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„Büffelfriedhöfe“ sorgen für Aufsehen

Brot mit Erbsenpürree und Büffelmozzarella
Büffelmozzarella gilt als Delikatesse. Foto: Pixel1 / CC0 1.0 Universell CC0 1.0

Von Jan Peifer, Oktober 2016. „Mozzarella di Bufala“, zu Deutsch „Büffelmozzarella“, gilt als edles Lebensmittel. Eine Krone der italienischen Küche, für die gerne und viel Werbung gemacht wird. Ob auf der Pizza oder pur mit Tomaten, Basilikum oder Salbei und Öl – kaum jemand denkt hier an Tierquälerei. Und doch verbirgt sich hinter dem berühmten weißen Käse nicht nur eine Erfolgsgeschichte, sondern auch ein dunkles Geheimnis.

Italiens Süden, und insbesondere die Region Kampanien mit der Hauptstadt Neapel, gilt als Hochburg des Mozzarellas, der Name Mozzarella di Bufala Campana ist durch die EU geschützt. Nur hier hergestellter Mozzarella darf die begehrte DOP- Auszeichnung (italienisch: denominazione di origine protetta, deutsch: geschützte Ursprungsbezeichnung) tragen. In Kampanien leben mit etwa 280.000 die meisten der rund 380.000 Büffel, die in Italien gehalten werden. Jährlich werden hier knapp 38.000 Tonnen Mozzarella produziert, fast dreimal so viel wie noch vor 20 Jahren. Neben den Italienern selbst sind vor allem Deutschland, Frankreich und die USA die Hauptabnehmer. Büffel und der Käse aus ihrer Milch haben in Italien eine lange Geschichte, die ersten Erwähnungen von Mozzarella sind mehr als 600 Jahre alt. Ursprünglich galten Büffel vor allem als gefügige Arbeitstiere, noch heute werden sie in asiatischen Ländern als Last- und Zugtiere gern genutzt. Neben der Arbeitskraft nutzten auch italienische Bauern Milch und Fleisch der Tiere, doch im Lauf der Zeit und vor allem der Industrialisierung hat sich die Bedeutung gewandelt.

Büffel auf saftigen Wiesen, wie man sie hierzulande auf den Werbebildern der Mozzarellapäckchen sieht, gibt es kaum noch. Büffel werden gezüchtet, um ihre Milch in teuren Käse zu verwandeln – dazu stehen sie wie Milchkühe vor allem im Stall. Überhaupt ist das ganze Leben der Büffel mit dem der Milchkühe vergleichbar – denn auch eine Büffelkuh gibt nur Milch, wenn sie ein Kalb hat. Damit der Milchstrom nicht versiegt, muss sie jährlich ein Jungtier zur Welt bringen. Die weiblichen Kälber rücken später an die Stelle ihrer Mutter, sie werden ein Teil der Büffelmilchproduktion, ein Leben in der Intensivtierhaltung (meist) im Stall steht ihnen bevor. Doch ihre männlichen Geschwister erwartet oft ein weitaus schlimmeres Schicksal. Denn männliche Büffel sind für die Milchindustrie nicht von Belang, die Mast ist langwierig und teuer und für den großen Markt damit uninteressant. Büffelfleisch gilt als minderwertig und findet lediglich in der Tierfutterindustrie Verwendung. Auf die meisten männlichen Büffelkälber wartet daher oft das gleiche grausame Ende wie auf Millionen männliche Küken, die als Ausschuss der Eierindustrie gelten: Sie werden unmittelbar nach der Geburt getötet. Viele Züchter sehen die Kälber ausschließlich als Kostenfaktor und Abfall, und genauso behandeln sie die Tiere auch.

Immer wieder sorgen sogenannte „Büffelfriedhöfe“ in Italiens Mozzarellaregionen für Aufsehen, die von Tierschützern entdeckt werden: Gruppen von viel zu jungen Kälbchen werden ohne Schutz, ohne Nahrung und Wasser auf winzigen Weideflächen sich selbst überlassen, bis sie verhungern und verdursten. Damit sie dabei nicht bemerkt werden, werden ihnen oft die Mäuler verbunden oder die Beine gefesselt. Recherchen haben gezeigt, dass auch das Erschlagen oder Ertränken von Kälbern zum Alltag in der Büffelmilchindustrie gehört. Die Zahl der so entsorgten Kälber ist ungewiss, nur wenige Tiere werden legal in den Schlachthöfen getötet. Tierschützer sprechen von rund 70.000 getöteten Kälbern jährlich, andere Schätzungen gehen von einer Größenordnung von über 100.000 Tieren pro Jahr aus. In manchen Regionen bekommen Züchter mittlerweile eine Prämie für jedes Kalb, welches im Schlachthof landet; man hofft, die illegalen Tötungen so einzudämmen. Doch dürfen die Tiere erst etwa drei Wochen nach der Geburt zur Schlachtbank geführt werden, vorher gelten sie noch nicht als transportfähig. Selbst diese kurze Zeit ist manchen Züchtern aber zu lang – und so landen immer wieder Berichte von Büffelfriedhöfen in den Zeitungen rund um Neapel. Offiziell werden die Missstände in der Büffelzucht heruntergespielt, es handele sich um Einzelfälle, die nicht repräsentativ seien. Das Bild, was sich aus der Recherche von Tierschützern vor Ort ergibt, spricht jedoch eine andere Sprache. Wer dieses Leid und das tausendfache Sterben der männlichen Büffel für die Mozzarellaproduktion nicht unterstützen möchte, sollte auf den Kauf des „blutigen Käses“ in Zukunft lieber verzichten und zu pflanzlichen Alternativen wie Käse aus Cashewnüssen greifen, die nicht nur in Geschmack und Konsistenz dem Original mittlerweile täuschend ähnlich sind, sondern sogar ganz auch einfach selbst hergestellt werden können.