Aufklärungsarbeit

Wir wollen keine Tierheime bauen!

Diese Aussage dürfte auf den ersten Blick überraschend klingen, zumal sie von einem großen Tierschutzverein wie aktion tier getroffen wird. Schließlich geht nach wie vor ein Großteil der Bevölkerung davon aus, dass die Errichtung einer Tierauffangstation doch eigentlich erstrebenswert sei. Denn die Unterbringung und Versorgung von in Not geratenen Tieren ist in den Augen der meisten Menschen etwas Lobenswertes. Dies ist generell unbestritten und die Menschen, die sich dieser Aufgabe verschrieben haben, leisten eine tolle Arbeit im Sinne der Allgemeinheit.

Ein Tierheim ist nichts Schönes...
Ein Tierheim ist nichts Schönes... Foto: aktion tier e.V./Knieling

Doch auf den zweiten Blick offenbart sich auch eine andere Sichtweise. Ein Tierheim ist nichts Schönes, obwohl es oftmals verklärt als ein Hort der Glückseligkeit dargestellt wird. Es ist ein leider notwendiges Übel, da es in unserer Gesellschaft immer noch eine große Zahl von unerwünschten und in Not geratenen Tieren gibt. Also müssen diese auch versorgt werden. Aber letztendlich ist jedes Tierheim nur eine mehr oder weniger gelungene Übergangslösung. Tatsächlich werden dort, etwas polemisch ausgedrückt, Tiere eingesperrt und verwahrt. Sie verbringen den überwiegenden Teil ihrer Zeit in Zwingern, sind darauf angewiesen, dass ein freiwilliger Helfer sie ab und an mal ausführt und wenn sie nicht den gerade geltenden Geschmackskriterien genügen, dann bleiben sie mitunter auch ihr gesamtes Leben im Tierheim.

n den Augen vieler Menschen ist die dargestellte Vorgehensweise praktizierter Tierschutz. Er definiert sich dadurch, dass man sich im Einklang mit der vorherrschenden Meinung ausschließlich um die bereits vorhandenen und demzufolge zu versorgenden Tiere kümmert. Das tun viele Menschen mit großem Engagement und es ist denjenigen hoch anzurechnen, wie stark sie sich um das Wohl der ihnen anvertrauten Tiere kümmern. Jeder, der sich intensiver mit der Arbeit in einem Tierheim auseinandergesetzt hat, weiß um die hohe körperliche und auch psychische Belastung der dort tätigen Menschen.

Dennoch bleibt die Tatsache, dass in einem Tierheim die einzelnen Tiere auf eine Art und Weise untergebracht werden müssen, die nur sehr eingeschränkt ihren natürlichen Bedürfnissen gerecht wird. Trotzdem wird an die Tierschutzorganisationen immer wieder die Forderung gestellt, dass sie alle vorhandenen Mittel für die Förderung oder die Errichtung von Tierheimen einsetzen sollen. Und obwohl dies bereits unzählige einzelne Tierschutzvereine tun, hat sich die Situation in den Tierheimen in Deutschland nicht grundlegend verändert. Sie sind überfüllt und die dafür verantwortlichen Tierschutzvereine können den vor allem saisonal wachsenden Anforderungen kaum genügen.

Also weiter so?

Die Zustände sind nun einmal so, wie sie sind und demzufolge hat man sich damit abzufinden? Oder gibt es andere Möglichkeiten, diese jahrzehntelange Situation nachhaltig zu verändern?

Wenn aktion tier eine neue Tierauffangstation eröffnet und damit auf dem althergebrachten Wege versucht, vorhandenes Tierleid zumindest zu lindern, entsteht immer wieder dieselbe Situation. Die Gründung eines Gnadenhofes für misshandelte Pferde zieht z. B. eine Vielzahl von Telefonanrufen in den nächsten Wochen nach sich. Ziel dieser Anrufe ist immer dasselbe Anliegen: Ein Mensch versucht sein Pferd „loszuwerden“ und fordert uns auf, dieses in das neue Projekt zu übernehmen. Die Begründungen dafür sind letzten Endes immer wieder dieselben: Bei der Anschaffung des Tieres war man sich über die daraus resultierenden Konsequenzen nicht im Klaren. Jetzt drücken die Kosten für den Unterhalt des Tieres und die seiner Zeit so engagierte Tochter hat inzwischen das Interesse an dem Pferd verloren. Also muss es weg!

Wollten wir all diesen Anfragen entsprechen, hätten wir nicht nur eine Auffangstation für Pferde einrichten müssen, sondern mindestens fünf der gleichen Größe. Folgt man der gängigen Argumentation, wäre dies die einzige Aufgabe, der eine Tierschutzorganisation nachzukommen hat. Nur: Die Errichtung einer solchen Einrichtung ist mit einem hohen finanziellen Aufwand verbunden und zieht kontinuierliche Folgekosten für den Unterhalt nach sich. Bezieht man diese Problematik auf die gesamte Republik, sind sämtliche Tierschutzorganisationen damit heillos überfordert.

