfentypen vereinfacht ausgedrückt Rot, Grün und Blau wahrnehmen können, sehen Hunde mit ihren zwei Zapfentypen vor allem Blau- und Gelbtöne. Rot- und Grüntöne sind für Hunde schwer zu unterscheiden und werden sehr ähnlich wahrgenommen. Die Welt besteht durch Hundeaugen gesehen also vor allem aus Blau- und Gelbtönen, sowie verschiedenen Grauund Braunnuancen.

Wenn man ihr Farbsehvermögen mit dem des Menschen vergleichen möchte, sehen sie ähnlich wie ein Mensch, der rot-grün-blind ist, keinesfalls aber nur in schwarz-weiß, wie es bei einer echten Farbblindheit der Fall wäre. Hunde sehen deswegen aber nicht grundsätzlich schlechter als wir, sondern sie sehen einfach anders. Ihr Sehvermögen ist auf ihre Bedürfnisse spezialisiert. Während wir Menschen bei der visuellen Wahrnehmung unserer Umwelt stark auf Farben achten, ist das Auge des Hundes auf etwas anderes spezialisiert – nämlich Bewegung. Diese können sie deutlich schneller und besser wahrnehmen als wir Menschen.

Die Farbwahrnehmung bei Hunden ist anders als beim Menschen. Foto: © H. Czirski

Der Grund dafür liegt in den bereits erwähnten kleinen Unterschieden in der Zusammensetzung der Netzhaut. Neben den für das Farbsehen zuständigen Zapfen gibt es dort auch sogenannte Stäbchen. Stäbchen sind Sinneszellen, die besonders empfindlich auf Licht und Bewegung reagieren. Und genau hier haben Hunde einen entscheidenden Vorteil, denn sie besitzen deutlich mehr Stäbchen als wir Menschen. Das hat zur Folge, dass Hunde selbst kleinste Bewegungen wahrnehmen können und das oft schon auf große Distanz. Eine davonflitzende Maus, ein flüchtiger Schatten oder ein flatterndes Blatt sind visuelle Reize, die wir Menschen schnell übersehen, der Hund aber sofort erkennt.

Diese unterschiedlichen Sehvermögen sind keine Laune der Natur, sondern ergeben bei genauer Betrachtung vollkommen Sinn.

Als überwiegend dämmerungsaktive Jäger war es für Wölfe und später Hunde überlebenswichtig, auch bei schlechten Lichtverhältnissen Bewegungen frühzeitig zu erkennen – deutlich wichtiger, als Farben exakt unterscheiden zu können. Das Sehvermögen unserer Hunde ist daher auf andere Schwerpunkte spezialisiert als unseres. Ihre Welt ist weniger farbenfroh, dafür aber umso bewegter.

Für Hunde verschwimmen Rot- und Grüntöne – sie sehen diese Farben fast gleich. Ihre Welt erscheint daher vor allem in Blau und Gelb, ergänzt durch viele Grau- und Braunschattierungen.

Für das Überleben unserer heutigen Haushunde ist erfolgreiches Jagen in der Regel nicht mehr relevant. Dennoch kann das Wissen über das Sehvermögen durchaus aufschlussreich sein. Wer sich beispielsweise immer darüber gewundert hat, dass sein Hund den blauen Ball stets sofort gefunden hat, während er den roten Ball erst in Bewegung gut wahrnehmen konnte, hat nun seine Erklärung und kann beim zukünftigen Spielzeugkauf für seinen vierbeinigen Liebling darauf achten, eher zu Spielzeugen in Gelb und Blau zu greifen und seinem Hund damit die visuelle Wahrnehmung deutlich zu erleichtern.

Ann Kari Sieme