Aquakulturen | Nachhaltig leben und einkaufen

Seaspiracy, eine Netflix Dokumentation – Die stummen Schreie der Fische

Zu den erfolgreichsten Filmen der letzten Monate wurde eine verstörende Dokumentation über den Umgang von Menschen mit Meeren und Fischen. Seaspiracy wurde in kürzester Zeit zu einem der am meisten angesehenen Filme auf der Filmplattform Netflix. Der Titel Seaspiracy ist ebenso wie sein Vorgänger Cowspiracy eine Erweiterung des Wortes conspiracy (engl. Verschwörung) – diesmal im Zusammenhang mit der Ausbeutung der Weltmeere.

Die Netflix-Dokumentation „Seaspiracy“ zeigt die Überfischung der Meere auf.
Die Netflix-Dokumentation „Seaspiracy“ zeigt die Überfischung der Meere auf.

Mit drastischen und grausamen Bildern prangert der britische Filmemacher Ali Tabrizi die Überfischung der Meere ebenso an wie viele weitere Missstände im Dunstkreis der globalen Fischereiindustrie. Dazu gehört etwa die Delfinjagd im japanischen Taiji, der Handel mit Haifischflossen in Hongkong oder auch die verheerenden Probleme und Umweltzerstörung durch Lachsfarmen, sogenannte Aquakulturen. Nicht nur Fische und Meerestiere leiden unter der Fischindustrie, auch Menschen fallen ihr zum Opfer. So lässt der Film neben vielen Experten und Umweltschützern auch Arbeiter zu Wort kommen, die Opfer von Sklaverei auf See geworden sind. Eines der Hauptanliegen des Films ist es, auf die ungeheure Dimension der Umweltzerstörung aufmerksam zu machen, die heute durch die industrialisierte Fischerei verursacht wird.

Das Ausmaß von Ausbeutung und Zerstörung wird jedoch besonders deutlich, wenn die Begleiterscheinungen benannt werden. So werden etwa durch Schleppnetzfischerei enorme Flächen Meeresboden verwüstet, Korallen zerstört und Lebensräume vernichtet. Meeresböden in der Größe von unglaublichen 4.000 Fußballfeldern werden laut den Filmemachern pro Minute zerstört. Hinzu kommt, dass viele Netze verloren gehen und als Geisternetze zur tödlichen Falle für sämtliche Meeresbewohner werden.

140 Millionen Tonnen Fisch werden pro Jahr gefangen bzw. in Aquakulturen gezüchtet (der Anteil von Fischen aus Aquakulturen beträgt mittlerweile bis zu 40%); dabei werden weltweit etwa 90 Milliarden US-Dollar umgesetzt. Mehr als zwei Drittel aller Fischarten gelten als maximal befischt, 33% der Fischbestände gelten bereits als überfischt.

Ein weiteres Problem ist der Beifang.

Je nach Fischereimethode macht dieser bis zu 80% des eigentlichen Fangs aus. Genaue Zahlen gibt es hier nicht. Tier- und Umweltschützer gehen davon aus, dass etwa hundert Millione n Haie und Rochen, mehr als 300.000 Wale und Delfine, 200.000 Meeresschildkröten sowie unzählige Seevögel und weitere Fische betroffen sind. In der Regel werden sie nach dem Fang schwer verletzt oder tot als Abfall über Bord geworfen.

Der Film beleuchtet weltweite Probleme, manchmal verallgemeinert er dabei, andere Themen werden nur oberflächlich behandelt. Daher rief er besonders unter Tier- und Umweltschützern auch kritische Reaktionen hervor. So ist es sicherlich eine logische Schlussfolgerung, aus Protest zum völligen Verzicht auf den Konsum von Fisch aufzurufen. Der Verzicht – insbesondere in den westlichen Industriestaaten – wäre ein deutliches Zeichen und im Sinne der Nachhaltigkeit sicherlich angeraten. Andererseits sind aber fast eine Milliarde Menschen vor allem in ärmeren und Entwicklungsländern vom Fischfang abhängig. Ihnen stehen nicht die gleichen Möglichkeiten und auch Alternativen wie uns zur Verfügung. Besonders Menschen im globalen Süden leiden darunter, dass ihre Küstengewässer durch große Trawler leergefischt werden und damit ihre Nahrungsgrundlage angegriffen wird. Eine Szene des Films macht dies in aller drastischen Deutlichkeit klar: Zwei afrikanische Fischer rudern in ihrem Kanu auf eine der großen, schwimmenden Fischfangfabriken zu, sie deuten auf ihre Münder: Sie leiden Hunger, weil ihre Fischgründe geplündert werden.

Der größte Müllstrudel im Pazifik, der sogenannte „Great pacific garbage patch“, war 2018 einer Studie zufolge bereits dreimal so groß wie Frankreich – er besteht fast zur Hälfte aus solchen Netzen.

Seaspiracy macht schon in der Einleitung darauf aufmerksam, dass die Meere die Wiege allen Lebens sind. Tabrizi warnt davor, dass bereits 2048 die Meere leergefischt sein könnten. Diese Aussage gilt unter Kritikern bereits als widerlegt. Doch eines wird Seaspiracy sicher erreichen: Menschen zum Nachdenken anregen. Angesichts der verstörenden Aufnahmen sollte und wird sich jeder Zuschauer selbst fragen müssen, was er oder sie dazu beitragen kann, die Meere und das kostbare Leben in ihnen zu schützen.

Jan Peifer

Verwandte Nachrichten