Logo Aktion-Tier

Nackte Tiere

Nacktkatze
Viele Tierliebhaber wissen einfach nicht, was sie mit dem Kauf eines bestimmten Rassetieres anrichten. Foto: ronymichaud / CC0 1.0 Universell CC0 1.0
Chinesischer Nackthund.
Chinesischer Nackthund. Foto: © aktion tier e.V./Bauer
 
 

Von Dr. Tina Hölscher, April 2016. Mittlerweile gibt es fast alles: nackte Hunde, nackte Katzen und sogar nackte Meerschweinchen. Eines haben sie alle gemeinsam. Von der Natur waren sie so nicht vorgesehen. Menschen hatten hier ihre Hände im Spiel. Durch gezielte Züchtungen wurde den Tieren das Fell genommen. Die Krux dabei – die armen Kreaturen haben nicht nur keinen Schutz gegen Sonne und Kälte. Nein, sie haben zudem etliche andere genetische Defekte, die gemeinsam mit der Haarlosigkeit vererbt werden.

Doch wie kommt der Mensch überhaupt auf die Idee, den Tieren das Fell zu nehmen? Einige Tierliebhaber scheinen dies schlicht schön zu finden. Die Haut der nackten Tiere ist besonders warm und weich. Sie ist angenehm anzufassen, fast wie menschliche Haut. Doch die Haut ist vor allem deshalb so warm, weil sich das Tier ständig aufheizen muss, da es nicht durch seine Körperbehaarung gewärmt wird. Der Wärmeverlust, der durch das nicht vorhandene Fell anfällt, ist enorm. Daher müssen nackte Tiere immer deutlich mehr Futter aufnehmen als befellte. Nur so können sie ihre Körpertemperatur überhaupt stabil halten. „Kleider“ haben sie schließlich nicht. Im Sommer hingegen haben nackte Tiere ein anderes Problem. Sie sind der Sonne schutzlos ausgeliefert. Allzu leicht fangen sie sich einen Sonnenbrand ein, mit allen Folgen, die dies auch für die menschliche Haut haben kann.

Abgesehen von der vermeintlichen Schönheit der unbehaarten Tiere gibt es einen weiteren Grund, der den Mensch dazu veranlasst hat, Tiere ohne Fell zu züchten. Es hält sich hartnäckig die Mär, haarlose Tiere seien gut für Allergiker geeignet. Dies ist schlichtweg nicht richtig. Allergiker reagieren auf Hautschuppen, den Speichel und das Urin der Tiere. Mit der Behaarung hat das allenfalls nur sehr indirekt etwas zu tun. Die Haare der Tiere können als Transportmedium für die Hautschuppen dienen. Je weniger Haare, umso weniger Transportmittel finden die Schuppen, um in wirklich jedes Eck der Wohnung fliegen zu können. Doch wenn ein Mensch allergisch auf Tiere reagiert, ist es ihm unmöglich, ohne Medikation mit einem Vierbeiner in einem Haushalt zu leben, sei es ein nacktes Tier oder eines mit Fell. Auf beide reagiert er gleichermaßen allergisch.

Das Immunsystem von Nackttieren ist äußert schwach

Doch die Folgen der Nacktzuchten gehen leider noch weit über das Frieren und den Sonnenbrand hinaus. So haben Nackthunde häufig schwere Gebissanomalien, die mit der Haarlosigkeit gemeinsam vererbt werden. Ihnen fehlen die ersten Backenzähne, oft zudem auch die Vorder- und Fangzähne. Außerdem haben sie ein geschwächtes Immunsystem, was sie viel schneller krank werden lässt als ihre Artgenossen mit Fell. Sie leiden an Allergien und verletzen sich leicht. Gleiches gilt für die nackten Meerschweinchen. Sie entwickelten sie aus Populationen, die ursprünglich für Laboratorien als Versuchstiere gedacht waren. Diese hatten so gut wie kein funktionsfähiges Immunsystem, damit die Forscher Krankheiten besser analysieren konnten. Kein Wunder, dass auch die Nachkommen dieser Versuchstiere keine guten Abwehrkräfte haben. Je nach Rasse fehlen ihnen zudem die Tasthaare am Kopf, die für die innerartliche Kommunikation wichtig ist. Dass auch diese Tierart große Probleme mit der Aufrechterhaltung ihrer Körpertemperatur hat, versteht sich von selbst. Groben Beißereien mit behaarten Artgenossen sind sie schutzlos ausgeliefert. Nacktkatzen haben ähnliche, aber vielleicht noch größere Probleme. Durch das Wegzüchten der Haare ging auch ihnen nicht nur das Fell verloren. Ihre Tasthaare mussten ebenfalls dran glauben. Diese langen Sinushaare, die im Bereich der Nase links und rechts vom Kopf abstehen, sind für Katzen essentiell. Sie benötigen diese, um sich zu orientieren und in der Dunkelheit zu ertasten, wie weit sich Gegenstände von ihrem Gesicht entfernt befinden. Beutetiere werden damit abgetastet. Unter Katzenkumpels wird mittels dieser Härchen geredet. Sie sind also von immenser Bedeutung für die sozialen Kontakte einer Katze.