Und es bleibt die bohrende Frage, ob man mit der reinen Unterbringung und Versorgung der Tiere tatsächlich Tierschutz im Sinne des Tieres leistet oder nur eine mehr oder minder gelungene Verwahrung ermöglicht. Wäre es da nicht besser, wenn es gar nicht dazu käme, dass ein Tier im Tierheim landet?

Schöne Vorstellung, wird der Eine oder Andere sagen. Stellt sich nur die Frage, wie man das umsetzen kann. Wie kann man verhindern, dass ein Tier überhaupt in die Situation gebracht wird, in einem Tierheim abgegeben oder gar ausgesetzt zu werden?

Wären Hunde, Katzen oder andere Haustiere nicht leichtfertig angeschafft worden, müssten sie nicht im Tierheim untergebracht werden. Foto: aktion tier e.V.

Allen diesen ungewollten Lebewesen ist gemein, dass sie von einem Menschen angeschafft wurden. Das ist in unserer Gesellschaft sehr einfach und es gibt vielfältige Möglichkeiten dafür. Es steht außer Frage, dass ein Tier eine wichtige Bereicherung des eigenen Lebens sein kann und viele Haustiere eine wichtige soziale Funktion erfüllen. Jedoch ist die Anschaffung eines tierischen Familienmitglieds mit einer hohen Verantwortung verbunden. Sie ist nicht gleichzusetzen mit dem Kauf eines Haushaltsgerätes und beinhaltet weder Garantie- noch Umtauschrechte. Ein Haustier ist ein Lebewesen, mit dessen Anschaffung man ein hohes Maß an Verantwortung für sein gesamtes, teilweise sehr langes Leben übernehmen muss.

Wären die eingangs erwähnten privaten Pferde nicht leichtfertig angeschafft worden, müssten diese nicht auf einem Gnadenhof untergebracht werden. Dasselbe gilt für über 90% aller Hunde, Katzen und anderen Tiere, die zurzeit in einem Tierheim leben. Um die Zahl der „Wegwerftiere“ zu verringern, muss man bei den Menschen, den potenziellen Tierhaltern ansetzen, damit diese sich über die Tragweite und die möglichen Konsequenzen ihres Handelns im Klaren sind.

Denn nur die reifliche Überlegung VOR dem Kauf beispielsweise eines Hundes minimiert die Wahrscheinlichkeit, dass dieser über kurz oder lang zum Abgabetier wird. Auch wenn es viele nicht hören wollen: Es ist nicht erstrebenswert, ein Tier in einem Tierheim versorgen zu müssen!

Nur tierschutzbewusstes Denken und Handeln verhindert Tierleid!

Es gilt den Menschen zu verdeutlichen, dass nur über ein tierschutzbewusstes Denken und Handeln auf Dauer Tierleid verhindert werden kann. So ist auch die Massentierhaltung und die damit verbundene Tierqual nur möglich, wenn der Verbraucher im Supermarkt zu Billigfleisch oder Eiern aus Käfighaltung greift. Dieses Bewusstsein über die Eigenverantwortung ist in der Bevölkerung noch nicht ausgeprägt, was sich auch in der kontinuierlich hohen Zahl der Abgabetiere in den Tierheimen widerspiegelt. Will man diese Situation verändern, muss man in den Köpfen der Menschen beginnen.

Dies sieht auch die Europäische Kommission so. Sie hat bereits 2006 den Auftrag an ihre Mitgliedsstaaten vergeben, für eine bessere Information der Tierhalter über den Tierschutz Sorge zu tragen. Unsere Bundesregierung scheint diese nationale Aufgabe allerdings nicht sonderlich ernst zu nehmen. Folglich können nur einzelne Tierschutzorganisationen versuchen, der Verpflichtung zur flächendeckenden Aufklärung nach zu kommen. aktion tier hat daher ganz bewusst das Thema „Aufklärung zum Tierschutz“ als einen wesentlichen Punkt in seiner Satzung verankert und ist damit verpflichtet, diesem Auftrag verbindlich zu entsprechen. 

