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Kein Grund zum Feiern: 50 Jahre Tönnies – Ein Blick hinter die Kulissen

In diesem Jahr wird die Tönnies Holding 50 Jahre alt. Zeit für uns, einmal hinter die Kulissen zu schauen. Die Firma entstand 1971 aus einem kleinen Fleischerbetrieb. Heute ist Tönnies mit einem Umsatz von mehr als sieben Milliarden Euro jährlich eines der größten Schlachtund Fleischverarbeitungsunternehmen Deutschlands. Allein im größten Schlachthof, dem Stammwerk Rheda-Wiedenbrück, werden pro Tag bis zu 30.000 Schweine geschlachtet. Insgesamt sind es pro Jahr mehr als 20 Millionen. Damit hat Tönnies einen Marktanteil von über 30 Prozent – niemand schlachtet so viele Tiere wie Tönnies.

Foto: Jan Peifer

Dabei ist das Unternehmen nicht nur Tierschützern ein großer Dorn im Auge: Der Gewinn, den Tönnies einfährt, wird auf Kosten der Tiere und auf Kosten der Mitarbeiter erwirtschaftet. Im vergangenen Jahr sorgte Tönnies im Zusammenhang mit der Ausbreitung des Corona-Virus wiederholt und nicht zum ersten Mal für negative Schlagzeilen. Unter den Arbeitern war das Virus so stark grassiert, dass zuerst ein Produktionsstopp samt Quarantäne für einige Angestellte und später sogar ein sogenannter Lockdown für den gesamten Landkreis verhängt wurde. Der Grund für das schnelle Ausbreiten war wohl die Unterbringung von Arbeitern unter hygienisch bedenklichen Zuständen. Schon lange ist die prekäre Situation von meist ausländischen Schlachtarbeitern in Deutschland und insbesondere im Umfeld von Großbetrieben wie Tönnies ein Politikum. Immerhin wurde der Corona-Ausbruch nun von der Politik zum Anlass genommen, die in der Branche verbreiteten Werkverträge abzuschaffen.

Leiharbeiter soll es in der Fleischindustrie künftig nicht mehr geben.

Nicht verbessern werden sich wohl die Lebens- und Leidenswege der Tiere, die für Tönnies und andere Großschlachtereien sterben müssen. Unabhängig von der Covid-19-Pandemie war es Tierschützern im vergangenen Jahr gleich mehrfach gelungen, die Bedingungen in Mastbetrieben zu dokumentieren, die für Tönnies produzier(t) en. Wenige Wochen nach dem Ausbruch des Erregers und der Schließung des Werkes wurden die ersten Videoaufnahmen veröffentlicht. Sie dokumentieren die Zustände in einem Tönnies-Zulieferbetrieb; einer Schweinemast in Rheda-Wiedenbrück. Die Bilder sind grausam, zahlreiche unbehandelte Verletzungen sind deutlich zu sehen. Viele Tiere weisen eitrige Entzündungen und Abszesse auf, auch sie offensichtlich unbehandelt. Die hygienischen Bedingungen in den Ställen sind verheerend, teilweise drückt die Gülle von unten durch die Spaltenböden.

Die Tiere sind gezwungen, in ihren eigenen Exkrementen zu leben. Insgesamt waren die Missstände so gravierend, dass das zuständige Veterinäramt Strafanzeige erstattete und die Nottötung von schwer verletzten Tieren anordnete.

Nur kurze Zeit später gelang es Tierschützern, in der größten Schweinemastanlage Niedersachsens erneut Haltungsbedingungen von Schweinen zu dokumentieren, die wohl auch für Tönnies bestimmt waren. Wieder zeigen die Bilder die gleichen Eindrücke: unzählige verletzte und kranke Tiere mit teils riesigen Tumoren, einige Schweine können nur noch humpeln. Eine (vorgeschriebene) Krankenbucht gibt es nicht, auch hier werden die Tiere offensichtlich nicht angemessen versorgt. Auch in diesem Betrieb müssen die Schweine – von Natur aus sehr reinliche Tiere – in ihren eigenen Fäkalien stehen und schlafen. Kurz vor Weihnachten schließlich konnten Aufnahmen aus einem dritten und vierten Betrieb veröffentlicht werden. Auch hierbei handelte es sich um Zuliefererbetriebe von Tönnies. Die Zustände in den Hallen unterscheiden sich kaum von den anderen, die Missstände in der Schweinehaltung sind Teil des Systems. Doch besonders erschreckend: In den letzten Betrieben konnte dokumentiert werden, wie Mitarbeiter mit Gewehren und Bolzenschussgeräten teilweise mehrfach auf Tiere schießen, um sie zu töten. Dies ist ein klarer Gesetzesverstoß. In allen Fällen wurde Strafanzeige gegen die Betreiber der Anlagen gestellt, die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Ein Milliardenunternehmen wie Tönnies lebt davon, dass Kosten geringgehalten werden. Ein einzelnes Schweineleben ist fast nichts mehr wert.

Die schrecklichen Zustände in den Mastanlagen werden wohl nicht nur in Kauf genommen, sondern nur durch genau solche Bedingungen ist das ganz große Geschäft auf Kosten der Tiere erst möglich. Die Bilder aus der aktuellen Recherche haben inzwischen auch die Politik erreicht. Die Landwirtschaftsministerin von Niedersachsen zeigte sich schockiert. Ob auch hier so deutliche Konsequenzen gezogen werden wie im Fall der Schlachthofarbeiter bleibt abzuwarten. Doch wer das grausame System nicht unterstützen möchte, der sollte einfach statt zu Fleisch zu einer der zahlreich verfügbaren pflanzlichen Alternativen greifen.

Die Veränderung beginnt auf dem Teller.

Jan Peifer

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