aktion tier Wildtier- und Artenschutzstation Sachsenhagen

Lurch des Jahres 2026

Mit der Wahl des lackschwarzen Alpensalamanders (Salamandra atra) zum Lurch des Jahres 2026 stellt die Deutsche Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde e. V. (DGHT) eine nicht nur wegen ihrer Färbung außergewöhnliche Amphibienart in den Fokus der Öffentlichkeit.

Alpensalamander.
Alpensalamander. Foto: © Axel Kwet

Der lebendgebärende Bewohner unwirtlicher Gebirgszonen ist ein Überlebenskünstler – und steht für die Vielfalt und Verwundbarkeit alpiner Lebensräume. Auch die Wildtier- und Artenschutzstation setzt sich im Rahmen des „Kompetenzzentrum Alpensalamander“ gemeinsam mit dem Erlebnis Zoo Hannover gGmbH und Citizen Conservation e.V. für den Erhalt besonders bedrohter Unterarten des Alpensalamanders ein.

Zur Vorgeschichte:

Zur Vorgeschichte: Im Herbst 2024 wurden im Keller einer Privatperson mehrere Dutzend Alpensalamander behördlich beschlagnahmt. Sie waren zuvor illegal in den italienischen Alpen abgesammelt worden. Es handelte sich dabei fast ausschließlich um Exemplare von drei extrem seltenen und vom Aussterben bedrohte Arten bzw. Unterarten dieser Amphibien, die ausschließlich in wenigen abgelegenen Tälern in alpinen Höhenlagen vorkommen. Der von den Behörden als sachverständiger Salamander-Experte zu Hilfe gezogene Privathalter Uwe Seidel nahm die Salamander, die sich zum Teil in gesundheitlich schlechtem Zustand befanden, zunächst in seine Obhut. Da eine Rückführung in den ursprünglichen Lebensraum nach Rücksprache mit den zuständigen Behörden nicht mehr infrage kam, war ihm schnell klar, dass die Salamander unbedingt in ein Artenschutzprojekt überführt werden mussten, da sie einen unschätzbaren Wert für den dringend notwendigen Aufbau einer ex situ-Population darstellen

Lebensraum des Alpensalamanders im Allgäu.
Foto: © Axel Kwet

Aufgrund der hohen Gefährdung im Freiland stellen solche Populationen in Menschenobhut eine wichtige Sicherheitsreserve dar, sollte eine dieser kritisch bedrohten Salamanderarten in der Natur aussterben. Deswegen hat Uwe Seidel die Artenschutzorganisation Citizen Conservation über den wertvollen Bestand an Salamandern informiert und bei der gemeinsamen Suche nach geeigneten Institutionen ist man in der aktion tierWildtier- und Artenschutzstation Sachsenhagen und dem Zoo Hannover fündig geworden, die sich bereit erklärt haben, an diesem Projekt mitzuarbeiten. Nach Zustimmung der für den Fall verantwortlichen Behörde, dem Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN), konnte der Bestand auf diese beiden Einrichtungen aufgeteilt werden und die Terrarienanlage in der Wildtier- und Artenschutzstation wurde durch Citizen Conservation finanziert.

Die Herausforderung:

Ein Problem ist, dass es kaum Erfahrungen in der dauerhaften Haltung und noch weniger mit der Nachzucht von Alpensalamandern gibt.

Beim nah verwandten Feuersalamander gibt es über rund 120 Jahre Zuchterfahrung. Erhaltungszuchtprojekte ließen sich hier relativ einfach etablieren. Die an alpine Lebensräume angepassten Alpensalamander benötigen auch in der Haltung klimatische Bedingungen, die den natürlichen Verhältnissen entsprechen, d. h. sie mögen es kühl und brauchen eine Tag- und Nachtabsenkung der Temperaturen, wie es in Hochgebirgslagen normal ist. Bei dauerhaft warmen Temperaturen können Alpensalamander nicht lange überleben.