Gespräche im Vier-Augen-Prinzip

Wir führen jedes Jahr mehr als 4000 einzelne Informationsstände und -kampagnen durch, um die Menschen für den Tierschutz zu sensibilisieren. Hierbei setzen wir auf das sogenannte „Vier-Augen-Prinzip“, d. h. unsere Mitarbeiter versuchen, im persönlichen Dialog alle Belange des Tierschutzes anzusprechen. Sie tun dies an gut frequentierten Plätzen, in Einkaufzentren oder Fußgängerzonen, kurz überall dort, wo man den ganz normalen Bürger antrifft. Es werden jährlich über 300.000 dokumentierte Einzelgespräche geführt und Informationsschriften zu allen Bereichen, in denen der Mensch durch ein bewusstes Verhalten zum Wohle des Tieres beitragen kann, verteilt. Damit leisten sie einen wesentlichen Beitrag zur Umsetzung unserer satzungsgemäßen Vereinsaufgaben.

Dafür werden wir paradoxerweise regelmäßig angegriffen. Teils durchaus sachlich und vor dem Hintergrund einer völlig zulässigen kritischen Diskussion, vereinzelt jedoch mit einer Polemik, die offenkundig nur darauf abzielt, eine der größten Tierschutzorganisationen in Europa dauerhaft zu schädigen. Trauriger Höhepunkt waren im Herbst 2009 erschienene Berichte einzelner Zeitungen. Darin wird unterstellt, dass die aus unserer Aufklärungsarbeit resultierenden Kosten zu hoch seien, die angestellten Mitarbeiter ihrem eigentlichen Auftrag nicht nachkommen würden und der Sinn einer möglichst flächendeckenden Information über Tierschutz fragwürdig sei. Selbst der Umzug unserer Geschäftsstelle nach Berlin solle mit völlig aus der Luft gegriffenen 100.000,-€ zu Buche geschlagen haben. Gleichzeitig wurde wieder die Forderung erhoben, dass eine Tierschutzorganisation sich ausschließlich um die Versorgung von Tieren kümmern muss!

Interessanterweise werden solche Forderungen überwiegend von Menschen erhoben, deren Beschäftigung mit dem Thema Tierschutz bislang nur oberflächlich war. Sie wollen unseren innovativen Ansatz und dessen positiven Auswirkungen nicht verstehen, da ihnen die dafür notwendige Bereitschaft sowie die Erfahrung bei der Umsetzung der Aufgaben im Tierschutz fehlen. Auch gibt es durchaus eine nicht unbeträchtliche Zahl von Personen, die ein Interesse daran haben, eine nachhaltige Veränderung zu verhindern. Schließlich ist der Markt für Heimtiere aller Art sehr groß und demzufolge sind damit auch wirtschaftliche Interessen verbunden. Auch haben sich viele Tierschutzvereine mit der derzeitigen Situation arrangiert, zumal sie letztendlich auch eine Form von Daseinsberechtigung darstellt.

Deshalb gibt es immer wieder einzelne Personen, die aus überwiegend eigenen Interessen die Erfolge unserer Arbeit schlichtweg in Abrede stellen. Sie wollen nicht verstehen, dass ein nachhaltiger Tierschutz und positive Veränderungen für die Tiere in den Köpfen der Menschen beginnen. Sie leugnen, dass mehr als 90% aller Beratungen, die weiterführend über unsere Fachleute in den Geschäftsstellen durchgeführt werden konnten, über den Erstkontakt an unseren Informationsständen erfolgten. Diese vermeintlichen Kritiker wollen nicht erkennen, dass unsere Mitarbeiter mit ihrer Arbeit Menschen erreichen, die sich normalerweise nicht für Tierschutz interessieren. Und sie wollen nicht begreifen, dass die Kollegen an den Infoständen unsere Botschafter auf zwei Beinen sind. Ihre Arbeit macht es überhaupt erst möglich, dass wir einen Zugang zu vielen Menschen bekommen, um unser Anliegen zu transportieren!

aktion tier Mitarbeiter informieren
Damit Tiere gar nicht erst im Tierheim landen: aktion tier Mitarbeiter informieren in einem Einkaufscenter zum Tierschutz. Foto: aktion tier e.V./Marut

Besonders unverständlich werden derartige polemische Angriffe auf unseren Verein, wenn man bedenkt, dass umfangreiche Aufklärung und Information z. B. im Bereich des Umweltschutzes zu unbestrittenen Erfolgen geführt hat. Organisationen wie GREENPEACE haben durch ihre publikumswirksamen Aktionen und Kampagnen zu einem ökologischen Denken und Handeln bei weiten Teilen der Bevölkerung beigetragen. Dabei haben sie versucht, den Menschen die Auswirkungen ihres Handelns auf z. B. die Klimaveränderung aufzuzeigen. Auch heute noch verwendet GREENPEACE den überwiegenden Teil seiner Einnahmen für Kampagnen, um seine Ziele nachhaltig in die Köpfe der Menschen zu pflanzen. Der Verein hat keine Auffangstationen für Wale ins Leben gerufen, weil er genau weiß, dass dies nicht möglich ist und nicht zu einer dauerhaften Verbesserung der Lebensbedingungen der Tiere führen würde.

