Ratgeber Tiermedizin

Erste-Hilfe-Maßnahmen für Haustiere – Schnelle Hilfe bei Notfällen

In einer Welt, in der Haustiere erfreulicherweise den Status von Familienmitgliedern erreicht haben, ist die Fähigkeit, in medizinischen Notsituationen besonnen und kompetent zu handeln, eine der wertvollsten Eigenschaften von Tierbesitzern. Wenn ein Hund plötzlich kollabiert oder eine Katze Anzeichen einer schweren Atemnot zeigt, entscheiden oft die ersten Minuten über den weiteren Verlauf der Genesung.

Foto: PIXELIO/Harald Reiss

Dieser Leitfaden führt durch die wichtigsten theoretischen und praktischen Grundlagen der Ersten Hilfe bei Kleintieren, ohne dabei den Anspruch zu erheben, eine tierärztliche Behandlung zu ersetzen. Vielmehr dient er als Brücke zwischen dem Unfallereignis und der professionellen Versorgung in der Tierarztpraxis.

Bevor eine einzige medizinische Maßnahme ergriffen wird, steht der Eigenschutz und die emotionale Kontrolle im Vordergrund. Tiere verfügen über eine feine Sensorik für menschliche Stresshormone. Panik überträgt sich unmittelbar auf das verletzte Tier, was dessen Herzfrequenz steigert und Schocksymptome verschlimmern kann. Auch im Flugzeug heißt es nicht umsonst: Setzen Sie sich selbst die Atemmaske auf und helfen dann den anderen. 

Daher ein praktischer Tipp zur Eigensicherung: Selbst der sanftmütigste Hund kann unter extremen Schmerzen instinktiv zubeißen. Das Anlegen einer Maulschlinge – etwa aus einer Mullbinde oder einem weichen Gürtel – ist eine Standardmaßnahme, sofern das Tier nicht erbricht oder unter Atemnot leidet. Bei Katzen hingegen empfiehlt sich das „Burrito-Prinzip“: Das Tier wird sanft, aber bestimmt in ein großes Handtuch eingewickelt, sodass nur der Kopf oder die zu behandelnde Stelle frei bleibt. Dies schützt den Helfer vor Krallen und beruhigt die Katze durch den begrenzten Raum.

Der Haltegriff beim Hund.
Der Haltegriff beim Hund. Foto: © tierrettung münchen

Nun folgt die Bestandsaufnahme – der ABC-Check

Im Notfall folgt die Beurteilung der Vitalfunktionen von Menschen und Tieren einem klaren Schema, das sicherstellt, dass lebensbedrohliche Zustände sofort erkannt werden.

A wie Atemwege:

Sind die Atemwege frei? Fremdkörper im Rachenraum oder Erbrochenes müssen vorsichtig entfernt werden. Dabei ist größte Vorsicht geboten, da die Patienten bei Manipulationen im Maul schnell zubeißen.

Atemwegs-Kontrolle beim Hund
Atemwegs-Kontrolle. Foto: © Dr. Tina Hölscher, aktion tier

B wie Belüftung:

Hebt und senkt sich der Brustkorb? Die normale Atemfrequenz liegt beim Hund bei ca. 10 bis 30 Zügen pro Minute, bei der Katze bei 20 bis 40. Flaches, hektisches Hecheln oder eine reine Bauchatmung sind Alarmsignale.

C wie Circulation:

Hier gibt die Farbe der Schleimhäute auf der Maulinnenseite am Zahnfleisch Aufschluss. Sie sollte blassrosa sein. Um die Kreislaufsituation zu checken, hebt man zudem die Lefze an und drückt kurz mit dem Finger auf das Zahnfleisch. Es sollte sich nun dort, wo der Finger draufgedrückt hat, eine weiße Stelle bilden, die spätestens zwei Sekunden nach dem Loslassen wieder rosa wird. Dieser Zeitraum bezeichnet die sogenannte kapillare Füllungszeit. Bleibt die Druckstelle länger als zwei Sekunden weiß, liegt ein Schock oder ein massiver Blutverlust vor.