In Deutschland haben wir ein Tierschutzgesetz, das den sogenannten Qualzuchtparagraphen enthält. Der verbietet die Zucht derartiger nackter Tiere, weil die Haarlosigkeit zu andauerndem Leiden der Tiere führt. Doch wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Will sich jemand unbedingt ein derartiges Tier zulegen, bekommt er es auch. Wenn er es nicht in Deutschland kaufen kann, besorgt er es sich eben in Osteuropa. Doch oft steckt tatsächlich Unwissenheit dahinter. Viele Tierliebhaber wissen einfach nicht, was sie mit dem Kauf eines bestimmten Rassetieres anrichten. Ihnen ist nicht klar, dass sie damit einen skrupellosen Züchterkreis unterstützen, dem nur der eigene Geldbeutel, nicht aber das Wohl der Tiere am Herzen liegt. Helfen Sie mit, aufzuklären. Wer Tiere liebt, sagt ganz klar „Nein“ zu nackten Tieren.

Nacktkatzen ohne Tasthaare sind Qualzucht (Nr. 33/2015)

Pressemitteilung vom 23.09.2015 Die Zucht von Nacktkatzen ohne funktionsfähige Tasthaare ist als Qualzucht anzusehen und verstößt daher gegen das Tierschutzgesetz. Dies hat das Verwaltungsgericht Berlin entschieden. Die Klägerin hält und züchtet Canadian-Sphinx-Katzen (sog. Nacktkatzen). Die Tiere haben aufgrund einer Genveränderung keine funktionsfähigen Tasthaare. Nach dem Tierschutzgesetz ist es verboten, Wirbeltiere zu züchten, wenn ihnen Körperteile für den artgemäßen Gebrauch fehlen oder diese untauglich sind und hierdurch Schmerzen, Leiden oder Schäden auftreten. Zur Vermeidung der Zucht kann die zuständige Behörde das Unfruchtbarmachen von Wirbeltieren anordnen. Das Veterinär- und Lebensmittelaufsichtsamt des Bezirksamts Spandau untersagte der Klägerin auf dieser Grundlage die Zucht und forderte sie auf, den von ihr gehaltenen Kater „Willi“ kastrieren zu lassen. Hiergegen wandte sich die Klägerin ohne Erfolg. Die 24. Kammer des Verwaltungsgerichts wies die Klage ab, nachdem sie zuvor ein tierfachärztliches Gutachten eingeholt und den Gutachter in der mündlichen Verhandlung befragt hat. Nach dessen Ausführungen seien Tasthaare ein wichtiges Sinnesorgan, das der Orientierung und der Kommunikation der Katzen diene. Daher sei deren Fehlen als Schaden und Leiden anzusehen. Die Kammer hat wegen grundsätzlicher Bedeutung der Sache die Berufung zum Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg zugelassen. Urteil der 24. Kammer vom 23. September 2015 (VG 24 K 202.14)


Einzelnachweise

Einige Online-Quellen/Einzelnachweise, die neben diverser Fachliteratur und Frau Dr. Hölschers persönlichen Erfahrungen als Tierärztin im Umgang mit Nackttieren bei der Erstellung des Artikels hinzugezogen wurden: