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Mit gutem Gewissen zubeissen?Das Osterlamm aus Übersee

Von Jan Peifer, März 2010. Das Osterlamm in seiner ursprünglichen Form hat seine religiöse Bedeutung in unserem Kulturraum weitgehend verloren, an die Stelle des traditionellen Lammessens tritt vielerorts seit Jahren Gebäck in Lammform. Dennoch belegen die Statistiken der zentralen Markt- und Preisberichtstelle, dass der Konsum von Lamm- und Hammelfleisch immer noch besonders an Ostern Konjunktur hat. Für die deutsche Fleischwirtschaft hat die Schafzucht keine große Bedeutung, das Lammfleisch stammt zumeist aus Übersee.

In Australien und vor allem Neuseeland werden die Tiere auf riesigen Farmen gehalten. Da die Tiere auch zur Gewinnung von Wolle genutzt werden, werden sie meist im Freien in Herden gehalten, damit sich Fell und Wolle voll entwickeln können. Während Lämmer meist im Alter von sechs bis zwölf Monaten geschlachtet werden, verbringen nur die Muttertiere den Winter in Ställen. Zwar ist die Schafzucht bisher von der industriellen Massentierhaltung im Großen und Ganzen verschont geblieben; eines der schlimmsten Merkmale artenwidriger Unterbringung und Versorgung müssen jedoch trotzdem jährlich viele Hunderttausende Lämmer erfahren.

Zwei Prozent der Tiere sterben beim Transport

In Viehtransportschiffen, die bis zu 100 000 Tiere aufnehmen können, werden sie in einer knapp dreiwöchigen Reise bis nach Ägypten und von hier nach ganz Asien verschifft. Der Grund: Das muslimische Opferfest wird in vielen vorderasiatischen und nordafrikanischen Regionen nach strengen Vorschriften begangen, zu denen auch das Tieropfer zählt. Hierfür werden meist Schafe gewählt; die klimatischen Voraussetzungen erlauben jedoch Schafzucht im großen Stil nicht. Um sicherzustellen, dass trotzdem nach islamischem Brauch geschächtet (das Tier also durch Durchschneiden der Kehle getötet) werden kann, müssen die Tiere lebend über den Seeweg transportiert werden. Dass die bei Viehtransporten immer wieder festgestellten Mängel an Platz, Wasser und Futter auch hier zum Alltag gehören, zeigt die fest eingeplante „Verlustrate“ von ca. zwei Prozent pro Transport. Dies bedeutet: Auf einem mit 100 000 Tieren beladenen Schiff werden von den Händlern 2000 tote Lämmer eingeplant, die den Transport nicht überleben.

Möglicherweise geht nicht nur der Brauch des Lammopfers in den verschiedenen Religionen, sondern auch das Sprichwort vom „dummen Schaf“ auf die Tatsache zurück, dass Schafe und Lämmer Quälereien bis hin zum Tode oft hinnehmen, ohne einen Laut von sich zu geben. Forscher gehen allerdings davon aus, dass Schafe deutlich klüger sind, als allgemein vermutet wird; in Experimenten wurden sowohl ausgeprägtes Lernverhalten als auch Gedächtnisleistung nachgewiesen. Das Verstummen der Tiere bei Gefahr wird im Allgemeinen mittlerweile als besondere evolutionsbedingte Verhaltensweise interpretiert, die dem Schutz der Tiere dienen soll. Indem ein Schaf, in freier Natur ein klassisches Beutetier für Raubtiere wie den Wolf oder Bären, sich bei Gefahr totstellt, verliert der Räuber in der Regel das Interesse, da sein Jagdinstinkt nicht mehr gereizt wird.

Australische und neuseeländische Lämmer werden aufgrund von EU-Agrarsubventionen und fehlenden Importzöllen auch in der EU noch weiter transportiert. Die Tiertransporte reihen sich dabei ein in die grausame Riege der Viehtransporte anderen Schlachtviehs; der vorgeschriebene Platz, der einem Schaf zur Verfügung stehen muss, reicht von 0,2 m² für ein Lamm bis zu 0,5 m² für ein hochträchtiges Mutterschaf. In Deutschland spielt die Zucht von Schafen zur Fleischgewinnung eine untergeordnete Rolle, meist werden Schafe und Lämmer hier vorrangig zur Landschaftspflege, etwa von Deichgebieten, eingesetzt. EU-weit sinkt die Zahl der heimischen Lämmer stetig, alleine in NRW, dem bevölkerungsreichsten deutschen Bundesland, reduzierte sich die Menge der hier lebenden Lämmer von 2002 bis 2009 um 20 Prozent.