Haushunde

"Leinenrambos" – Wenn der Hund bei Spaziergängen regelmäßig ausflippt und was man dagegen tun kann

Das Wetter ist schön und lädt zu einem ausgiebigen Spaziergang mit dem Hund ein. Da es leider nicht immer möglich ist, mit dem geliebten Vierbeiner bis ins Hundeauslaufgebiet zu fahren, wird auch der Park um die Ecke für einen gemeinsamen Lauf genutzt. Doch dort herrscht Leinenzwang und damit beginnt für viele Hundebesitzer bereits das Problem: die Leinenaggression.

Von Leinenaggression ist immer dann die Rede, wenn der Hund im Freilauf ein normales Sozialverhalten zeigt, an der Leine jedoch aggressiv auf Artgenossen oder Menschen reagiert. Für viele Hundebesitzer ist die Leinenaggression ihres Hundes ein sehr anstrengendes und nervenaufreibendes Problem. Gerade bei größeren Hunden, die sich mit ihrem kompletten Gewicht in die Leine schmeißen, kann die Leinenaggression des eigenen Hundes auf Dauer auch körperliche Probleme bei Herrchen und Frauchen (und auch beim Hund) hervorrufen. Gerne kommen beim Menschen dann noch Gefühle wie Ohnmacht, Verzweiflung, Unverständnis, Scham und auch Wut dazu.

Leinenaggression

Von Leinenaggression ist immer dann die Rede, wenn der Hund im Freilauf ein normales Sozialverhalten zeigt, an der Leine jedoch aggressiv auf Artgenossen oder Menschen reagiert.

Doch das Aggressionsverhalten des Hundes gehört erstmal in das ganz natürliche Kommunikationsrepertoire und ist ein wichtiger Teil des Sozialverhaltens. Aggressionsverhalten basiert immer auf Gefühlen und Emotionen, die in diesem Fall eines gemeinsam haben: sie sind negativ belegt. Aggressives Verhalten wird dann gezeigt, wenn sich der Hund gegen eine (vermeintliche) Gefahr wehren muss oder eine (vermeintlich) wichtige Ressource verteidigen möchte. Was vom Hund als Gefahr und was als wichtige Ressource wahrgenommen wird, kann ganz individuell und von Hund zu Hund sehr unterschiedlich sein.

So verteidigt der eine Hund vielleicht die Leckerlies in der Tasche von Herrchen und Frauchen, während der andere Hund eventuell das auf der Wiese liegende Stöckchen als verteidigungswürdig einstuft. Aber auch Herrchen und Frauchen als Person, können als wichtige Ressource gesehen werden. Das Verteidigen der eigenen Unversehrtheit, kann nach einigen negativen Erlebnissen an der Leine, ebenfalls ein Auslöser für eine Leinenaggression sein.

Um das Problem lösen zu können, sollte zunächst die Ursache für das Verhalten gefunden werden. Warum reagiert der Hund an der Leine so und flippt regelrecht aus, wenn er einen Artgenossen sieht?

Individualdistanz

Als Individualdistanz wird der Abstand zu einem Individuum der gleichen Art bezeichnet, der notwendig ist um keine Ausweich – oder Angriffsreaktion auszulösen.

Ist die Individualdistanz gegeben, braucht der Hund also nicht auf einen anderen Hund zu reagieren, sondern kann diesen ohne Reaktion dulden. Wird die Individualdistanz unterschritten, wird der Hund auf den anderen Hund reagieren müssen.

Um das Problem lösen zu können, sollte zunächst die Ursache für das Verhalten gefunden werden.

Mögliche Ursachen für eine Leinenaggression

Einige mögliche Ursachen als Beispiel:

  1. Ein Hund, der eine recht große Individualdistanz braucht um sich sicher zu fühlen und den direkten Kontakt mit einem fremden Hund vermeiden möchte, wird an der Leine geführt. An der Leine kann er seine Individualdistanz nur selten selbst bestimmen.  Ein Ausweichen, stehen bleiben oder am Boden schnüffeln ist ihm durch die Leine nicht immer möglich. Er wird trotz seiner Versuche, deeskalierend zu kommunizieren, frontal auf den Hund zu geführt. Die Unterschreitung der benötigten Individualdistanz und die unter Hunden unfreundliche frontale Annäherung führen zu Emotionen wie Angst oder Wut, die das Aggressionsverhalten auslösen. Mit Erfolg – der andere Hundehalter weicht inklusive Hund aus.
  2. Ein unkastrierter Rüde trifft an der Leine auf einen weiteren potenten Rüden. Eigentlich möchte er diesen Konkurrenten nicht in „seinem“ Park haben und würde ihm, wenn er denn nicht an der Leine wäre und auf natürliche Weise kommunizieren könnte, durch verschiedene Verhaltensweisen wie beispielsweise Markierverhalten inklusive Scharren zeigen, dass dies „sein“ Park ist und der andere hier nichts zu suchen hat. Dass er dieses Verhalten nicht zeigen kann, löst negative Emotionen wie Frustration in ihm aus und den Konkurrenten hat er auch noch nicht vertrieben. Also entlädt der Rüde seinen Frust durch Aggressionsverhalten.
  3. Ein Hund, der bereits viele negative Erfahrungen mit anderen Hunden sammeln musste, bekommt inzwischen nur beim Anblick von ihm fremden Hunden panische Angst. Eigentlich möchte er gerne fliehen und sich in Sicherheit bringen. Die Leine hindert ihn an diesem Verhalten – eine Flucht ist unmöglich. Die negative Emotion Angst ruft Aggressionsverhalten hervor.
  4. Ein Hund der andere Hunde super findet, möchte gerne zu jedem Hund hin, der ihm entgegenkommt. Um den Hund daran zu hindern hat der Halter des Hundes in der Vergangenheit bereits häufig an der Leine geruckt und dadurch (vielleicht auch unbewusst) einen Schmerzreiz ausgelöst. Mit der Zeit entsteht bei dem einst freundlich gestimmten Hund eine Fehlverknüpfung. Fremder Hund = Ankündigung für Schmerzen. Als Folge dieser Erfahrung möchte der Hund den Auslöser vertreiben und reagiert mit Aggressionsverhalten.