Mund zu Nase Beatmung beim Hund.
Mund zu Nase Beatmung. Foto: © Dr. Tina Hölscher, aktion tier

Blutungen und Wunden

Starke Blutungen müssen sofort gestoppt werden. Genau wie beim Menschen ist ein Druckverband hier das Mittel der Wahl. Im ersten Moment darf auch ein Gürtel oder eine Hundeleine hierfür benutzt werden. Für Verbände, die über mehrere Tage angelegt werden, sind Tupfer, Mullbinden, Polsterwatte sowie elastische Binden geeignet. Ein korrekt sitzender Verband darf nicht zu locker und nicht zu fest sitzen. Er sollte immer das Gelenk miteinschließen, das über der Verletzung sitzt, damit er nicht abrutscht. Bei Pfotenverletzungen ist es extrem wichtig, die Zehenzwischenräume gut auszupolstern, um Druckstellen zu vermeiden. Hierbei darf die Daumen- bzw. Wolfskralle nicht vergessen werden. Unterlässt man das Abpolstern, kommt es zu Nekrosen im Zwischenzehenbereich, die extrem schlecht zur Abheilung zu bringen sind. Unter dem Strich ist zu sagen: Besser kein Verband als ein schlecht angelegter. Im Prinzip gehört das Anlegen eines Verbandes in die Hände von Fachpersonal.

Ein oft unterschätzter Aspekt ist der Fremdkörper. Steckt ein Ast oder ein Glassplitter tief im Gewebe, sollte dieser niemals unbedacht herausgezogen werden. Der Gegenstand fungiert oft als „Pfropfen“, der die Blutung von innen eindämmt. In diesem Fall ist es besser, das Tier umgehend einschließlich des Fremdkörpers zum Arzt zu transportieren. Der kann die Blutung nach Entfernung des Fremdmaterials sofort fachgerecht stoppen.

Zwischenzehenpolsterung, Anlegen des Pfotenverbands.
Zwischenzehenpolsterung, Anlegen des Pfotenverbands. Foto: © Dr. Tina Hölscher, aktion tier

Hitzschlag und Unterkühlung – thermische Notfälle

Besonders im Sommer unterschätzen viele die Schnelligkeit, mit der die Körpertemperatur eines Hundes in einem geschlossenen Fahrzeug ansteigen kann. Ein Hitzschlag äußert sich durch extremes Hecheln, taumelnden Gang und dunkles Zahnfleisch. Ganz wichtig: Die Kühlung muss hier behutsam erfolgen. Zunächst sollten die Pfoten abgekühlt werden, dann arbeitet man sich langsam über die Läufe zum Körper vor. Ein schlagartiges Übergießen mit eiskaltem Wasser kann zum Herzstillstand führen.

Im Winter hingegen ist die Unterkühlung ein Thema, besonders nach Unfällen im Wasser. Auch hier gilt, Schritt für Schritt vorgehen. Das Tier muss langsam aufgewärmt werden. Zunächst können Wärmeflaschen, die eigene Körpertemperatur des Besitzers oder Decken zum Einsatz kommen, später darf es auch eine Heizmatte oder ein Föhn sein.

Ein Auto kann sich bei wärmeren Temperaturen sehr schnell aufheizen.
Ein Auto kann sich bei wärmeren Temperaturen sehr schnell aufheizen. Symbolbild: KI generiert

Leider keine Seltenheit – Vergiftungen

Hunde und Katzen sind täglich von Stoffen umgeben, die für sie giftig sein können. Während beim Hund oft Intoxikationen durch Schokolade, Weintrauben oder Rattengift auftreten, reagieren Katzen extrem sensibel auf ätherische Öle, bestimmte Zimmerpflanzen, Putzmittel oder Medikamente wie Paracetamol. Bei Verdacht auf eine Vergiftung gilt: möglichst schnell zum Tierarzt. Er weiß, ob es besser ist, das Tier durch die Verabreichung von Medikamenten zum Erbrechen zu bringen oder die Ausscheidung des Giftstoffs durch Förderung der Darmmotilität zu beschleunigen. Außerdem kann er symptomatisch behandeln. Niemals sollte der Tierbesitzer selbst versuchen, beim Tier Erbrechen auszulösen. Ätzende Substanzen könnten hierbei Speiseröhre und Rachen ein zweites Mal schädigen und die Situation verschlimmern.

