Schwerpunktthemen Animal Hoarding: Wenn ausufernde Tierhaltungen zur Tierquälerei werden

Menschen, die Dinge sammeln und damit ihre Wohnung vollstopfen, werden als „Messies“ bezeichnet. Ein ganz ähnliches Phänomen, bei dem jedoch anstelle toter Gegenstände lebende Tiere in großer Zahl angehäuft werden, nennt man Animal Hoarding (übersetzt „Tiere sammeln“, „Tiere horten“). Tiermessies sammeln und horten vorrangig Hunde, Katzen, Kleintiere und Exoten wie etwa Schlangen.

Im Animal Hoarding Fall Wölmsdorf (Brandenburg) übernahm aktion tier e.V. über 130 Katzen. Foto: © aktion tier e.V./Bauer

Geschichte

Bereits im Jahr 1999 hat ein amerikanischer Tierarzt in einer Studie den Begriff „Animal Hoarding“ geprägt und die Vermutung geäußert, dass es sich um eine psychische Erkrankung handelt. 2000 veröffentlichte ein Psychologe dann erstmalig einen Artikel in einer amerikanischen Fachzeitschrift über das Phänomen, dem meistens eine besessen/zwanghafte Persönlichkeitsstörung, aber auch unterschiedliche Formen von Suchtverhalten oder Bindungsstörungen zu Grunde liegen sollen. Bis heute sind weitere Studien zum Thema fast ausschließlich in den USA erschienen. Natürlich gibt es auch in Deutschland Tiermessies, und inzwischen weiß aufgrund zahlreicher medialer Berichterstattungen auch jeder, worum es sich dabei handelt. Trotzdem werden Animal Hoarding-Fälle von den hiesigen Behörden oft immer noch nicht hinreichend ernst genommen. Dabei ist eine steigende Tendenz zu beobachten, und auch die Größe der Tierbestände nimmt teilweise erschreckende Ausmaße an.

Typische Animal Hoarding Merkmale

Nach unserer Definition liegt ein typischer Animal Hoarding- Fall dann vor, wenn eine außergewöhnlich hohe Anzahl von Tieren gehalten wird und dabei die Mindestanforderungen an eine ordentliche Tierhaltung nicht mehr erfüllt werden. Eine umfangreiche Tierhaltung allein macht also noch keinen Animal Hoarding-Fall aus. Werden die Tiere gut untergebracht, versorgt und liebevoll betreut, ist im Grunde alles in Ordnung. Wobei eine hohe Bestandszahl immer potenziell problematisch ist, denn auch die aktuell beste Tierhaltung kann böse enden, wenn der Besitzer beispielsweise krank wird oder in finanzielle Schwierigkeiten gerät. Dann kann schnell der 2te Faktor zur Realität werden: Die Tierhaltung ist nicht mehr ordnungsgemäß und mit geltenden Tierschutzvorschriften vereinbar.

Bei einem typischen Animal Hoarding-Fall sind die Tiere allgemein verwahrlost, unter- oder fehlernährt und verhaltensgestört. In der Regel sind die Tierhaltebereiche ungeeignet (Wohnungen, Bauwagen, provisorische Verschläge), und mit Müll, Kot und Urin verdreckt. Kranke, verletzte und tote Tiere inmitten des ganzen Chaos sind keine Seltenheit.

Wie tickt ein Tiermessie?

Nach unseren Erfahrungen bilden die Mehrheit der Animal Hoarder alleinstehende, sozial isolierte Menschen ab 50 Jahre. Unter ihnen gibt es viele, die aktiv Tiere anschaffen. Entweder, weil sie ihre Tierhaltung als Sammlung begreifen und unbedingt zum Beispiel möglichst viele Arten von Vogelspinnen oder unterschiedliche Farbvarianten einer Schlangenart besitzen möchten. Oder sie werden von der Überzeugung getrieben, Tiere „retten“ zu müssen, da es diese grundsätzlich nur bei ihnen gut haben.

Daneben findet sich der Animal Hoarder-Typus, der einfach unreflektiert jedes Tier aufnimmt, das ihm gebracht wird. Aus Mitleid und weil er einfach nicht „nein“ sagen kann. Bei manchen Menschen beginnt es auch ganz harmlos mit einigen unkastrierten Katzen, Hunden oder Meerschweinchen, die sich unkontrolliert vermehren. Die Unfähigkeit der Halter, einzugreifen oder rechtzeitig um Hilfe zu bitten, führt schließlich zu einer unüberschaubaren Zahl an verwahrlosten und kranken Tieren. Aber auch professionelle Züchter können zu Animal Hoardern werden. Kommt es beispielsweise zu länger andauernden Absatzschwierigkeiten der „Ware Tier“, kann auch hier die Haltung völlig aus dem Ruder laufen.