Auch wir wollen nicht ein Tierheim nach dem anderen bauen und unterstützen oder ausschließlich Hunde- und Katzenfutter erwerben. Wir möchten, dass Tiere gar nicht erst in einem Tierheim landen! Und als offenkundig einzige große Tierschutzorganisation sehen wir die als einen wesentlichen Kernaspekt an, Tierschutz im Sinne des Tieres auch dauerhaft praktizieren zu können. Und warum sollte diese, seit Jahren im Umweltschutz erfolgreich praktizierte Vorgehensweise nicht auch zu nachhaltigen Verbesserungen im Tierschutz führen?

Ohne die Unterstützung der Öffentlichkeit hat der Tierschutz keine Chance

Trotzdem verschließen wir nicht die Augen vor dem bereits vorhandenen Tierleid. Jahr für Jahr stellen wir neben unseren anderen Aktivitäten zwischen 4 und 5 Mio. € zur Förderung von lokalen Tierschutzvereinen oder aber für den Unterhalt unserer eigenen Einrichtungen zur Verfügung. Das schafft keine andere Tierschutzorganisation in Deutschland – auch nicht diejenigen, deren Funktionäre sich nicht zu schade sind, einzelne Attacken gegen unseren Verein verbal zu unterstützen. Wie ein derartiges Verhalten mit dem eigentlichen Ansinnen des Tierschutzes zu vereinbaren ist, wird wohl immer das Geheimnis dieser Personen bleiben.

Dieser Umstand ist ein besonderes Phänomen im Tierschutz. Es gibt kaum einen anderen Bereich, in dem so unsachlich und emotional argumentiert wird. Jedes Vorstandsmitglied eines Tierschutzvereines kennt die verbalen Attacken, die sofort einsetzen, wenn man sich für ein Vorstandsamt zur Verfügung gestellt hat. Bezeichnenderweise kommen Angriffe immer von denjenigen, die nicht bereit waren, ihrerseits eine derartige Verantwortung zu übernehmen. Daran musste sich auch der Vorstand von aktion tier gewöhnen und wird wohl auch in der Zukunft damit leben müssen. Dies gilt aber nicht für unsere Mitarbeiter und deren Einsatz zum Wohle der Tiere. Sie haben ein Recht darauf, dass ihre Arbeit sachlich gewürdigt wird und sie nicht Opfer von Verunglimpfungen werden. Gerade die einzelnen Mitarbeiter an den Informationsständen leisten täglich Schwerstarbeit, denn nicht jeder „Durchschnittsbürger“ hat ein offenes Ohr für die Belange des Tierschutzes und ist bereit, sein eigenes Handeln zu reflektieren. Und über ihre eigentliche Aufgabe der Aufklärung im Tierschutz hinaus haben die Frauen und Männer an unseren Ständen außerdem dazu beigetragen, dass unsere Organisation einen hohen Bekanntheitsgrad in Deutschland erreicht hat. Wir sind präsent, wir sind ansprechbar und wir werden von den Menschen wahrgenommen. Wahrscheinlich ist dies der wesentliche Grund dafür, dass einzelne Verbandsfunktionäre anderer Organisationen versuchen, unsere Arbeit zu diskreditieren. Schließlich werden die eigenen Aktivitäten dadurch von vielen Menschen kritischer hinterfragt und man muss sich einem gewissen Wettbewerb stellen.

Für alle Organisationen gilt, dass sie ohne die Unterstützung aus der Bevölkerung ihre Vereinsziele nicht oder nur eingeschränkt umsetzen können. Da wir über den Rückhalt von rund 200.000 Mitgliedern verfügen, können wir in allen Bereichen deutlich mehr leisten als jede andere Organisation, die bundesweit im Tierschutz tätig ist.

Wir wünschen uns, dass sich unserer Mitglieder kritisch mit unseren Zielen auseinandersetzen und für sich selber entscheiden, ob sie unsere Vorgehensweise bei der Umsetzung unserer Vereinsziele für nachvollziehbar halten und mittragen wollen. Auch wenn Einzelne der Meinung sind, dass wir unsere Aufgaben anders gewichten sollten. Wir sind nach wie vor vom Erfolg unseres Konzeptes überzeugt!

Auch müssen die von uns unterstützen Tierschutzvereine sich bei aller Not darüber im Klaren sein, dass aktion tier es weder als nachhaltig noch als sinnvoll erachtet, sich immer wieder nur mit den Auswirkungen der menschlichen Gedankenlosigkeit zu beschäftigen. Und dass wir unseren Satzungsauftrag noch besser umsetzen können, wenn uns die lokalen Tierschutzvereine dabei unterstützen. Denn Tiere sollten nicht in einem Tierheim leben müssen und jedes bereits darin befindliche ist eines zu viel!

Holger Knieling

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