Wichtig ist es, ein Tier an Untersuchungen beim Tierarzt zu gewöhnen.
Wichtig ist es, ein Tier an Untersuchungen beim Tierarzt zu gewöhnen. Foto: © tierrettung münchen

Sonderfall Magendrehung

Ein Albtraum für Besitzer vor allem großer Hunderassen ist die Magendrehung. Gerade war noch alles okay. Der Vierbeiner hat gefressen, im Anschluss gespielt und auf einmal geht es los: Das Tier versucht zu erbrechen, ohne dass etwas kommt, der Bauch bläht sich trommelartig auf und wird hart. Ab hier zählt jede Sekunde. Es gibt keine einzige Erste-Hilfe-Maßnahme vor Ort, die das Problem löst! Die alleinige Aufgabe des Helfers ist der schnellstmögliche Transport unter Vorankündigung in eine sehr gut ausgestattete Tierarztpraxis oder eine Tierklinik, die jeweils personell so besetzt ist, dass sofort operiert werden kann. Sonst kommt jede Hilfe zu spät.

Die Notfallapotheke für Zuhause und Unterwegs

Es sollte folgende Dinge enthalten: 

  • Mullbinden und selbsthaftende, elastische Binden sowie Polsterwatte 
  • Sterile Kompressen und Desinfektionsmittel (ohne Alkohol, z. B. Jodlösung) 
  • Ein digitales Fieberthermometer (rektale Messung ist beim Tier Standard; Normaltemperatur 38,0 bis 39,0 Grad Celsius) 
  • Eine Zeckenzange und eine Splitterpinzette 
  • Einwegspritzen (ohne Kanüle) zur Gabe von Flüssigkeiten oder zum Spülen von Wunden 
  • Maulkorb oder Mullbinde zur Sicherung

Ein gut sortiertes Erste-Hilfe-Set ist die Basis jeder Maßnahme.

Augenverletzungen und Insektenstiche

Ein zugekniffenes, tränendes Auge ist immer ein Notfall. Hornhautverletzungen sind extrem schmerzhaft und können sich binnen Stunden so verschlechtern, dass das Auge verloren ist. Hier gilt: Das Tier am Kratzen hindern und ab zum Tierarzt.

Insektenstiche können schmerzhaft sein und Schwellungen verursachen.
Insektenstiche können schmerzhaft sein und Schwellungen verursachen. Symbolbild: KI generiert

Insektenstiche per se können schmerzhaft sein und Schwellungen verursachen, heilen aber fast immer auch von alleine ab. Kühlung ist hier trotzdem gut. Sei es durch Kühlpads oder kaltes Wasser. Stiche im Maul- oder Rachenraum sind aber schon eine andere Liga. Sie können durch Schwellungen die Atemwege verlegen. Dann kann es gefährlich werden. Hier hilft notdürftig das Kühlen von außen mit Eisbeuteln und – falls das Tier kooperiert – das Anbieten von Eiswürfeln zum Lecken oder das Anbieten von kaltem Trinkwasser. Bei echten allergischen Reaktionen ist allerdings sofortige Hilfe durch den Mediziner nötig.

Der Krankentransport

Der Transport eines verletzten Tieres ist eine logistische Herausforderung. Ein instabiles Tier sollte vorsichtig auf einer festen Unterlage befördert werden, um innere Verletzungen nicht zu verschlimmern. Katzen befördert man am besten in ihrer gewohnten Box, die mit einer Decke abgedunkelt wird, um optische Reize zu minimieren. Es empfiehlt sich, während der Fahrt eine zweite Person zur Überwachung des Tieres dabei zu haben. Ein kurzer Anruf in der Praxis ermöglicht es dem Team, Vorbereitungen zu treffen, was im Ernstfall lebenswichtige Zeit spart.

Erste Hilfe kann Leben retten.
Erste Hilfe kann Leben retten. Foto: © aktion tier tierrettung münchen

Abschließend lässt sich festhalten, dass Erste Hilfe bei Hund und Katze kein starres Regelwerk ist, sondern eine Kombination aus Beobachtungsgabe, Reaktionsschnelligkeit, Mut, Empathie und vor allem auch technischem Grundwissen. Wer lernt, die Lebenszeichen seines Tieres im gesunden Zustand zu kennen, wird im Ernstfall Abweichungen schnell deuten können. Die wichtigste Regel bleibt jedoch: Im Zweifelsfall sollte man sich für den Tierarztbesuch entscheiden. Es ist besser, einmal zu oft wegen eines „Fehlalarms“ in der Praxis zu stehen, als eine lebensbedrohliche Situation zu spät zu erkennen.

Venenkatheter für Notfallmedikation.
Venenkatheter für Notfallmedikation. Foto: © Dr. Tina Hölscher, aktion tier
Dr. med. vet. Tina Hölscher

Tierärztin bei aktion tier – menschen für tiere e.V.