Gewinnen um jeden Preis? - Tierqual bei Olympia

Höher, weiter, schneller… der olympische Gedanke spornt an. Doch das, was im August bei den Olympischen Spielen in Tokio während des sogenannten 5-Kampfs des Reitturniers passierte, lässt sich nur schwer verstehen.

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Auf dem Springreitparcours des 5-Kampfs während der Olympischen Spiele in Tokio spielten sich dramatische Szenen ab, als die deutsche Olympia-Teilnehmerin Annika Schleu mit dem ihr zugeteiltem Pferd „Saint Boy“ schlussendlich vollkommen überfordert war. Die Szenen waren schwer zu ertragen, schlug sie in ihrer Verzweiflung, die Gold-Medaille vor Augen, mit der Gerte immer und immer wieder auf das völlig verängstigte Pferd ein und haute mit ihren Sporen fortwährend in den Bauch des Tieres, das sich mit weit aufgerissenen Augen und in Panik schlicht weigerte, über die Hindernisse zu springen.

Für großes Entsetzen sorgte auch die Reaktion der Bundestrainerin Kim Raisner, die mit Kommentaren wie „Hau drauf! Hau richtig drauf“, begleitet von einem Fausthieb auf das Pferd, die Situation noch anheizte. Annika Schleu musste am Ende Medaillenlos das Turnier verlassen, und Kim Raisner musste aufgrund der Entscheidung des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) inzwischen das olympische Gelände verlassen.

Aus Sicht des Tierschutzes sollte in jedem Fall der 5-Kampf in seiner jetzigen Form gestrichen werden. Denn innerhalb dieses Turniers wird dem Reiter ein ihm völlig unbekanntes Pferd zugeteilt, mit dem die 5. Prüfung absolviert werden soll. Wie soll das gutgehen oder funktionieren, wenn sich Reiter und Pferd nicht kennen?

Pferde sind keine Sportgeräte!

Pferde sind hochsensible Tiere, und es braucht Zeit, bis Mensch und Tier sich miteinander bekannt gemacht haben, um vor allen Dingen Vertrauen aufzubauen. Für diese Disziplin innerhalb des 5-Kampfs leiht sich der Turnierstall Pferde aus, oftmals aus Polen, da verständlicherweise Privatpferdebesitzer nicht bereit sind, ihre Pferde für derartige Veranstaltungen auszuleihen. Der durchaus nachvollziehbare Ehrgeiz der Sportler, schließlich gilt es zu gewinnen, stresst ohnehin, und wenn dann noch ein offenbar nervöses und von der Situation überfordertes Pferd zugeteilt wird (da Pferd Saint Boy hatte nämlich schon zuvor Hindernisse verweigert), dann eskaliert alles.

Man fragt sich, weswegen die Turnierrichter nicht entschieden haben, das Pferd aus dem Turnier herauszunehmen. Besser noch wäre es gewesen, die Reiterin Annika Schleu wäre von sich aus abgestiegen, hätte das Pferd vom Platz geführt und auf den Fortgang des Turniers verzichtet.

Update vom 07. September 2021

Von Sandy Both

Annika Schleu ist vom Weltverband UIPM freigesprochen worden. Man hatte ihr vorgeworfen, das ihr zugeloste Pferd "Saint Boy" übermäßig mit Gerte und Sporen angetrieben zu haben. Der Verband wies das aber zurück. 

Für die Bundestrainerin im Modernen Fünfkampf, Kim Raisner, hatte ihr ebenfalls stark kritisiertes Verhalten Konsequenzen. Sie wurde vom Disziplinarausschuss des Weltverbandes angewiesen, ein Trainingsseminar zum richtigen Umgang mit Pferden zu absolvieren. Erst im Anschluss daran könne die Trainerin erneut an den Wettkämpfen teilnehmen.

Update 05.11.2021

Der Weltverband UIPM hat entschieden, den Modernen Fünfkampf zukünftig ohne Reiten auszutragen. Welche Disziplin neu dazukommt, soll noch entschieden werden. Die Änderungen sollen wohl zu den Olympischen Sommerspielen 2028 in Los Angeles in Kraft treten.

Alexandra Pfitzmann

Redaktion "mensch & tier"