Hauskatzen | Ratgeber Tiermedizin

Licht am Ende des Tunnels – FIP ist kein Todesurteil mehr

Bis vor Kurzem galt sie als unheilbar: die feline infektiöse Peritonitis (FIP), eine Viruserkrankung, die vor allem junge Katzen traf. Innerhalb weniger Wochen ging es den Tieren rapide schlechter, sie stellten das Fressen ein, und keine Therapie schlug an. Nicht mal eine eindeutige Diagnose konnte geäußert werden, denn diese zu stellen, ist bei FIP gar nicht so leicht.

Die Verläufe einer FIP-Infektion sind zunächst mild.
Die Verläufe einer FIP-Infektion sind zunächst mild. Foto: © Dr. Tina Hölscher, aktion tier

Das Ende dieses Trauerspiels besiegelte der Tod. Eigentlich fast immer. Eine Heilungschance gab es bis dato nicht. Doch nun zieht am Horizont ein Hoffnungsschimmer auf, die Fallberichte überlebender und genesener Katzen mehren sich. Endlich scheint es ein Mittel zu geben, das dem Virus Einhalt gebietet. Der Haken daran: In Deutschland ist das Präparat (noch) nicht zugelassen. Der Tierarzt kann und darf es nicht verabreichen.

Doch beginnen wir von vorne. Das Wesen der FIP-Erkrankung ist etwas kompliziert. Das Tier infiziert sich mit zunächst harmlosen Viren, die von anderen Katzen ausgeschieden wurden. Es handelt sich um Corona-Viren, die aber – und das soll hier in aller Deutlichkeit betont werden – nichts, aber auch rein gar nichts, mit den Viren zu tun haben, die unsere Gesellschaft vor einigen Jahren in Atem hielten. Lediglich aufgrund seines Aufbaus wird das Coronavirus der Katzen den Coronaviren im Allgemeinen zugerechnet und deshalb auch so benannt. Das Virus wird über den Nasen-Rachen-Raum der Katze aufgenommen und gelangt von dort in den Dünndarm. Hier vermehrt es sich und wird wiederum mit dem Kot ausgeschieden. Auf diese Weise werden weitere Katzen infiziert. Je mehr Stubentiger auf engem Raum zusammenleben und je wechselhafter sich die Tiergruppenzusammensetzung gestaltet, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung. Deshalb sind Katzen in Mehrkatzenhaushalten, Tierheimen oder Pensionen besonders gefährdet. Darüber hinaus behält der Erreger bis zu sieben Wochen auf bestimmten Oberflächen seine Fähigkeit, ein Tier zu infizieren. Das heißt, ist er einmal in einen Bestand hineingeraten, bekommt man ihn nur sehr schwer wieder eliminiert.

Es gibt auch eine Impfung gegen FIP. 

Ihre Verlässlichkeit ist allerdings sehr umstritten. Die Ständige Impfkommission (STIKO), die – was wenige wissen auch Impf-Empfehlungen für den Kleintierbereich abgibt – rät von der Impfung klar ab, da „die Wirksamkeit stark eingeschränkt sei“

Die Verläufe einer FIP-Infektion sind zunächst mild, teilweise gar nicht erkennbar und bis hierhin kaum der Rede wert.

Aufmerksamen Besitzern fällt allenfalls etwas weicherer Stuhl im Katzenklo oder die leicht erhöhte Körpertemperatur seines Lieblings auf. Diese Symptome verschwinden auch wieder, doch das Virus wird im Tierkörper nicht gänzlich eliminiert, sondern verbleibt in der Katze. Und jetzt kommt es: Bei etwa 5 % der Katzen verwandelt sich das Virus nach wenigen Wochen oder gar erst nach Monaten oder Jahren in eine sehr bösartige Form. Es wird vom (hier) harmlosen Coronavirus zum tödlichen FIP-Virus. Diese Mutation hat nur ein Gutes. Sie kann ab jetzt nicht weiter von Katze zu Katze übertragen werden. Doch in der betroffenen Katze richtet sie Übles an. Warum genau das Virus in der einen Katze mutiert und in der anderen nicht, wird vor allem auf die Stabilität des jeweiligen Immunsystems und dem Stress, dem die einzelne Katze ausgesetzt ist, zurückgeführt. Außerdem spielen das Alter des Tieres und die Aggressivität des Virusstammes eine entscheidende Rolle. Die meisten Krankheitsfälle treten bei Katzen auf, die jünger als ein Jahr sind.

Um das Virus abzuwehren, bildet die Katze Antikörper. Es kommt in der Folge zur Bildung von „Klumpen“ aus der Verbindung von Antigen, also dem Virus, und dem Antikörper, den das Tier zur Abwehr gebildet hat. Diese Klumpen sind es nun aber, die dem Körper zu schaffen machen. Die Organe können nicht mehr richtig arbeiten. Meist sind mehrere Regionen des Körpers betroffen. Häufig in Mitleidenschaft gezogen sind Leber, Niere und Darm, doch auch das Herz und die Lunge sind in der Regel schwer beeinträchtigt. Manchmal kommt es daher zu Ergüssen in den Körperhöhlen. Es finden sich Flüssigkeitsansammlungen im Brustkorb und im Bauchraum. Daher haben manche FIP-Katzen entweder Atemnot oder ein pralles Bäuchlein, das in diesem Zusammenhang leider nichts Gutes verheißt. Erkrankte Katzen fressen schlecht, zeigen veränderte Blutwerte, manche haben Gelbsucht und/oder Durchfall.