Mit der stetig wachsenden Tierzahl verschlechtern sich auch die Haltungsbedingungen. Hinzu kommen unweigerlich finanzielle Schwierigkeiten. Tierarzt, Futter, Miete, Strom und Wasser können schließlich nicht mehr bezahlt werden, was wieder zu Lasten der Tiere geht. Typischen Tiermessies fehlt nicht nur die Fähigkeit, rechtzeitig die Bremse zu ziehen, sondern auch jegliche Einsicht in die negativen Folgen ihres Tuns. Paradoxerweise verstehen sie sich selbst sogar meistens als Tierschützer und bezeichnen ihre chaotischen Sammelstationen als „Gnadenhöfe“.

Animal Hoarding entsteht nicht über Nacht

Die langsame Eskalation vollzieht sich in der Regel sogar unter den Augen der zuständigen Behörden und involvierter Personenkreise wie beispielsweise Gesundheitsämter, Pflegedienste, Tierärzte, Tierschutz, Polizei und Veterinärämter, die einfach jahrelang wegsehen. Leider wird auch die unreflektierte Sammelleidenschaft von Tiermessies oft ausgenutzt. Da sie in der Regel immer bereit sind, Tiere aufzunehmen, werden sie häufig von privaten Tierhaltern oder sogar Tierschutzorganisationen als „Abladeplatz“ missbraucht. Manchmal werden sogar Fundtiere durch die Behörden bei Tiersammlern untergebracht, wenn beispielsweise keine offizielle Tiersammelstelle vorhanden ist.

Nur die konsequente Wegnahme aller Tiere hilft

Oft versuchen Amtstierärzte, über eine verordnete Bestandsreduzierung Herr der Lage zu werden. In der Regel jedoch ohne Erfolg, denn Tiermessies verstecken häufig Tiere vor einer behördlichen Kontrolle, anstatt diese endgültig abzugeben und nehmen trotz vorgegebener Bestandsobergrenze weiter unkontrolliert Tiere auf, so dass die alten Zustände im Verborgenen bestehen bleiben oder sich sogar noch verschlimmern.

Die Rückfallquote vor allem bei langjährigen Tiersammlern mit großen Tierbeständen liegt gemäß unseren Erfahrungen bei fast 100 %! Wird ihnen auch nur eine geringe Anzahl an Tieren zugestanden, ist dies in der Regel die Keimzelle für eine neue „Sammlung“. Daher halten wir die konsequente behördliche Beschlagnahmung aller Tiere für die einzig erfolgversprechende Maßnahme. In Verbindung mit einem unbegrenzten Tierhalte- und Tierbetreuungsverbot kann so einer Wiederholungstat am effektivsten entgegen gewirkt werden.

Die Lösung: ein Animal Hoarder-Register

Wird der Druck zu groß, verschwinden Animal Hoarder häufig über Nacht und lassen dabei oft sogar Tiere zurück. An einem anderen Ort wird dann wieder von vorne begonnen – als unbeschriebenes Blatt. Nicht selten haben wir bei unseren Animal Hoarding-Fällen mehrere Standorte in Deutschland nachweisen können, an denen die Betroffenen ihr Unwesen getrieben haben. Bedauerlicherweise sind die deutschen Veterinärämter jedoch nicht miteinander vernetzt. Abhilfe würde hier ein bundesweites, behördeninternes Register schaffen, in dem Animal Hoarder und andere Tierquäler verzeichnet sind!

Ähnlich wie das bereits seit 2000 existirende Zirkus-Zentralregister hätte ein Animal Horder- oder Tierquäler-Zentralregister den Vorteil, dass sich Veterinärämter darüber informieren könnten, ob neu in ihrem Zuständigkeitsbereich auftretende Tierhalter in der Vergangenheit auffällig geworden und eventuell sogar mit einem Tierhalteverbot belegt sind, um dann enstprechend schnell zu handeln.

Das können Sie tun

Schon beim geringsten Anzeichen einer ausufernden Tierhaltung sollten sofort die Behörden eingeschaltet werden. Es müssen nicht erst hunderte von Tieren sein. Auch 10 in einer kleinen Wohnung zusammengepferchte Katzen oder fünf Hunde, auf engstem Raum gehalten, sind alarmierend und sollten gemeldet werden. Veterinär-, Ordnungs- und Gesundheitsämter sind gefordert, beherzt und vor allem rechtzeitig einzugreifen, um Schlimmeres zu verhindern.