Kaum jemand weiß, dass in der intensiven Aquakultur häufig eine Praxis zum Einsatz kommt, die aus Tierschutzsicht hoch problematisch ist: die sogenannte Augenstielablation. Dabei werden weiblichen Garnelen ein oder beide Augenstiele entfernt. Hintergrund ist ein hormoneller Mechanismus. In den Augenstielen wird ein Hormon gebildet, das die Reifung der Eierstöcke hemmt. Wird diese Struktur entfernt, setzt die Eientwicklung innerhalb weniger Tage ein. Die Tiere laichen früher und teilweise auch häufiger. Für Zuchtbetriebe bedeutet das eine schnellere und besser planbare Produktion. Doch der Eingriff hat erhebliche Folgen. Die Augenstiele sind nicht nur hormonelle Schaltstellen. Sie enthalten wichtige Sinnesorgane für Lichtwahrnehmung und Orientierung. Die Entfernung bedeutet einen massiven Eingriff in den Organismus. Die schmerzhafte Prozedur wird in der Regel ohne Betäubung durchgeführt. Tierschützende, Fachleute und Wissenschaftler stufen sie als gravierendes Tierwohlproblem ein.
Wenn Zuchtmethoden Schmerz zum System machen – Augenstielablation bei Garnelen
Garnelen galten einst als Delikatesse, heute gehören sie für viele Menschen ganz selbstverständlich auf den Teller. Der Verbrauch ist hoch, auch in Deutschland werden jedes Jahr enorme Mengen importiert und verzehrt. Der jährliche Konsum in Deutschland liegt bei ca. 2,5 Milliarden Garnelen, über 90 % werden aus Indien, Südostasien und Südamerika importiert.

Wussten Sie dass …
Garnelen miteinander über Klick- und Knackgeräusche „sprechen“? Damit gehören sie zu den lautesten Tieren der Meere.
Aktuelle Studien zeigen, dass Krebstiere Schmerz, Stress und Angst empfinden können.
Nach einer Ablation reagieren Garnelen mit Fluchtbewegungen, heftigem Schwanzschlagen oder dem Reiben der verletzten Stelle. Zudem steigt die Sterblichkeit. Viele Tiere sind geschwächt, anfälliger für Infektionen und zeigen eine verringerte körperliche Fitness. Auch die Nachkommen sind oft weniger widerstandsfähig gegenüber Krankheiten wie dem WhiteSpot-Virus. Zwar erhöht sich die Zahl der Eiabgaben, doch Eigröße und Überlebensrate der Larven verbessern sich nicht zwingend. Im ökologischen Landbau in Europa ist die Augenstielablation seit 2016 verboten. Hier steht das Tierwohl offiziell im Vordergrund. Auch einzelne große Produzenten und internationale Handelsketten haben angekündigt, auf Garnelen aus ablatierter Zucht zu verzichten oder entsprechende Lieferketten umzustellen. Dennoch ist die Methode weltweit weiterhin verbreitet. Dabei gibt es Alternativen.
Garnelen besitzen eine der außergewöhnlichsten Sehfähigkeiten im Tierreich. Einige Arten – besonders die Fangschreckenkrebse – verfügen über bis zu 16 Farbrezeptoren (Menschen haben nur 3) und können dadurch UV-Licht, polarisiertes Licht und unsichtbare Farbspektren wahrnehmen. Ihre Augen bewegen sich unabhängig voneinander und scannen die Umgebung wie zwei kleine Radarsysteme. Diese hochentwickelte Wahrnehmung hilft ihnen bei Jagd, Kommunikation und Tarnung.
Fachleute aus Australien haben in einer internationalen Befragung von Zuchtbetrieben herausgearbeitet, dass verbesserte Fütterung, optimierte Umweltbedingungen und angepasste Geschlechterverhältnisse vielversprechende Ansätze sind. Diese Maßnahmen fördern die natürliche Reifung der Tiere, ohne sie hormonell oder körperlich zu schädigen.
Ein Pilotprojekt in Honduras untersuchte gezielt die Zucht von nicht ablatierten Weißbeingarnelen (Litopenaeus vannamei). Das Ergebnis: Die Nachkommen dieser Tiere waren deutlich robuster gegenüber verbreiteten Erkrankungen wie dem Early Mortality Syndrome und dem White-Spot-Virus. Das spricht dafür, dass tierfreundlichere Verfahren nicht nur ethisch geboten, sondern auch langfristig wirtschaftlich sinnvoll sein können.
Early Mortality Syndrome (EMS)
Ein bakterielles Krankheitsbild in der Garnelenzucht, das das Verdauungsorgan (Hepatopankreas) akut schädigt und in den ersten Wochen zu sehr hoher Sterblichkeit führt.
White-Spot-Virus (WSSV)
Ein hochinfektiöses Virus, das die White-Spot-Disease verursacht und innerhalb weniger Tage ganze Bestände töten kann; typisch sind weiße Flecken auf dem Panzer, aber sie müssen nicht immer sichtbar sein.
Die Augenstielablation steht beispielhaft für ein System, in dem Effizienz und Produktionssteigerung über das Wohlergehen der Tiere gestellt werden.
Hier werden Tiere den Haltungsund Produktionsbedingungen angepasst anstatt andersherum. Garnelen sind keine gefühllosen Rohstoffe. Sie sind empfindungsfähige Lebewesen mit komplexen Sinnes- und Hormonsystemen. Eingriffe, die Schmerzen verursachen und gesundheitliche Schäden in Kauf nehmen, dürfen nicht als bloßer „Produktionsschritt“ betrachtet werden. Eine verantwortungsvolle Aquakultur braucht klare gesetzliche Grenzen, transparente Standards und wirksame Kontrollen. Ebenso wichtig ist eine kritische Nachfrage der Verbraucher. Wer Tierleid reduzieren will, muss auch bei Meerestieren genau hinsehen. Nur wenn wirtschaftliche Interessen nicht länger über das Wohl der Tiere gestellt werden, kann sich die Praxis grundlegend ändern.
Deutschland konsumiert pro Jahr rund 2,5 Milliarden Garnelen.
Diese Menge ergibt sich aus einem jährlichen Verbrauch von etwa 50.000 Tonnen, was – bei ca. 20 g pro Tier – rund 2,5 Milliarden Individuen entspricht.
(Quelle www.heise.de)



