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Querungshilfen für Wildtiere – grüne Brücken

Laut Angaben des ADAC belaufen sich die Baukosten je Grünbrücke in Deutschland auf ein bis drei Mio. Euro. Derzeit gibt es deutschlandweit 36 Grünbrücken. Foto: © Philipps Foto: H. Philipps

Von Heike Philipps, September 2013. Eine Grünbrücke ist eine Brücke über eine Autobahn, Bundesstraße oder Schienentrasse, die den Wildtieren das sichere Queren dieser Verkehrswege ermöglichen soll. Damit Grünbrücken von Wildtieren angenommen und benutzt werden, sollten sie lt. BUND eine Breite von mindestens 50 m aufweisen und locker mit Sträuchern und Bäumen bepflanzt sein.

Holzwände oder Erdwälle entlang der seitlichen Ränder der Grünbrücken haben sich als wirksame Abschirmung gegen Lärm und Scheinwerferlicht bewährt. Erfahrungsberichte zeigen, dass Grünbrücken von einer größeren Anzahl von Tierarten angenommen und genutzt werden. Viele ehrenamtliche Naturschutz- Akteure wissen, dass die alle Jahre wieder zur Krötenwanderzeit fälligen Einsätze bei Wind und Wetter eine außerordentliche Ausdauer, Beweglichkeit und vor allem witterungsfeste Kleidung erfordert. Das Eingraben von Eimern, Ziehen von Stoffbahnen und regelmäßige Aufsammeln der Kröten ist überaus schweißtreibend und kräftezehrend in jeder Hinsicht. Nicht weniger anstrengend ist das Anlegen von Benjes-Hecken. Parallel zu Straßen angelegt, dienen diese als Verbindungen von Biotopen oder Grünflächen und veranlassen Wildtiere zum Verweilen, statt die Straße zu queren. Diese Maßnahmen mindern die Zahl der Tier-Unfallopfer auf der Straße erheblich und werten die schwindende Qualität der Lebensräume punktuell etwas auf. Deutschland besitzt eines der engsten – und weiter dichter werdenden – Straßennetze in Europa. Nach Zahlen des BUND führend rund 13.000 km Autobahnen, 120.000 km Fernstraßen und mehr als 33.000 km Bahnschienen durch das Land. Für viele Tiere stellen diese Infrastrukturen nahezu unüberwindliche Hindernisse dar. Die rückläufige Zahl der ehrenamtlich im Bereich des aktiven Natur- und Tierschutzes Tätigen macht sich zunehmend bemerkbar. Sie können bei immer weiter steigender Zahl der Straßen die eigentlich notwendigen Arbeitseinsätze kaum mehr bewältigen. Deshalb kommen Grünbrücken als Querungshilfen für viele Arten von Wildtieren gerade Recht. Positive Erfahrungswerte rücken Grünbrücken glücklicherweise immer mehr in den Fokus von Ausgleichsund Ersatzmaßnahmen, nicht nur bei neuen Straßenbauabschnitten, sondern auch beim Straßenaltbestand.

Ca. 500.000 Igel und 250.000 andere Wildtiere werden in Deutschland pro Jahr überfahren

Ende der 80er Jahre ergab eine durch Igelfreunde bundesweit (seinerzeit auf die alten Bundesländer beschränkte) initiierte Zählung von Igel-Unfallopfern auf der Straße eine Zahl von 500.000 überfahrenen Igeln pro Jahr. Geht man vorsichtig schätzend davon aus, dass (nur) ein Drittel dieser Gesamtzahl Igelweibchen waren, erhöht sich die Zahl der damaligen Unfallopfer noch um die verendeten, nicht mehr versorgten Jungtiere. Seitdem sind die damals nicht miterfassten neuen Bundesländer und die zahlreichen Straßenneubauten und der Anstieg des Kfz-Verkehrsaufkommens hinzugekommen. Laut Veröffentlichungen des BUND sterben außerdem rund 250.000 Rehe, Hirsche und Wildschweine jedes Jahr auf Deutschland Straßen. Bei Wildunfällen kamen in Deutschland laut Angaben des Statistischen Bundesamtes in den letzten 10 Jahren ca. 2.700 bis 3.500 Menschen jährlich zu Schaden. In dieser Zeit waren Untertunnelungen der Straßen als Lösung für das Problem im Gespräch. Nachteilig waren bei dieser Variante eine die Wildtiere befremdende, naturferne Betonunterführung, bei Starkregenfällen deren Volllaufen mit Wasser und vor allem das Fehlen von schützender und zur Benutzung animierender Begrünung. Videofilme bestätigten zwar eine zögerliche Benutzung dieser Tunnel-Trassen durch Wildtiere, belegten aber auch das skeptische und vorsichtige Begehen und immer wieder Umkehren der Nutzer, von der Kröte über den Igel bis zum Fuchs. Von Huftieren wie Rothirsch, Reh und Wildschwein werden solche Unterführungen jedoch meistens nicht benutzt. Tiere scheuen sich, durch dunkle, oft enge und lange Tunnel zu gehen.