Anlage zur Haltung der Alpensalamander in der Wildtier- und Artenschutzstation.
Anlage zur Haltung der Alpensalamander in der Wildtier- und Artenschutzstation. Foto: © Dr. Florian Brandes

Glücklicherweise besitzen die ehemals als Munitionslager gebauten Bunker auf dem Gelände der Wildtier- und Artenschutzstation genau die richtigen kühlen Temperaturen, bei denen sich Alpensalamander wohl fühlen. Mit einer entsprechenden Beleuchtung ausgestattet, lassen sich die Temperaturen tagsüber leicht erhöhen, sodass die Salamander die für ihre Futteraufnahme, Verdauung und andere Aktivitäten notwendige Vorzugstemperatur erreichen. Durch ein Angebot von verschiedenen Temperaturzonen im Terrarium hoffen wir, den Salamandern gute Bedingungen zur dauerhaften Haltung und hoffentlich auch zur Fortpflanzung zu bieten.

Der Aurora-Alpensalamander
Der Aurora-Alpensalamander (Salamandra atra aurorae) hat – anders als der entwicklungsgeschichtlich jüngere „normale“ Alpensalamander – Reste der gelben Warnfärbung seiner Vorfahren erhalten. Foto: © Dr. Florian Brandes

Bis es zu einer erfolgreichen Reproduktion kommen kann, ist allerdings Geduld gefragt!

Alpensalamander bringen als Anpassung an ihre alpine Lebensweise nach einer Tragzeit von 2-4 Jahren wenige voll entwickelte kleine Salamander zur Welt. Diese äußerst geringe Reproduktionsrate macht Alpensalamander so anfällig für negative Einflüsse in ihren Habitaten. Verluste in den Populationen können nur schwerlich ausgeglichen werden. Besonders das illegale Absammeln fügt den Populationen schwere Schäden zu, weil hier Teile der reproduzierenden Population entnommen werden. In der Wildtierstation konnten wir bereits einen Teilerfolg in der Zucht des Lanzas Alpensalamander verbuchen. Ein Weibchen hat ein gut entwickeltes und vitales Jungtier zur Welt gebracht. Da die Verpaarung aber noch in der Natur stattgefunden haben muss und das Muttertier tragend der Natur entnommen wurde, handelt es sich eben nicht um eine echte Nachzucht. Immerhin scheinen sich die Salamander bei uns in der Wildtierstation so wohl zu fühlen, dass das Jungtier erfolgreich ausgetragen wurde.

Der erste Nachwuchs beim Lanzas-Alpensalamander
Der erste Nachwuchs beim Lanzas-Alpensalamander: Mutter und Jungtier sitzen gemeinsam im Versteck unter einer Tonplatte.

Die Arten

Lanzas Alpensalamander 

(Salamandra lanzai)

Der Lanzas Alpensalamander stellt eine eigene Art dar und lebt ausschließlich in einem kleinen Gebiet der Westalpen in der Grenzregion zwischen Italien und Frankreich, den Cottischen Alpen im westlichen Piemont. Er kommt dort in Höhen zwischen etwa 1.200 und 2.600 Metern NN vor, wobei überwiegend Biotope wie feuchte Alpenweiden, Zwergstrauchheiden und Schutthalden besiedelt werden. Der Lanzas Alpensalamander ist dem auch in Deutschland heimischen Alpensalamander (Salamandra atra) sehr ähnlich, weist jedoch einen robusteren Körperbau sowie einen abgerundeten Schwanz auf.

Lanzas-Alpensalamander
Lanzas-Alpensalamander Foto: © Dr. Florian Brandes

Aurora-Alpensalamander

(Salamandra atra aurorae) 

Der Aurora-Alpensalamander ist eine in einem sehr kleinen Verbreitungsgebiet endemische Unterart der Nominatform des Alpensalamanders (Salamandra atra atra), und kommt nur in der italienischen Provinz Vicenza in Höhenlagen zwischen 1300 m und 1800 m vor. Er zeichnet sich dadurch aus, dass er in veränderlichen Anteilen eine gelbe Zeichnung, insbesondere entlang der Rückenlinie, aufweist. Das Habitat besteht aus Tannen- und Mischwaldbeständen auf einem ausgeprägten Lücken- und Kluftsystem, das den Tieren Rückzugsmöglichkeiten in tiefe Bodenbereiche ermöglicht.