Ultraschalluntersuchung oder Röntgen liefern ein Gesamtbild.
Ultraschalluntersuchung oder Röntgen liefern ein Gesamtbild. Foto: © AdobeStock/Maliloani

Doch wie findet man denn nun heraus, ob eine Katze wirklich FIP hat oder nicht?

Es gibt Schnelltests, die anhand von Kotproben feststellen können, ob eine Katze Coronaviren ausscheidet oder nicht. Diese Tests können allerdings nicht unterscheiden, ob es sich dabei um die FIP-Mutante oder um das harmlose Vorläufer-Virus handelt. Daher sind sie zur endgültigen Diagnose einer FIP-Erkrankung unbrauchbar. Gleiches gilt für die Antikörper-Bestimmung über das Blut. Hier kann man zwar auch feststellen, ob eine Katze mit dem Coronavirus infiziert war, allerdings nicht, ob dieses dann im Körper der Katze zur üblen Form mutiert ist. Einzig über eine aufwendigere PCR-Untersuchung von Blut (Polymerase-Kettenreaktion), Flüssigkeit aus Ergüssen oder Gewebe kann ein FIP-Virus-Nachweis geführt werden, allerdings gelingt auch der nicht immer. Der Tierarzt muss die Symptome, die er sieht, aufaddieren. Blutwerte, klinische Untersuchung, die Analyse von Körperflüssigkeiten und eventuell Ultraschalluntersuchung oder Röntgen liefern ein Gesamtbild. Die Summe der Befunde ergeben dann oft eindeutige Hinweise, so dass die schlimme Diagnose auch ohne den endgültigen FIP-Nachweis gestellt werden kann.

Schnelltest Corona Parvo Giardien.
Schnelltest Corona Parvo Giardien. Foto: © Dr. Tina Hölscher, aktion tier

Schnelltests und Antikörpertests können nur zeigen, ob eine Katze Coronaviren hatte – nicht, ob daraus FIP entstanden ist. Einen Nachweis liefert nur eine PCR-Untersuchung, die jedoch nicht immer gelingt. Deshalb basiert die Diagnose meist auf der Summe aller Befunde wie Symptomen, Blutwerten und bildgebenden Untersuchungen.

Bis vor kurzem blieb nur, das Tier auf seinem letzten Weg zu begleiten und ihm dabei Leid und Schmerzen zu ersparen. Doch moderne Medikamente können nun den Todgeweihten helfen.

Es ist die Rede von einem Stoff mit dem bizarren Titel Nukleotid-Analog GS-441524. Studien berichten von Heilungsquoten bis zu 90 %. Doch ein Spaziergang ist die Therapie nicht. Über mehrere Wochen muss die Katze das Präparat bekommen, optimalerweise begleitet von regelmäßigen Blutuntersuchungen. Dazu kommt die symptomatische Behandlung, da die meisten Patienten zu Beginn in einem sehr schlechten Zustand sind. Und billig ist das Ganze leider auch nicht. Das neue Medikament gegen FIP kostet je nach Körpergewicht der Katze und nach Schwere des Verlaufes zwischen 500 und 1500 Euro für einen Behandlungszyklus. Doch es ist die einzige Chance, die das Tier hat, um zu überleben.

Kater Fritzi hat sich von der FIP-Erkrankung gut erholt.
Kater Fritzi hat sich von der FIP-Erkrankung gut erholt. Foto: © Dr. Tina Hölscher, aktion tier

Ein weiterer Faktor, der die Therapie verkompliziert, kommt hinzu. Tierärzte dürfen das Präparat bisher weder beziehen noch verabreichen, da es in Deutschland nicht zugelassen ist.

Das heißt in der Konsequenz, der Tierhalter muss sich selbst darum kümmern, wo er die Medikamente herbekommt. Im Internet existieren diverse Foren, über die man sich bezüglich der Bezugsquellen informieren kann. Der Besitzer muss keine rechtlichen Folgen befürchten, wenn er seinem Haustier das neue Präparat verabreicht, der Tierarzt hingegen schon. Ein Paradoxon, aber so ist es. Den Tierärzten sind bezüglich der Behandlung von FIP mit wirksamen Medikamenten also die Hände gebunden. Verabreichen sie einem Tier ein nicht zugelassenes Medikament, ist das eine Straftat. Sie können ihre Approbation und damit ihre Existenz verlieren. Will ein Besitzer seinem todkranken Schützling helfen, muss er selbst ran. Zugegeben, es ist aufwendig, teuer, erfordert Mut und Einsatz. Aber es ist der einzige Weg, seinem kleinen Schmusetiger das Leben zu retten. Katzen, die an FIP erkrankt sind, haben leider keine sieben Leben, außer ihr Besitzer hilft volle Pulle mit! Dann haben sie zumindest zwei.

Dr. med. vet. Tina Hölscher

Tierärztin bei aktion tier – menschen für tiere e.V.