Als Gegenbeispiel wurde lt. BUND im Zeitraum von 2005 bis 2008 die Grünbrücke über die A 11 im Biosphärenreservat Schorfheide- Chorin rund 19.000 Mal von Wildtieren benutzt. Jedes Tier, das mit Hilfe einer Grünbrücke eine Straße ohne Lebensgefahr überwindet, stellt dabei auch gleichzeitig keine Gefahr für Autofahrer mehr dar. Uns Wildtierschützern wäre es zugegebenermaßen am liebsten, wenn von weiteren Straßenneubauten weitgehend abgesehen würde, um der noch stärkeren Landschaftszerschneidung und Biotoptrennung entgegen zu wirken. Aber sinnvoll geplante Grünbrücken sind eine geeignete Kompromisslösung, die durchaus Tier- und Menschenleben retten und zudem auch die Landschaft optisch aufwerten. Der Bau von Grünbrücken und Wildtiertunneln fällt unter „Ausgleichsmaßnahmen“, die das Bundesnaturschutzgesetz für neue Straßen fordert. Laut Bundesamt für Naturschutz befinden sich derzeit in Deutschland 14 solcher Querungshilfen im Bau. Der BUND merkt jedoch kritisch an, dass es um die Entscheidung für jede einzelne Brücke nach wie vor einen Kampf auszufechten gelte… Leider mangelt es hier auch beim Bund der Steuerzahler (noch?) an Einsicht: Grünbrücken werden mit vermutungsgestützten Stellungnahmen als Verschwendung von Steuergeldern verunglimpft.

Grünbrücken werten auch das Landschaftsbild auf

Auch die Gestaltung der Grünbrücke bestimmt, wie gut die Tiere sie annehmen. Die Erfahrung hat gezeigt, dass fetter Mutterboden eine sehr dichte Vegetation begünstigt, so dass hier viele Tierarten nicht hindurch kommen. Heute wählt man Boden mit Bedacht: Magerrasen, Büsche und Bäume zieren die neu angelegten Querungswege. Untersuchungen zur biologischen Wirksamkeit haben gezeigt, dass Grünbrücken nicht nur von größeren Wildtieren zur Querung benutzt werden, sondern auch von wirbellosen Tieren wie Faltern, Spinnen und Käfern. Leider wurden bei Versuchsreihen zur Dokumentation von Tierwanderungen mittels Messung per Infrarotschranken lediglich Tierarten ab der Größe eines Fuchses erfasst. Das ist wohl auch der Grund, warum der Igel als Nutzer von Grünbrücken leider kaum oder gar nicht genannt wird.

FAZIT: Grünbrücken sind nicht nur positive Beispiele sinnvoller Lebensraumvernetzungen, sondern sie werten auch das Landschaftsbild auf und sind den Wildunterführungen vorzuziehen, da sie von einer größeren Anzahl von Tierarten angenommen und genutzt werden. Mit Sicherheit profitieren von ihrer Zweckmäßigkeit auch Igel: Grünbrücken helfen ihnen nicht nur, sicher über die Straßen zu gelangen, sondern sie sorgen zusätzlich für einen gedeckten Tisch, denn auch des Igels Nahrung wandert über die Grünbrücken!