Glücklicherweise half der Finder und konnte mit Geduld und Vorsicht das Tier aus der größten Verstrickung befreien und nach telefonischer Absprache zu uns in die Dienststelle bringen. Schnell wurde klar, dass der Vorfall dem kleinen Wildtier deutlich zugesetzt hatte. Bei der Ankunft zeigten sich klare Spuren der Einschnürungen. Auch im Bereich des Halses hatten sich Fäden verfangen, was zu einer zeitweisen Sauerstoffunterversorgung geführt hatte. Die Schleimhäute waren zyanotisch, also bläulich verfärbt. Mehrere Gliedmaßen waren eingeschnürt. Einige Netzfäden mussten vor Ort noch vorsichtig entfernt werden. Das Tier wirkte erschöpft, zugleich aber sehr wehrhaft. Wildtiere geraten unter Stress schnell in einen kritischen Zustand, daher durfte sich das Eichhörnchen nach einer kurzen Erstuntersuchung zunächst in einer warmen, ruhigen Umgebung erholen. Erst nachdem der erste Schock abgeklungen war, begann eine ausführliche Untersuchung.
Trächtige Eichhörnchendame gerettet
Ende Februar wurde ein Eichhörnchen zu uns in die Dienststelle der Tierrettung München gebracht. Der Finder hatte das Tier zuvor aus einer misslichen Lage auf einem Balkon im dritten Stock befreit. Dort hatte sich das Eichhörnchen in einem Netz verfangen und konnte sich nicht selbst daraus befreien.

Dabei fiel auf, dass der Kieferbereich leicht asymmetrisch wirkte und ein Stück von einem der beiden oberen Schneidezähne fehlte. Ein klares Zeichen für eine Fraktur oder echte Luxation des Kiefers lag nicht vor. Auch an den Pfoten waren Blutspuren sichtbar, vermutlich durch das verzweifelte Strampeln im Netz, doch gab es keine tieferen Verletzungen.
Wir hatten den Verdacht, dass das Eichhörnchen trächtig sein könnte.
Da das Eichhörnchen sehr wehrhaft blieb und sich kaum sicher untersuchen ließ, wurde eine kurze, leichte Sedation eingeleitet. Nur so konnten die möglichen Verletzungen sorgfältig beurteilt werden, ohne das Tier weiter zu stressen. Der erste Eindruck bestätigte sich. Der Kiefer zeigte zwar eine leichte Beteiligung durch den Vorfall, doch es gab keinen Hinweis auf eine Fraktur. Die übrigen Verletzungen beschränkten sich auf oberflächliche Veränderungen durch die Einschnürungen. Insgesamt bestand daher die berechtigte Hoffnung, dass sich das Tier vollständig erholen könnte. Beim Abtasten des Bauchraumes fiel uns jedoch noch etwas auf. Wir hatten den Verdacht, dass das Eichhörnchen trächtig sein könnte. Das Gesäuge war leicht angebildet. Um sicherzugehen, führten wir eine Ultraschalluntersuchung durch. Dabei bestätigte sich unser Verdacht, und somit gab es auch eine eindeutige Erklärung für das besonders energische Verhalten des kleinen Patienten. Auf dem Ultraschall waren die Föten und deren schneller Herzschlag zu sehen. Eine schöne und bewegende Entdeckung. Offenbar hatte die werdende Eichhörnchenmutter nicht nur um ihr eigenes Leben gekämpft, sondern auch um das ihrer ungeborenen Jungen.
Das Eichhörnchen wurde zur weiteren Diagnostik und Versorgung in die Klinik für Vögel, Kleinsäuger, Reptilien und Zierfische der LMU München in Oberschleißheim gebracht. Dort konnte es sich weiter stabilisieren und erholen. Nach kurzer Genesungszeit und ohne Hinweise auf bleibende Schäden durfte es schließlich wieder in die Freiheit entlassen werden.


