Insekten, Spinnentiere und Schnecken

Der Schwarzblaue Ölkäfer

Dieses außergewöhnliche Insekt mit der lateinischen Bezeichnung Meloe proscarabaeus hat viele deutsche Namen, die sich alle auf bestimmte Eigenschaften beziehen. Zum Beispiel wird der Käfer wegen der unförmigen Gestalt der Weibchen und der Jahreszeit, in der man ihn mit viel Glück zu Gesicht bekommt, auch `Maiwurm` genannt.

Der Ölkäfer war 2020 das "Insekt des Jahres". Foto: © aktion tier e.V. / U. Bauer

Im Frühsommer ist das Weibchen mit dem Legen von unglaublichen 4.000 – 10.000 Eier sehr beschäftigt. Sein Hinterleib ist dann zum Platzen aufgebläht, bevor es die Eier zur mehreren in lockerer, sandiger Erde vergräbt. Deren Entwicklung zur Larve dauert ein ganzes Jahr, so dass erst im darauffolgenden Frühjahr die Winzlinge an die Oberfläche kriechen und auf eine Blüte klettern. Hier warten sie geduldig, bis ein Besucher vorbeikommt. Ob Schwebfliege, Wespe, Honigbiene oder ein anderer Käfer - die Ölkäfer-Larven heften sich an so ziemlich alles an. Aber nur eine solitär lebende Wildbiene, die im Boden nistet, sichert ihnen das Überleben.

Gefährlicher „blinder Passagier“

Ein echter Glücksfall ist eine Erd- oder Sandbiene der Gattung Adrena. Schafft es die Maiwurm-Larve, sich an einem Exemplar festzuklammern, landet sie in einem bis zu 60cm tiefen, mehrfach verzweigten Nistgang im Boden. Am Ende jedes Ganges hat die Sandbiene eine Brutzelle angelegt, mit Pollen und Nektar gefüllt und darauf jeweils ein Ei gesetzt. Ölkäferlarven sind Brutparasiten. In einer Brutzelle angekommen, machen sie sich über das Ei und die süße Nährlösung her. Sie wachsen und gedeihen prächtig, häuten sich mehrmals und verpuppen sich schließlich im Herbst. Den Winter verbringen die Puppen weiterhin im Boden.

Gemeine Sandbiene
Gemeine Sandbiene Foto: Hans Braxmeier / Pixabay

Nach zwei langen Jahren der Entwicklung schlüpft im Frühjahr dann schließlich der fertige Käfer. Kein Wunder, dass es von Tausend Maiwurm-Eiern im Durchschnitt nur ein einziges Individuum bis zum erwachsenen, geschlechtsreifen Insekt (Imago) schafft. Dieses Erwachsenen-Stadium dauert dann allerdings nur längstens 2 Monate, während derer auch noch die Paarung und für das Weibchen das Eierlegen von Statten gehen muss.

Hände weg!

Die komplizierte Entwicklung ist nicht die einzige Besonderheit am Maiwurm. Er produziert außerdem ein Sekret, welches das starke Reizgift Cantharidin enthält. Bei Gefahr kann er es durch Poren in den Beingelenken pressen. Die hervortretenden ölglänzenden Tröpfchen führten zum Namen `Ölkäfer`. Das Gift soll den Maiwurm gegen natürliche Feinde wie Laufkäfer schützen und sogar in den Eiern finden sich winzige Menge davon. Erstaunlicherweise sind einige Fressfeinde wie Igel und Vögel gegen das Cantharidin immun. Auf Menschen wirkt es jedoch schon in kleinen Dosen stark giftig und erzeugt unter anderem Blasen auf der Haut, was dem Maiwurm auch den Namen `Blasenkäfer` eingebracht hat. Dass ein verzehrter Käfer zum Tode führt, machten sich zum Beispiel die antiken Griechen für Hinrichtungen zu Nutze. Mörder fanden ebenfalls Gefallen an diesem schwer nachzuweisenden „Tatwerkzeug“. Auch in der Medizin wurde früher mit dem Ölkäfer-Gift mehr oder weniger erfolgreich herumexperimentiert. Zum Beispiel, indem zermatschte Tiere als Paste aufgelegt wurden (=Pflasterkäfer).

Gefährdung und Schutz

Der Schwarzblauer Ölkäfer ist zwar von Europa über Asien bis nach Nordafrika verbreitet, dennoch bekommt man ihn nur selten zu Gesicht. Das liegt zum einen an seiner hochspezialisierten Entwicklung, seiner nur wenige Wochen dauernden Lebensphase als erwachsener Käfer sowie seiner eingeschränkten Mobilität. Denn aufgrund seiner zurückgebildeten Stummelflügel ist er flugunfähig und bewegt sich ausschließlich langsam am Boden fort.

Hinzu kommt, dass die Bestände dieses bemerkenswerten Insekts seit Jahren zurückgehen. In der Roten Liste Deutschlands ist er als „gefährdet“ eingestuft. Hauptursache ist der Verlust geeigneter Lebensräume wie Magerrasen, trockenwarme Ruderalflächen und Waldränder, sonnenexponierte Sandwege, Brachen oder stillgelegte Sandgruben. Diese in unserer Kulturlandschaft oft nur noch inselartig verstreut vorkommenden Habitate verschwinden zunehmend durch landwirtschaftliche Intensivierung, die schnelle Rekultivierung von Abbauflächen sowie einen falsch verstandenen Ordnungssinn (z.B. Sanierung von Wegen mit Schotter oder Asphalt).

Besonders problematisch ist dabei, dass auch bodennistende Wildbienen, an die der Ölkäfer eng gebunden ist, unter dem Verlust dieser Lebensräume leiden. Bereits heute gelten bis zu 60% der auf magere, offene Sand-, Löss- oder Lehmböden spezialisierten Arten als gefährdet oder sogar vom Aussterben bedroht. Ohne diese Wildbienen haben auch der Ölkäfer keine Überlebenschance.

Derzeit sind in Deutschland etwa elf heimische Arten der Gattung Ölkäfer bekannt. Alle sind nach dem Bundesnaturschutzgesetz und der Bundesartenschutzverordnung besonders geschützt. Man darf sie weder beunruhigen noch fangen, verletzen oder töten. Auch ihre Larven und die Eier im Boden stehen unter Schutz.

Ursula Bauer

Diplom-Biologin bei aktion tier – menschen für tiere e.V.