Diese Beispiele geben nur einen kleinen Einblick in die Ursachen einer Leinenaggression. Eines haben sie jedoch alle gemeinsam: Der Hund erfährt an der Leine eine negative Emotion. Um nun ins Training zu starten, sollte man sich bewusst machen, dass man negative Emotionen nicht wegstrafen kann. Jedes aversive Einwirken auf den Hund, wie abdrängen, anschreien, mit Wasser bespritzen, an der Leine rucken, in die Flanke kneifen oder ähnliches wird noch mehr negative Emotionen in dem Hund hervorrufen und das Problem auf kurz oder lang vermutlich verschlimmern oder verlagern.

Im besten Fall schafft man es durch das aversive Einwirken das unerwünschte Verhalten zu unterdrücken. Das ursächliche Problem ist dadurch jedoch noch nicht gelöst und der Hund wird auch weiterhin negative Emotionen beim Anblick eines fremden Hundes haben. Zusätzlich bürgen aversive Trainingsmethoden mit Schmerz-, Angst- und Schreckreizen immer die Gefahr der Fehlverknüpfung, wie in Beispiel 4 dargelegt.

Was kann der Hundebesitzer nun tun?

Für ein erfolgreiches Training sollte also unter Einhaltung des Individualabstands zum Auslöser ein Alternativverhalten aufgebaut werden. Dies funktioniert nur, wenn ich die Alternative anbiete BEVOR der Individualabstand unterschritten wurde und mein Hund reagieren muss.

Ein Alternativverhalten könnte beispielsweise sein:

  • eine gemeinsame Aktivität mit dem Hundehalter (ein gemeinsames Spiel)
  • eine kleine Futtersuche
  • ein deeskalierendes Sitzen
  • Apportieren
  • oder eine Vergrößerung des Abstands

Im Idealfall ändert sich durch das aufgebaute Alternativverhalten die Erwartungshaltung des Hundes. So wird der Anblick eines fremden Hundes eine Ankündigung für etwas Positives.

Wie genau das passende Alternativverhalten aussehen kann, ist von Hund zu Hund genauso individuell wie die einzusetzende Belohnung in dieser Situation. Diese sollte für einen Trainingserfolg möglichst bedürfnisorientiert gewählt werden. Einem Hund, der sich mehr Distanz zum Auslöser wünscht, ist mit einer Futterbelohnung aus der Hand wahrscheinlich nicht lange geholfen, da sie das Bedürfnis nach mehr Abstand nicht berücksichtigt und befriedigt. Hier wäre dem Hund sicherlich mehr damit geholfen, wenn Herrchen und Frauchen mit ihm die Straßenseite wechseln oder dem entgegenkommenden Hund in einem großen Bogen ausweichen.

Wer sich unsicher ist, warum sein Hund regelmäßig an der Leine ausflippt und auch keine Idee dazu hat, wie ein sinnvolles Alternativverhalten zu der Pöbelei aussehen bzw. wie er dieses aufbauen kann, sollte sich vertrauensvoll an einen Hundetrainer in seiner Nähe wenden. Denn eines ist klar: Die Leinenaggression wird leider nicht von allein verschwinden.

Reaktionsmöglichkeiten eines Hundes – die 4 Fs

Ein Hund hat immer genau vier Möglichkeiten, auf eine Situation oder einen Reiz zu reagieren. Diese Reaktionsmöglichkeiten nennt man auch die 4 Fs.

  • Freeze/Faint (Einfrieren / Erstarren / eventuell Ausdruck von erlernter Hilflosigkeit)
  • Fight (Angriff / Kampf)
  • Flight (Flucht)
  • Fiddle about/ Flirt (spielerisch mit der Situation umgehen / soziale Interaktion / herumalbern)

An der Leine ist der Hund häufig in seinen natürlichen Verhaltensweisen eingeschränkt und es ist ihm nicht jede Reaktion möglich. Ein Hund, der beispielsweise nicht fliehen kann, weil ihn die Leine daran hindert, muss eine der anderen Reaktionsmöglichkeiten wählen und könnte sich beispielsweise für den Angriff entscheiden.

Ann Kari Sieme

aktion tier-Geschäftsstelle Berlin

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