Aurora-Alpensalamander.
Aurora-Alpensalamander. Foto: © Dr. Florian Brandes

Pasubio-Alpensalamander

(Salamandra atra pasubiensis) 

Wie der Aurora-Alpensalamander stellt auch der Pasubio-Alpensalamander eine Unterart des Alpensalamanders dar, die nur ein sehr kleines Verbreitungsgebiet im Pasubio-Massiv in den venezianischen Alpen in Nordostitalien hat. Er besiedelt ein offenes Hochtal mit schroffen Felswänden in einer Höhe von 1450 –1700 m. Die Vegetation besteht hauptsächlich aus Gräsern und einzelnen kleinen Bäumen zwischen Felsen und Geröllschutthaufen.

Pasubio-Alpensalamander.
Pasubio-Alpensalamander. Foto: © Dr. Florian Brandes

Bedrohungsfaktoren

llegales Absammeln 

Obwohl Alpensalamander nach dem Bundesnaturschutzgesetz streng geschützt sind und auch in der gesamten Europäischen Union in der Fauna-FloraHabitat-Richtlinie in Anhang IV als streng zu schützende Art geführt werden, werden immer noch Tiere in den Herkunftsgebieten illegal abgesammelt, da sie hohe Preise auf dem Schwarzmarkt erzielen. Da der Alpensalamander eine sehr geringe Fortpflanzungsrate hat, können diese Verluste nicht ausgeglichen werden. Noch dazu ist das Risiko der Einschleppung von Bsal, ein für Salamander Tod bringender Pilz, durch die illegalen Sammler, die in der Regel selber Salamanderhalter sind und sich durch verschiedene Salamanderhabitate bewegen, besonders hoch.

Salamanderfresser

(Batrachochytrium salamandrivorans) 

Es handelt sich bei dem Salamanderfresser um einen, abgekürzt auch als „Bsal“ bezeichneten Pilz, der eine für Schwanzlurche (Molche und Salamander) tödliche Hauterkrankung auslöst. Deutschland gilt als „Bsal-Hotspot“ – besonders unser heimischer Feuersalamander ist betroffen und ganze Populationen drohen ausgelöscht zu werden. Das Herkunftsgebiet von Bsal ist Asien, der Pilz ist in Japan, China und Südostasien weit verbreitet und kommt dort seit Jahrmillionen vor. Die dort heimische Amphibienfauna konnte sich über einen langen Zeitraum auf die Gegenwart des Erregers einstellen, infizierte Amphibien zeigen dort keine Krankheitssymptome. Batrachochytrium salamandrivorans ist wahrscheinlich mit dem internationalen Amphibienhandel in die Niederlande eingeschleppt worden. Für die europäischen Schwanzlurche ist der Erreger neu und kann regelrechte Massensterben auslösen. Sollte Bsal in die Lebensräume kleiner und fragiler Alpensalamander Populationen eingeschleppt werden, besteht für diese ein sehr hohes Risiko, dass sie komplett aussterben.

Klimawandel

Die Auswirkungen des Klimawandels auf die Lebensräume dieser Alpensalamander können dramatische Folgen haben. Neben der Erwärmung der Gebiete kann das Abschmelzen der Gletscher auch zu Veränderungen im Wasserhaushalt der alpinen Lebensräume führen. Bei dem derzeitigen Tempo, in dem die Auswirkungen des Klimawandels im Alpenraum deutlich werden, können eng an die bisherigen Verhältnisse angepasste Arten wie der Alpensalamander nicht Schritt halten. Schon kleine Veränderungen im Lebensraum können dramatische Folgen für das Überleben der Alpensalamander haben.

Dr. Florian Brandes

Stationsleiter, Fachtierarzt für Wildtiere und Artenschutz